Bei Krimis ist es wie bei jeder anderen Literaturgattung auch: Es gibt zu viele schlechte. Die Platzierung eines Buches auf der Amazon- Verkaufsrangliste sagt sowieso nichts über seine Qualität, bei Kriminalromanen kommt erschwerend hinzu, dass ihre Titel an marktschreierischer Blödigkeit oft nicht zu überbieten sind. Nicht mindestens eines der Wörter "tot", "Blut", "Mord" - in allen Varianten - unterzubringen, scheint Verlagsmitarbeitern undenkbar. Auf dem Cover nimmt man gern einen blutigen Handabdruck / ein blutiges Messer / irgendwas anderes mit viel Rot. Wie soll man in dieser roten Grütze die raren Kirschen finden? Es hilft nur: stochern.Ein solches Stochern könnte Iain McDowalls "Zwei Tote im Fluss" aufs heimische Lesetischchen bringe. Zwar ist der Titel ein Killer jeder Neugier, aber immerhin sind auf dem Cover nur diese vier Wörter leuchtend rot. Und gibt man dem Schotten McDowall dann eine Chance, nutzt er sie. Vor allem dadurch, dass er so ziemlich jedes Krimi-Klischee enttäuscht, Genre-Erwartungen elegant in eine andere Richtung führt, dass er ein wichtiges Thema wie Rechtsradikalismus anpackt, ohne dass es gleich die Weltverschwörung sein muss.
In einem britischen Kaff kommt ein junger Schwarzer ums Leben, er wird tot im Fluss gefunden. Aber da Familie, Freunde, Bekannte bestätigen, dass er psychisch sehr krank war, da es außerdem keine Anzeichen für die aus Krimis hinlänglich bekannte "Gewalteinwirkung" gibt, wird der Fall als Selbstmord zu den Akten gelegt. Erst beim zweiten Toten rollt Chief Inspector Jacobson alles wieder auf. Zwar hat er einen unfähigen Chef (dies ein beliebtes Krimi- Motiv), aber skrupellos ist der nicht, lässt vielmehr zu, dass er durch die neuen Ermittlungen dumm dasteht. Jacobson fragt also nochmals rum, geradlinig, unaufgeregt. Keine spektakulären Verfolgungsjagden gibt es bei McDowall, keinen Polizisten, der mit gezogener Waffe rumrennt, keine schrecklich zugerichteten Leichen. Dafür große und kleine Rassisten, große und kleine Gauner, gute und weniger gute Polizisten. Der schottische Autor, der nun erstmals übersetzt wurde und bei Amazon derzeit auf einem erschütternden 760 000. Platz dümpelt, pflegt ein Understatement, wie man es gern den Briten zuschreibt. Aber vielleicht ist auch das ein Klischee, zu dem Iain McDowall mühelos ein unerwarteter Konter einfallen würde.
Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau
Im Provinznest Crowby in den englischen Midlands wird ein Schwarzer tot aus dem Fluss gefischt, aber der ermittelnde Beamte denkt sich nichts dabei. Der Tote war psychisch gestört, das bestätigen alle, so einer stürzt, denken sie, schon mal von der Brücke und bricht sich das Genick. Also wird auf Selbstmord erkannt. Ein paar Wochen später taucht dann der Cousin des Toten auf, ein prominenter Journalist, und spricht von Belegen dafür, dass der vermeintliche Unfall ein Mord gewesen ist. Es steckten, so seine Behauptung, rechtsextreme Rassisten dahinter. Der nun ermittelnde Detective Chief Inspector Jacobson will ihm nicht glauben, auch wenn er den Verdacht hegt, dass manch einer in der Angelegenheit mit der einen oder anderen Information hinter dem Berg hält.
Für den Leser erweist sich schneller als für die Polizei: Im kleinen Crowby sind die Nazis los. Eine kleine, radikale Truppe von Rechtsextremisten mit landesweiten Ambitionen hat sich formiert und Iain McDowall gibt in von Kapitel zu Kapitel wechselnder Perspektive immer wieder auch Einblick in ihr Denken, Sprechen und Handeln. Beteiligt ist durchaus auch das, was man manchmal bessere Kreise nennt, aber besser sind nicht nur in diesem Fall vor allem die Finanzierungs- und Netzwerkmöglichkeiten. In Wahrheit natürlich nichts als der übliche Dreck, der sich freut, wenn die fanatisierten Kampfbataillone den Feind per Brückensturz um die Ecke bringen.
Im Fortgang des Romans beginnt dann Unverbundenes sich zu verbinden. Ein zweiter Ermittler, Detective Sergeant Kerr, der nebenbei seine Frau betrügt, ist ebenfalls Ausländerfeinden auf der Spur, die einen indischen Wirt bedrohen (und, fast schlimmer noch, immerzu als Paki beschimpfen). Die Ex-Freundin des ersten Toten erinnert sich an bessere Zeiten in Barcelona und London. Einer der Tatbeteiligten macht sich davon und noch der Kumpan, bei dem er Unterschlupf sucht, bekommt seinen gerechten Anteil am Gesamtroman. Es geht um Rechtsextremismus, Leni Riefenstahl und die Arbeit des Inlandsgeheimdiensts, um Schizophrenie und Ehebruch (aber auch, an anderer Stelle, Beziehungsanbahnung), um Gegenwärtiges und Vergangenes, um Existenzen, die scheitern und um Leben, mit denen so manches im Argen liegt - und um die Allgegenwart der Videoüberwachung in Großbritannien geht es auch.
Eine ganze Menge Erzählmaterial also. Erstaunlicherweise bekommt Iain McDowall das alles aber elegant fast unter einen Hut. Einwandfrei beherrscht der gelernte Philosoph die Kunst des Fügens der Einzelteile. Und auch das Philosophiestudium kommt zu seinem Recht. Chief Inspector Jacobson liest gerne Schopenhauer zur Nacht. McDowall übertreibt's aber auch wieder nicht mit dem Schöngeistigen: Inspector Jacobson schläft über Schopenhauer mit schöner Regelmäßigkeit ein.
Ekkehard Knörer/Perlentaucher







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