Synopsis: Früh morgens in Rom, wenn alles noch schläft, ist ein Mann wach. Er heißt Giulio Andreotti. Andreotti, ruhig, hinterhältig, undurchschaubar, ist seit vier Jahrzehnten in Italien an der Macht. Anfang der 90er Jahre steht er kurz vor seiner 7. Amtszeit als Ministerpräsident. Seine größte Genugtuung ist die Macht, mit der er eine Symbiose eingegangen ist. Macht wie sie ihm gefällt, starr und unwandelbar, so dass alle Wahlkämpfe, alle terroristischen Anschläge, alle üblen Beschuldigungen über die Jahre hinweg an ihm abgleiten, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen. Er ist allem gegenüber gleichgültig und sich selbst stets treu. Bis die stärkste Gegenmacht des Landes, die Mafia, beschließt, ihm den Krieg zu erklären.
Im Gespräch mit dem Regisseur Paolo Sorrentino
Der Trailer zum Film(Windows Media Video)
Kritik: Die Respektlosigkeit ist in „Il Divo“ von Anfang an zu spüren, ab der ersten Szene mit dem Zwischentitel: „Wenn Sie über einen Menschen nichts Gutes zu sagen haben, dann schweigen Sie lieber“, einem Zitat der Mutter von Giulio Andreotti, dem „Helden“ des Films, einer bis heute sehr umstrittenen Persönlichkeit der italienischen Politik der 50er Jahre. Der Filmemacher bemüht sich natürlich um das Gegenteil: alles neu erfinden, alles sagen. Viel mehr als nur Böses zu sagen, lässt Paolo Sorrentino, der sich hohe Ziele gesteckt hat, das verkörperte Böse sprechen. Wie in „L’Amico di Famiglia“ porträtiert er ein Monster, genauso buckelig und mit dem gleichen beißenden Scharfsinn und der gleichen Vorliebe für brillante Aphorismen, dieses Mal Shakespeares „Richard III.“ etwas näher als dem „Kaufmann von Venedig“.
Mit dem Unterschied, dass dieses „Monster“ tatsächlich existiert und in Italien seit mehr als vierzig Jahren eine (schwarze) Legende ist: Gulio Andreotti, sieben Mal Ministerpräsident, emblematischer Vertreter der Christdemokratie, in zahlreiche Skandale verwickelt ohne jemals erwischt worden zu sein. Nicht weit von der Realität entfernt, so bizarr das auch anmuten mag, gelingt es Toni Servillo, diesen mechanischen Mann auf ganz hervorragende Weise zu verkörpern, einen Mann, den nur seine Migräneanfälle zu beeinträchtigen vermögen, ein kurzsichtiger Vampir mit abstehenden Ohren, steifer und emotionsloser als ein ausgestopftes Tier. Andreotti erinnert auch an Eichmann, so wie man ihn in dem Dokumentarfilm « Ein Spezialist » erlebt, ein anorganisches Wesen, das sich hinter seiner riesigen Brille versteckt und sich mit Leib und Seele seiner Mission „Solo la Politica“ verschrieben hat. Der Visionär Sorrentino hat einen großartigen Film geschaffen, ein unerbittliches politisches und menschliches Porträt, das denen der fantastischen Trilogie des Russen Sokourov über die Macht (Moloch, Taurus und Die Sonne) in nichts nachsteht. Für ihn war die Wahl Andreotti mit Sicherheit interessanter, der für sich schon ein Rätsel ist, als Berlusconi, der zwar genauso listig ist, aber viel mehr im Mittelpunkt der Medien steht, wesentlich extravertierter ist und sich seines Images schon immer als Waffe bedient hat. Wie es bereits der von Toni Servino in „Die Folgen der Liebe“ gespielte Protagonist bewiesen hat, liebt Sorrentino es, das Geheimnis des Schweigens und des Gewissens zu verfilmen. Er entwirft diese Skizze mit beißender Ironie und verzweifeltem Humor und beschreibt dabei den großen Zirkus der Korruption.
Einem Mitarbeiter, der zu ihm sagt: „Deine Ironie ist grässlich“, antwortet Andreotti: „Die Ironie ist das beste Heilmittel gegen den Tod. Alle Medikamente sind grässlich“. Die Politiker der damaligen Zeit werden bestenfalls als „legitime Mafia“ dargestellt, schlimmstenfalls als große Kinder auf einem Schulhof, die sich wegen Lappalien gegenseitig beleidigen und verprügeln, die gerne Eis essen und Party machen. Sorrentino hat keinerlei Angst vor Maßlosigkeit oder Lyrik und hebt sich dadurch von den übrigen in Cannes vorgestellten Filmen ab, die ästhetisch gesehen mehr zum Realismus und Dokumentarischen tendieren. Seinem Film fehlt es nicht an Extravaganz dank der Einstellungen à la Scorsese: eine Zufahrt auf Andreotti im Dunkeln, beleuchtet wie ein Werk von George de la Tour mit Voice-over oder die Ankunft der Minister als Nahaufnahme und in Zeitlupe, ganz und gar Ganoven, mit einem Pfeifen à la "Kill Bill 2" als Bonus. Aber all diese gemäldeartigen Bilder sind in ihrer bewundernswerten Zusammenstellung von verblüffender Schönheit.
Als komischen oder vielmehr « ironischen » Kontrast bedient sich Sorrentino der Musik als einem bedeutungsschwangerem Element: So ist z. B. der flotte Song „Toop Toop“ von Cassius anlässlich eines Massakers zu hören, oder das furchtbar kitschige Lied "Da Da Da / Du liebst mich nicht / Ich lieb' Dich nicht“ der deutschen Gruppe „Trio“ während des Abspanns. Sorrentino erzählt mit Hilfe von Bildern und Visionen und gebraucht und missbraucht hierfür visuelle Metaphern: Andreotti als ein alles überstrahlendes Licht, das alle anderen Lichter erlöschen lässt, ein Pferderennen in gegenläufiger Parallelmontage zu einem Mord … Aber neben seinen Qualitäten als Regisseur gelingt es Sorrentino, der auch Dialogschreiber und Drehbuchautor ist, einmal mehr, den Zuschauer mit seiner komplexen Betrachtung eines kleinen Mannes mit großen Machtbefugnissen zu faszinieren, eines Mannes, der das Göttliche im Schmutz sucht, der sich auf eine höhere Gewalt beruft, um sein Handeln zu rechtfertigen oder den "Zufall" manipuliert. Kann man das "Böse fortbestehen lassen, um das Gute zu schützen"? Ds ist hier die Frage…
Delphine Valloire







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Paolo Sorrentino hat mit „Il Divo“ das meisterhafte Porträt eines real existierenden Monsters geschaffen, einer langlebigen und strittigen Persönlichkeit der italienischen Politik: Giulio Andreotti, den man den Göttlichen, den Unvergänglichen, den Buckeligen, die Sphinx, die Ewigkeit nennt ….
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