Sie wechselt elegant von großen und kleinen Theaterbühnen zu Fernseh- und Kinoproduktionen wie „Der Untergang“, „Helen, Ted und Fred“ oder „Das Parfum“. Die Bandbreite ihrer Rollen ist beeindruckend. Im Februar dieses Jahres wurde Corinna Harfouch mit der Goldenen Kamera als Beste Schauspielerin ausgezeichnet. Im ARTE-Fernsehfilm „Rose“ tut sie sich in der Rolle einer alleinerziehenden Mutter schwer, ihre drei erwachsen werdenden Söhne loszulassen. Das ARTE Magazin traf die gebürtige Thüringerin in Leipzig.
ARTE: Im Film „Rose“ spielen Sie eine emanzipierte Mutter. Konnten Sie diese Figur gut nachvollziehen?
Corinna Harfouch: Ich bin selbst ungefähr in Roses Alter, komme auch aus einer Kleinstadt, habe auch drei Kinder und habe drei Väter für meine drei Kinder. Und wie Rose habe ich auch mit meinen Kindern in einem besetzten Haus gelebt. Aber das war im Osten und damals kein politischer Akt. Es war eher notwendig, eine Wohnung zu besetzen, weil man sonst keine bekommen hat.ARTE: Roses jüngster Sohn kifft und feiert Partys, und auch die beiden Anderen gehen eigene Wege. Ist es für eine Mutter schwer, das zu akzeptieren?
Corinna Harfouch: Natürlich ist es ein ganz schwieriger Akt für eine Mutter, das Heft aus der Hand zu geben, wenn die Kinder in einem Alter sind, in dem man ihnen ihre Unabhängigkeit noch nicht zugestehen möchte. Aber trotzdem gibt Rose ihnen mit Sicherheit ein Stück mehr Freiheit als die Generation, aus der sie selbst hervorgegangen ist. Das ist gut für die Jungs – und trotzdem schwierig, weil sie mit der Freiheit ja auch etwas anfangen müssen. Sich aus dem Muttersein zu lösen, ist unheimlich schwer. Bei meinen eigenen Kindern ist es ganz genauso. Es ist ein ständiger Kampf, sich nicht ständig überall einzumischen. Mir selbst fehlt etwas, das Rose hat und das ich an dieser Figur gemocht habe: Sie konnte in eine offene Auseinandersetzung mit ihren Kindern gehen – ich würde das so nicht schaffen.
ARTE: Sie zeigen deutlich, wie Rose hin- und hergerissen ist: Sie hat ein großes Herz für ihre Söhne und dann wieder diesen Zorn auf sich selbst oder die Anderen …
Corinna Harfouch: Ja, das ist ein Kreislauf, den ich auch selbst sehr gut kenne. Sich erst vorwärts zu schmeißen, und dann holt einen das schlechte Gewissen ein. Wenn man das dann korrigieren will, passiert schon wieder das nächste. Mutter zu sein, wer lernt so etwas schon? Wirklich, man wird da hineingeschmissen. Und hat mit einem Mal eine Riesenverantwortung! Man lernt sich auf heftigste Weise auch selbst kennen. Dass man nicht nur aus purer Liebe besteht beispielsweise. Dass es möglich ist, sein Kind einfach auch mal nicht zu mögen … Ich finde, die schönste und größte Herausforderung, die ein Mensch überhaupt bewältigen kann, ist, ein Kind zu bekommen und es großzuziehen.
ARTE: Mittlerweile gibt es ja viele Frauen, die Kinder haben und gleichzeitig arbeiten, teils unter schwierigen Bedingungen. Wie stehen Sie zur aktuellen Debatte um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie?
Corinna Harfouch: Also, ich finde es wichtig zu arbeiten. Ich habe das so gemacht, meine Mutter hat das so gemacht. Der Staat muss einfach dafür sorgen, dass das möglich ist. Auch weil es sehr gesund für die Kinder ist. Diese Überversorgung von Kindern gab es früher auch nicht. Die Frauen haben auf dem Feld gearbeitet und das Kind lag dabei. So ein Kind braucht unendlich lange, bis es schließlich aus dem Haus geht. Es muss das Leben doch im wirklichen Leben lernen und nicht in einem künstlichen Zustand! Man kann nicht den ganzen Tag nur mit einem Kind kommunizieren. Das wird dann anstrengend. Aber Kinder sind gar nicht anstrengend, im Gegenteil, es ist herrlich mit Kindern! Ihnen zu begegnen, sich zu entfernen und wieder neu zu begegnen, das finde ich gut.
ARTE: Heute ist das vielleicht auch einfacher, weil jeder seinen Weg weitgehend selbst gestaltet ...
Corinna Harfouch: Diesen Weg muss man erstmal finden! Das Wichtigste, das ich versucht habe, meinen Kindern mitzugeben, ist, dass es keine Sicherheit gibt: Du kannst morgen krank werden, und alles löst sich in Luft auf. Aber es gibt etwas anderes: Leidenschaft. Und Herz. Dinge, die einen wirklich lebendig und glücklich machen. Glücklich kann man meiner Ansicht nach nur werden, wenn man nicht auf Sicherheit setzt, sondern versucht herauszukriegen, was man überhaupt will.
ARTE: Rose ist da schon ein Stück weiter. Sie hat sich für Ihre Familie und das Schreiben von Groschenromanen entschieden. Aber ihre Söhne halten sie ganz schön in Atem: Sie klopft bei ihrer Freundin, weil sie Rat braucht – und da steht plötzlich der Sohn, halbnackt. Da fühlt man sich ja irgendwie auch verlassen, oder?
Corinna Harfouch: Das ist überhaupt ein Prozess, den Mütter durchmachen. Es steckt so viel Lebensenergie in diesem Aufwachsen der Kinder – und dann wirst du verlassen. Es gibt so kleine Abschiede, die wahnsinnig wehtun. Ich kann mich deutlich erinnern an Momente, in denen du plötzlich merkst: Das, was bisher war, wird nie wieder so sein. Du denkst an deine Mutter und wie du sie früher verletzt haben musst.
ARTE: Ohne es zu wissen …
Corinna Harfouch: … und ohne es zu wollen. Weil es nötig ist. Weil diese Bande so stark sind, wie auch immer die Beziehung verlaufen sein mag. Und dann muss man sich irgendwie voneinander lösen, und man weiß in diesen Momenten noch nicht, dass es dahinter etwas Gutes geben könnte. Einer meiner Söhne will jetzt nach Indien gehen für ein Jahr. Ich finde das wirklich wunderbar. Ich wünsche es mir auch für ihn. Aber es ist unvorstellbar.
ARTE: Sie spielen immer wieder sehr ambivalente Charaktere. Ist Ihnen das wichtig?
Corinna Harfouch: Ich kann mir gar keine eindeutigen Figuren oder Menschen vorstellen. Ich kenne mich selbst und studiere die Menschen aus meiner Umgebung sehr genau. Ich mag es, in den Figuren klar zu machen, dass das Leben kompliziert ist. Und dass der Mensch auch nicht immer gleich ist. Man hat so viele Möglichkeiten!
ARTE: Das zeigt sich auch in der Wahl Ihrer sehr unterschiedlichen Rollen.
Corinna Harfouch: Der Beruf ist ja unter anderem deshalb so schön, weil man so viel kennen lernt, im Spiel, sozusagen ohne Risiko. Ich finde das fantastisch. In der DDR war es ja eher so: Du gehst zur Schule und studierst oder lernst einen Beruf, und den machst du dann quasi ein Leben lang. Das hat mich immer schon wahnsinnig gegraust. Du bist ganz am Anfang und siehst das Ende schon vor dir ... Ich finde es gut, dass man als junger Mensch heutzutage in Bewegung bleiben muss. Gleichzeitig ist es sehr schwer, denn das Leben schiebt einen nicht mehr irgendwo hin.
ARTE: Sie haben einmal gesagt, Sie würden gerne „leichter werden“ in Ihren Rollen. Was meinen Sie damit?
Corinna Harfouch: Früher habe ich sehr zur Tragödie geneigt. Ich neige auch in meinem persönlichen Leben zum Drama, und ich weiß, dass man das Leben so nicht durchhalten kann. Es ist auch nicht richtig, denn es geht immer auf und ab. Ich bin sehr froh, dass ich Rose spielen konnte, weil der Film eines zeigt: Man kann sich darauf verlassen, dass nach etwas Schwarzem wieder etwas Weißes kommt. So schlägt man sich durch, so ist das Leben und so möchte ich es auch darstellen.
DAS GESPRÄCH FÜHRTE BETTINA REICHMUTH FÜR DAS ARTE MAGAZIN
ARTE Plus
Corinna Harfouch
BIOGRAFIE:
geb. 1954 in Suhl/Thüringen, Schauspielschule Ernst Busch Berlin, Engagements u.a. an der Volksbühne Berlin und am Berliner Ensemble, lebt in Berlin
FILMOGRAFIE (Auswahl):
„Plan B“, (2006), „Teufelsbraten“ (2006), „Helen, Fred und Ted“ (2005), „Das Parfum“ (2005), „Wut“ (2005), „Eva Blond“ (2003-2005), „Der Untergang“ (2004), „Fandango“ (1998), „Solo für Klarinette“ (1997), „Sexy Sadie“ (1995)






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