Ein wildes Leben in Saint-Germain - 10/01/12
Im Gespräch mit Philippe Kohly
Philippe Kohly ist der Regisseur vom Dokumentarfilm "Ein wildes Leben in Saint-Germain". Er erzählt uns von seinem Film und Boris Vian...
- Wie kamen Sie auf die Idee, ein musikalisches Porträt über Boris Vian in Form eines Jazz-Quintetts zu machen?
Am Anfang haben mich vor allem Vians Chansons interessiert. Wie so viele finde ich sie erfrischend, weil sie einen freiheitlichen Geist verbreiten. Außerdem wollte ich einen Musikfilm machen. Eines habe ich dabei recht schnell begriffen: Um Boris Vians Leben umzusetzen und ein Porträt zu zeichnen, das ihm gerecht wird, musste mein roter Faden der Jazz sein.
- Vom Jazz hat er sich doch verabschiedet, bevor er 30 war, als er mit dem Trompetespielen aufhörte?
Jazz bedeutet ja nicht nur die Musik, die er gespielt oder geliebt hat. Jazz war für ihn eine Lebensweise. Diese „Jazz-Attitude“ drückte sich in allen Bereichen seines Lebens aus.
- Auch in seinem literarischen Schaffen?
Selbstverständlich! Vian schrieb schnell und strich wenig. Ihm war in erster Linie der spontane Ton wichtig. Er stieg ein wie ein Saxofonist und improvisierte über sein Thema. Er war das Gegenteil von einem Klassiker, beispielsweise Flaubert. Vian konnte das Klassische nicht ausstehen! Er lehnte den Einfluss des schönen Stils auf den Leser ab. Für ihn kam es nicht auf das perfekte Ergebnis an, sondern auf die Wahrheit der Geste. Die momentane Wahrheit war die richtige.
- Jazz als Wunsch nach Freiheit?
Genau. Boris Vians ganzes Leben war von der Suche nach der Freiheit bestimmt. In dieser „Jazz-Attitude“ kann man auch ein ständiges Bedürfnis nach Spontaneität und Schnelligkeit erkennen, bei aller Sanftheit.
- Er wirkte sehr ruhig!
In der Tat. Niemand war sanfter, weniger hektisch als er – und dennoch war er davon besessen, alles schnell zu machen, stets mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Das ging sogar so weit, dass er an einem Artikel, einem Chanson und einer Übersetzung arbeitete, während er sich mit Freunden unterhielt. In seinem „Jazz-Leben“ gab es auch das Bedürfnis nach einem Trio oder Quintett von Freunden. Diese wechselten wohl im Lauf der Zeit, aber Vian war kein Einzelgänger.
- Im Film treten die Musiker mindestens zwanzig Mal auf, aber es wirkt nie wie eine Pause. Man könnte sagen, sie tragen die Handlung mit.
Das war genau meine Absicht. Ich wollte, dass die Musik ganz in der Handlung aufgeht und sich, über die Worte hinaus, wie ein roter Faden durch sie hindurchzieht. Und die Geschichte, die hier erzählt wird, ist wirklich beispielhaft, sogar außergewöhnlich. Für mich ist das wie ein Match, ein erbitterter Kampf zwischen zwei Gegnern, dem Märchen auf der einen Seite und der realen Welt auf der anderen. Ein solches Match aus mehreren Runden fand in Vians Leben ununterbrochen statt und hörte auch nach seinem Tod nicht auf. Vians ganzes Leben war ein solches Match mit mehreren Runden, und das war auch mit seinem Tod nicht zu Ende.
- Wer hat die erste Runde gewonnen?
Das Märchen, und zwar haushoch! Vians Leben begann sozusagen im Paradies. In einem Traumhaus, dem oberhalb des Parks von Saint-Cloud am Waldrand gelegenen Anwesen „Les Fauvettes“ (dt. etwa: „Zu den Grasmücken“). Zum Spielen musste er nicht einmal das Gelände verlassen, denn er hatte noch drei Geschwister und eine Schar Freunde um sich. Seine Familie war sehr reich. Sein Vater, weit davon entfernt, ihm den Weg ins Leben zu weisen und seinen Sohn in die reale Welt einzuführen, war selbst Weltmeister im magischen Denken, der Chefzauberer. Er hatte nie gearbeitet, verachtete das Geld, für ihn musste alles ein Fest sein. Er war ein Ästhet des Vergnügens und ein gefährliches Vorbild für Boris. In „Les Fauvettes“ verweigerte man sich der Realität. Während der deutschen Besatzungszeit – Boris war damals Anfang 20 – gingen der Reigen der Spiele und die Überraschungspartys munter weiter!
- Was war die zweite Runde?
Die raue Wirklichkeit schlug ausgesprochen hart zu! Was Boris an Nackenschlägen einstecken musste, ging weit über das gewöhnliche Maß hinaus. Zunächst verlor sein Vater alles in der Wirtschaftskrise von 1930. Mit 12 Jahren erfuhr Boris dann, dass in seinem Herzen eine Zeitbombe tickte. Er war fast noch ein Kind, aber hatte gewissermaßen nur noch eine Gnadenfrist. Später wurde sein Vater ermordet. Dann stürzte sich sein engster Freund, sein Alter Ego, in den Tod.
- Da kann man also nicht mehr von Märchen sprechen?
Doch, denn der große Verlag Gallimard bemächtigte sich buchstäblich eines Textes von Boris , einer Erzählung, die er zur Erheiterung seiner Freunde geschrieben hatte und die nun fast gegen seinen Willen veröffentlicht wurde, und erklärte ihn zum Schriftsteller. Gallimard versprach ihm übrigens den „Prix de la Pléiade“ für aufsteigende Autoren, falls er ein zweites Manuskript vorlegen würde.
- Und das war "Der Schaum der Tage"?
Ja, er schrieb das innerhalb von zwei Monaten, wiederum ganz in der Märchenwelt! Doch leider, trotz aller Versprechungen, bekam er den Preis nicht. Dieser erneute Schlag der Wirklichkeit traf ihn sehr. Wenn man bedenkt, dass Gallimard ihn nächstes Jahr mit offenen Armen in seine Reihe „Pléiade“ aufnehmen wird, ermisst man die Ironie des Schicksals.
- Dann hat doch das Märchen gesiegt?
Ja, heute ist das ein Sieg durch K.o., wenn man an all die Feiern denkt, die massenhafte Anerkennung, die ihm jetzt, 50 Jahre nach seinem Tod, zuteil wird. Aber es ist ein posthumer Sieg. Und ich glaube nicht, dass er sich das so vorgestellt oder erhofft hat.
- Warum? Das wäre tragisch!
Nach Der Schaum der Tage wurden alle seine Manuskripte nacheinander von der einzigen literarischen Instanz, die in seinen Augen zählte, dem Lektorat von Gallimard, abgelehnt, wo so geachtete Persönlichkeiten wie Sartre, Raymond Queneau, Jean Paulhan u.a. saßen, die ihm dann jahrelang bei jeder Ablehnung zu verstehen gaben: „Sie sind kein ernsthafter Autor.“ In den letzten sechs Jahren seines Lebens wollte er keine Romane mehr schreiben. Er war Journalist, Chansondichter, ein bescheidener Mensch. Und ich glaube nicht, dass er sich bei seinem Tod im Kinosaal des „Petit Marbeuf“ – noch gefangen in der Identität von Vernon Sullivan und dem äußerst realen Albtraum, zu dem Ich werde auf eure Gräber spucken geworden war, – die weltweite Anerkennung vorstellen konnte, die Boris Vian einmal erfahren sollte. Er starb, ohne zu wissen, wer er war!
- Ist das nun die Geschichte eines persönlichen Scheiterns?
Es ist die Geschichte eines Autors, der seiner Zeit voraus war. Boris Vian ist zu früh geboren. Er ist ein Mensch des 20. Jahrhunderts, der Ende der 40er-Jahre publizierte, als das 19. Jahrhundert endete. Man kann sogar sagen, der Erfolg von Der Schaum der Tage Anfang der 60er-Jahre war einer der Marksteine am Übergang zum 20. Jahrhundert. Alle Zutaten von heute sind in dem Buch von 1946 enthalten: der Vorrang des Individuums, der Untergang der Vaterfigur und der Familie, die Verherrlichung der Gegenwart und des Vergnügens und die Angst vor der Wirklichkeit.
- Also die Geschichte eines Anachronismus?
Noch viel mehr als das: die Geschichte einer universellen Gestalt. Für mich hat Vians Leben, das Match, das sich zwischen der realen Welt und dem Märchen abgespielt hat, Symbolwert. In seinem Realitätsbezug ist Vian der Archetyp des Künstlers. Der Künstler ist kein Mensch wie jeder andere. Für einen „normalen“ Menschen geht es im Allgemeinen darum, etwas aus seinem Leben zu machen, die Wirklichkeit zu akzeptieren, sie bewältigen zu wollen, mit einem Wort, erwachsen zu werden. Für einen Künstler hingegen geht es darum, das, was er in sich trägt, zur Vollendung zu bringen, damit sein Werk gelingt. Also Kind zu bleiben, weil das Kind die treibende Kraft für das Werk ist. Dies kennzeichnet das Leben Boris Vians. Man mag bei ihm von Unreife sprechen, von einem ewigen Jugendlichen, von Realitätsverweigerung. Er verharrt in seiner Märchenwelt. Das stimmt zwar, aber solche Attribute passen nicht zu einem Künstler. Stattdessen bilden sie die Grundlage seines Werks. Heute gilt er überall auf der Welt als der Dichter der Jugend, der die Wirklichkeit, in der er lebt, nicht einfach akzeptiert. Die Welt braucht dieses Werk. Daher ist das musikalische Porträt des ein Leben lang abgelehnten Kind-Mannes das der Entstehung eines Werks, das seinen Autor schließlich überlebt.
Erstellt: 03-06-09
Letzte Änderung: 10-01-12