- Synposis
Bruno Winter (Rüdiger Vogler) tourt in einem umgebauten Möbelwagen entlang der Zonengrenze von Kleinstadt zu Kleinstadt, um Filmprojektoren zu reparieren. Eines Tages trifft er Robert (Hanns Zischler), der vor seinen Augen in selbstmörderischer Absicht mit seinem Käfer in die Elbe rast. Robert wird Brunos Weggefährte. Die beiden Männer müssen nicht viel reden, um im Lauf der Zeit sich selbst und ihren Sehnsüchten ein bisschen näher zu kommen.
- Der Kommentar zum Film
Vielleicht ist das der schönste Anfang, den Wenders je hinbekommen hat – wie Rüdiger Vogler alias Bruno , der Aussteiger mit Latzhose und ohne T-Shirt, sich morgens im Außenspiegel seines vor der Elbe geparkten Möbeltransporters rasiert und - parallel montiert – der wahnsinnige Hanns Zischler in seinem auf Ultimo beschleunigten VW-Käfer in einer Staubwolke heranprescht, die Augen meistens geschlossen und die Vorfahrt sämtlicher Kreuzungen missachtend. Stärker können Gegensätze nicht aufeinanderprallen - die verschlafene Zonengrenze mit ihrem Hippie-Idyll und der verkopfte Intellektuelle, der sich gerade von seiner Frau getrennt hat. Das alles muss nach ein paar Minuten, wenn der Käfer in der Elbe versunken ist und Hanns Zischler tropfend nass mit Koffer vor Rüdiger Vogler steht, erst einmal in einem befreienden Lachen münden. Und da keiner der beiden schrägen Vögel anschließend den Fehler begeht, blöde Fragen zu stellen, steht einer ungewöhnlichen Männerfreundschaft eigentlich nichts mehr im Wege.
Im Audiokommentar erzählt Wim Wenders, dass der Anfang seines Roadmovies die einzige Szene war, für die es festgelegte Drehbuchseiten gab. Alles, was folgte, war Improvisation bzw. entstand vor Ort, wenn Wenders abends nach Drehschluss die Szenen für den nächsten Tag skizzierte. Nur die Drehorte des Films standen fest, denn Wenders hatte eine lange Recherche hinter sich, entlang der deutsch-deutschen Grenze, wo das große Kinosterben bereits damals in vollem Gange war. Die Malaise der Kinokunst erklärt denn auch ein hoch betagter Filmvorführer aus Hof ganz am Anfang des Films dem Filmtechniker Bruno – nur noch Schund auf der Leinwand, im Gegensatz zu früher, wo Stummfilme noch vor hunderten begeisterter Zuschauer vom Pianomann begleitet wurden. Kein Wunder, dass über dem gesamten Film eine leichte Melancholie schwebt, die jedoch im Gegensatz zu späteren Wenders’schen Zivilisationskritik-Versuchen angenehm unlarmoyant ausfällt. Im Gegenteil: Das Roadmovie nimmt sich alle Zeit der Welt, um die Akteure von A nach B zu begleiten, um über Robbie Müllers tableauhafte Landschaftsaufnahmen in Schwarz-Weiß von einer still stehenden Welt allmählich ein Gefühl für eine BRD zwischen dem Ende der 68er-Euphorie und dem anbrechenden hedonistischen Zeitalter entstehen zu lassen.
Auch wenn der Film im Mittelteil mit einer kaum mehr zu überbietenden Langatmigkeit dahinschlurft und jegliche künstliche Dramatik pikiert zurückweist, ist Wenders’ von Country- und Westernsound durchdrungener Deutschwestern doch der gelungene Versuch, die Seelenlandschaft einer Männergeneration auszuloten, die zwischen 68er-Revolte gegen die Vätergeneration und weiblicher Emanzipation nach einem neuen Selbstverständnis sucht. Das alles in einer ebenso weiten wie engen, beinahe mystischen Landschaft zwischen Lüneburger Heide und fränkischen Hügeln so wortkarg und poetisch für kommende Generation verewigt zu haben, macht diesen Wenders zu einem der wichtigen Filme der 70er Jahre.
Martin Rosefeldt
Im Lauf der Zeit
Darsteller: Rüdiger Vogler, Hanns Zischler, Lisa Kreutzer
BRD, 1976, 123’
Arthaus Kinowelt
- Technische Angaben
Extras: Trailer, Geschnittene Szenen, Wim Wenders Biographie
- Wim Wenders auf ARTE
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