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ARTE: Herr Gröning, wie kann man sich die Filmarbeiten in einem Kloster vorstellen?
Philip Gröning: Ich habe so gelebt wie die Mönche, in einem kleinen Häuschen, der Zelle. Alle zwei Stunden hat eine Glocke zum Gebet gerufen und alles unterbrochen. Ich habe an der Nachtmesse teilgenommen und natürlich durfte ich nicht mit den Mönchen sprechen. Die Arbeit im Kloster ist vor allem Arbeit an der eigenen Wahrnehmung, am Rhythmusgefühl.
Die Karthäuser-Mönche haben ein Schweigegelübde abgelegt. Wie kamen Sie mit der Stille zurecht?
Die Stille ist gar nicht das Problem. Das Problem ist, dass man im Karthäuserorden als Einsiedler lebt, in einer Gemeinschaft von Einsiedlern. Die Mönche sind zu 90 Prozent der Zeit allein in ihrer Zelle oder in der Kirche, wo sie gemeinsam die Messen singen. Aber auch das ist keine Situation, in der man miteinander spricht. Diese Einsamkeit löst erst einmal eine Traurigkeit aus. Bis die Wahrnehmung sich verändert, die Traurigkeit sich auflöst und einer großen Gelassenheit Platz macht. Dieser Übergang ist schwierig.
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Die Wahrnehmung von Details wird sehr viel genauer, was mit der Stille zu tun hat, mit der Regelmäßigkeit im Tagesablauf und auch mit der Fixierung auf Gott. Damit, dem Gefühl zu vertrauen, dass da etwas ist, das uns diese Welt ermöglicht. Die Welt wird eher als etwas Entgegenkommendes empfunden, im Sinne von „das, was uns trägt“. Das ist sehr schön. Man kann dieses Gefühl aber leider nicht unbegrenzt aufrechterhalten, im Alltag geht es irgendwann verloren. Für mich ist es seitdem eine Herausforderung, immer wieder zu mir zu kommen.
Wie war es, als Sie wieder in den Alltag zurückgekehrt sind?
Nachdem ich das Kloster verlassen hatte, habe ich gemerkt, dass unsere Gesellschaft vor allem von Angst geprägt ist. Es ist gar nicht, wie ich immer gedacht hatte, die Suche nach Geld. Das ist nur eine Maske, die über einer Grundangst liegt: ob man genug Aufmerksamkeit bekommt, ob man alles richtig macht, ob man den eigenen Anforderungen ans Leben genügt.
Jeder hat ja genaue Vorstellungen davon, wie das mit dem Beruf, der Liebe und den Kindern sein soll. Mir fiel es nach meinem Klosteraufenthalt richtig schwer, unsere small-talk-basierte Welt ernst zu nehmen. Da habe ich mich derart gelangweilt und gedacht: "Wenn die Leute schon reden, warum reden sie dann nicht wirklich?" Auf einmal empfand ich das Schweigen, in dem wir in dieser Welt leben, als viel radikaler und brutaler als die Stille im Kloster.
Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, ausgerechnet in der „Grande Chartreuse“ zu drehen?
Ursprünglich ging es gar nicht um genau dieses Kloster. Die Grundidee war, einen Film über einen schweigenden Klosterorden machen, und im Film selbst sollte auch Schweigen herrschen. Die Idee war eine Reaktion auf meinen ersten Kurzfilm und den darauf folgenden Festival-Rummel. Damals merkte ich plötzlich, dass mich das ganz weit von meiner eigentlichen Arbeit wegbrachte. Ich dachte, dass mich drei Monate in einem Schweigekloster wieder zu mir bringen würden. Und weil ich Filmemacher bin, sollte dabei auch ein Film entstehen.
Sind Sie denn selbst religiös?
Mein eigenes Verhältnis zur Religion ist ziemlich kompliziert und gebrochen. Ich bin in den 1960er Jahren aufgewachsen, in denen Katholizismus ganz viel mit Schuld, Sünde und Beichte zu tun hatte. Es war interessant, dann im Klosterleben eine helle Seite des Christentums kennen zu lernen. Der ganze Schuld-Sünde-Beichte-Mechanismus spielt dort keine wichtige Rolle. Vielmehr geht es um Überwindung und Rettung und vor allem um Gnade. Das, was ich für meine Religion hielt, war also gewissermaßen ein Missverständnis.
Glauben Sie, dass Religion heute überhaupt noch ein wichtiges Thema ist?
Ich weiß nicht, was den Leuten heute wichtig ist. Ich glaube allerdings, vielen Menschen ist die Religion abhanden gekommen. Ich habe das Gefühl, Zeit wird von vielen nur noch als Zwischenzeit wahrgenommen, also der Weg zur U-Bahn, zur Arbeit – all diese Zeiten sind ja Lebenszeit. Aber sie werden häufig nur als Überbrückung empfunden, als Zeit zwischen den Momenten, in denen man wirklich lebt. Aber der innere Raum, in dem Religion stattfinden kann, der Raum für die eigenen Fragen ist ja da und bleibt oft leer. So wird Religion wieder wichtig: als innerer Raum und als Begegnungsraum.
Das Interview führte Christiane Wächter






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