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Einstein

Mit 26 Jahren veröffentlicht Einstein vier Artikel, die Lösungen für z. T. uralte Probleme der Physik liefern und teilweise auch 100 Jahre danach noch immer fruchtbare Wege öffnen zu einer neuen Physik.

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Mit 26 Jahren veröffentlicht Einstein vier Artikel, die Lösungen für z. T. uralte Probleme der Physik liefern und teilweise auch 100 Jahre danach noch immer (...)

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10/10/05

Im Visier des FBI

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Albert Einstein kehrte 1933 von einem Forschungsaufenthalt in den USA nicht mehr nach Deutschland zurück und fand nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Europa am Institut for Advanced Study in Princeton eine neue Heimat, an der er bis zu seinem Tode im Jahre 1955 wirkte. Im amerikanischen Exil setzte er nicht nur seinen Ruhm und seine Reputation für die Unterstützung vertriebener und verfolgter Kollegen ein, sondern betrachtete es auch als seine Pflicht, den politischen Terror und die antisemitische Hetze der Nazi-Diktatur konsequent zu brandmarken. Darüber hinaus wandelte sich in dieser Zeit und unter dem Eindruck der Aggressivität Nazi-Deutschlands sein radikale pazifistische Grundhaltung: „Ich hasse Militär und Gewalt jeder Art. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass heute dieses verhasste Mittel den einzigen wirksamen Schutz bildet“, bekannte er bereits im Sommer 1933 in einem Brief an einen englischen Pazifisten. Insofern war es konsequent, dass er sich 1939 der Initiative der ebenfalls aus Deutschland emigrierten ungarischen Physiker Leo Szilard und Eugen Wigner anschloss und einen Brief an den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt unterzeichnete, in dem auf die potenzielle Gefahr der Entwicklung einer deutschen Atombombe aufmerksam gemacht und die Aufnahme eigener amerikanischer Entwicklungsarbeiten auf diesem Gebiet angeregt de. Damit wurde Einstein zum Mitinitiator des amerikanischen Atombombenprojekts, an dem er sich selbst jedoch nicht beteiligt hat. Seine Nichtbeteiligung wird in der wissenschaftshistorischen Literatur meist damit erklärt, dass er nur unzureichend mit den aktuellen Problemen der Kernphysik vertraut war und zudem die Spontaneität seiner Persönlichkeit sowie sein „Einspännertum“ die Sicherheitsbehörden wie auch die Verantwortlichen des Projektes selbst davon abhielten, ihm die nötige Unbedenklichkeitserklärung zu geben und in das Projekt einzubinden.

Ein Blick in die FBI-Akte Einsteins macht aber deutlich, dass dies nur die halbe Wahrheit ist und gegen Einsteins Einbindung in Amerikas bedeutendstes und geheimstes Militärprojekt sehr viel grundsätzlichere Gründe von den Sicherheitsbehörden geltend gemacht wurden. Diese hatten im Sommer 1940 unmissverständlich festgestellt, dass „in view of his political background, this office would not recommend the employment of Dr. Einstein on matters of a secret nature, without a very careful investigation, as it seems unlikely that a man of his background could, in such a short time, become a loyal American citizen“ [2, S. 40]. Die Ironie der Geschichte wollte es übrigens, dass Einstein wenige Wochen nach Datierung dieses Berichts,am 1. Oktober 1940, als amerikanischer Staatsbürger vereidigt wurde. Konkret warfen die Geheimdienststellen Einstein vor, dass „in Berlin, even in the political free and easy period of 1923 to 1929, the Einstein home was known as a Communist center clearing house. Mrs. and Miss Einstein were always prominent at all extreme radical meetings and demonstrations“ [2, S. 39]. Damit kolportierte das FBI genau jene Unterstellungen, die gegenüber Einstein auch schon von der politischen Polizei der Weimarer Republik und insbesondere in der rechtskonservativen Presse geltend gemacht wurden, die jedoch allesamt einer realen Grundlage entbehren. Einsteins linke politischen Positionen und seine Einbindung in das politische Netzwerk linker, teilweise auch der Kommunistischen Partei nahestehender Organisationen haben aus ihm noch keinen Kommunisten und schon gar nicht einen vorbehaltlosen Sympathisanten der Sowjetunion gemacht. Letztere sah er trotz aller Sympathien für das dort sich vollziehende Gesellschaftsexperiment und für den Revolutionsführer Lenin schon in den 1920er-Jahren zunehmend kritischer,was dann in der Hochzeit des Stalinismus sogar zu ideologischen Diffamierungen Einsteins und seines wissenschaftlichen Werkes führte. Für Einstein waren Freiheits- und Menschenrechte ein unteilbares Gut, und so kritisierte er nicht nur die Zustände in Nazi-Deutschland und der stalinistischen Sowjetunion, sondern beurteilte auch die Wirklichkeit seines amerikanischen Gastlandes vor dem Hintergrund seiner in Deutschland gemachten Erfahrungen. Insbesondere mahnte er die Wahrung der bürgerlichen Freiheiten ein und erklärte sich mit Aktionen des zivilen Ungehorsams solidarisch. Dies führte in der Hochzeit des Kalten Krieges und in der sogenannten McCarthy-Ära zu manchen öffentlichen Konflikten und Irritationen, ja zu einer ähnlichen gesellschaftlichen Polarisation gegenüber seiner Person wie in der Weimarer Republik: linke und liberale Kreise verehrten ihn,wogegen das konservative und rechte politische Spektrum ihn heftig attackierte und ihm sogar die amerikanische Staatsbürgerschaft abzuerkennen und des Landes zuverweisen trachtete.

Zu dieser Polarisation hatte ganz wesentlich beigetragen, dass er seine linke Gesinnung stets auch öffentlich machte – so als er sich in den dreißiger Jahren mit der spanischen Volksfront-Regierung solidarisch erklärte und die „Friends of the Lincoln Brigade“ und andere Anti-Franco-Organisationen unterstützte. Auch sein kompromissloser Anti-Nazismus und die bereitwillige Unterstützung antifaschistischer Vereinigungen in den USA, zu denen auch kommunistische und pro-sowjetische Gruppen gehörten, fand keineswegs die ungeteilte Zustimmung des amerikanischen Establishments. Auf öffentliche Ablehnung stieß ebenfalls die Tatsache, dass Einstein der schwarzen Bürgerrechtsbewegung seinen Namen und seine Stimme lieh und ich zusammen mit dem Sänger Paul Robenson und dem Ethnologen William du Bois in der Anti-Lynch-Bewegung maßgeblich engagierte. Einstein war so an der Wende zu den fünfziger Jahren erneut zum politischen Außenseiter und zum Gegenstand ausgiebiger geheimdienstlicher Gesinnungsschnüffelei geworden, was eine fast 2000 Seiten umfassende FBI-Akte entstehen ließ [2]. Abgesehen von der Tatsache, dass Geheimdienstakten scheinbar in aller Welt und zu allen Zeiten jede Menge Falsch- und Desinformationen sowie Belanglosigkeiten enthalten, macht Einsteins FBI-Akte in einem bisher nicht bekannten Maße deutlich, dass sich der berühmte Physiker nicht allein in die globale Politik eingemischt und sich beispielsweise für eine Weltregierung, die Ächtung von Kernwaffen eingesetzt oder vor einem Rüstungswettlauf der Großmächte gewarnt hat. Vielmehr zeigt sie einen Einstein, der auch ganz unmittelbar in Auseinandersetzungen der amerikanischen Innenpolitik Stellung bezog. So prangerte er Verbrechen und Fehlurteile der Justiz an, geißelte den Rassismus als Amerikas „schlimmste Krankheit“ und setzte sich für die Verteidigung der Bürgerrechte ein. Nicht zuletzt gehörte er zu den prominenten Opponenten von Senator Joseph McCarthy und der von ihm und seinen „Komitees für Unamerikanisches Verhalten“ betriebenen modernen „Inquisition“. Als man einen New Yorker Lehrer kommunistischer Sympathien verdächtigte und dieser vor einem solchen Komitee dazu befragt werden sollte, machte Einstein die Sache zu seiner eigenen und intervenierte mit einem offenen Brief gegen diese verfassungswidrige Gesinnungsschnüffelei. Darin rief er zum zivilen Ungehorsam auf: „Jeder Intellektuelle, der vor eines der Komitees vorgeladen wird,müßte jede Aussage verweigern,das heißt bereit sein, sich einsperren und wirtschaftlich ruinieren zu lassen, kurz, seine persönlichen Interessen den kulturellen Interessen des Landes zu opfern“ [5, S. 546]. Auch wenn die Reaktion der öffentlichen Meinung in Amerika „höflich ablehnend“ war und viele seiner Zeitgenossen und nicht zuletzt Intellektuelle diese letzte Konsequenz nicht auf sich nehmen wollten, zeigte Einsteins Appell doch seine Wirkung und hat – wie er selbst meinte – „zur Reinigung der politischen Luft ein bisschen beigetragen“. Dies machen nicht nur die zahlreichen Briefe an ihn deutlich,sondern auch die FBI-Akte. Diese zeigt, dass es weniger Einsteins Reden und Artikel waren, sondern die Vorbildfunktion solcher Aktionen und die Breite seiner Aktivitäten, die das FBI auf den Plan riefen und den Versuch starten ließ, durch gezielte Desinformationen den berühmten Gelehrten gesellschaftlich zu isolieren und zu desavouieren. Dafür war man sich auch nicht zu schade, selbst auf Zuträger zurückzugreifen, die bereits in den zwanziger Jahren Einstein diffamiert hatten. Paul Weyland, maßgeblicher Träger der antisemitisch geprägten Anti-Einstein-Kampagne der frühen zwanziger Jahre in Deutschland, war 1948 in die USA gekommen und betätigte sich 1953 als Zuträger des FBI, der Einstein als notorischen Kommunisten denunzierte. Auch sonst trug das FBI in dieser Hochzeit des Kalten Krieges die abenteuerlichsten Informationen über Einstein zusammen – so sollte seine Berliner Wohnung eine Kontaktbüro für sowjetische Agenten und seine Angestellten, namentlich seine Sekretärin Helen Dukas, Mitglieder der Kommunistischen Partei gewesen sein. Außerdem soll er Klaus Fuchs, dem er nie begegnet ist, in das amerikanische Atombombenprojekt lanciert und gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern mit leistungsfähigen Strahlwaffen experimentiert haben.

FBI-Chef Edgar Hoover war persönlich nahezu obsessiv darum bemüht, Einsteins vermeintlich kommunistische und subversive Gesinnung zu dokumentierenund ihn als geistiges Zentrum eines Netzwerks von „Rot-Front-Organisationen“ hoch zu stilisieren – die Akte listet über 70 solcher Organisationen auf, darunter ein Dutzend Bürgerrechtsvereinigungen, mit denen Einstein in irgendeiner Form in Verbindung gestanden haben soll. Aus gutem Grund hat man es schließlich doch nicht gewagt, gegen den berühmtesten zeitgenössischen Wissenschaftler und einem der prominentesten US-Bürger vorzugehen. Im Gegensatz zu anderen Opfern des FBI und der McCarthy-Ära war Einstein zu populär und eben auch ein Aushängeschild der USA. Der Skandal und der Solidarisierungseffekt hätten sicherlich den erhofften Erfolg in der antikommunistischen Propaganda und bei der Einschüchterung und Disziplinierung der amerikanischen Öffentlichkeit in den Schatten gestellt. Auch war das zusammengetragene Material kaum für eine Spionagestory oder als Dokument umstürzlerischer Tätigkeit zu gebrauchen, da Einsteins Aktivitäten sämtlich im öffentlichen Raum stattgefunden hatten und fern jeder Konspiration waren. Wie der Einstein-Forscher John Stachel zu berichten weiß, wurde Einstein gerade deswegen von vielen seiner Zeitgenossen nicht nur als überragender Physiker wahrgenommen oder gar verehrt, sondern auch als ein „symbol of steadfast resistance to the modern inquisition which threatend to destroy civil liberties in this country during the cold war years“ [6, S. 86]. Diese Dimension der Persönlichkeit Albert Einsteins sollte im anbrechenden langen Einstein-Jahr nicht vergessen und angesichts aktueller Bedrohungen auch als intellektuelle Herausforderung verstanden werden.



Erstellt: 04-05-05
Letzte Änderung: 10-10-05