Dies hat mehrere Ursachen: Zunächst einmal der starke Anstieg des Bedarfs in Schwellenländern (insbesondere Brasilien, China und Indien), wo sich der wachsende Lebensstandard der Bevölkerung in einer Veränderung der Ernährungsgewohnheiten, vor allem in einem stärkeren Verzehr von Fleisch und Milchprodukten, äußert. Dies führt wiederum zu einem erhöhten Verbrauch von Getreide als Viehfutter. Parallel dazu sorgt die rasante Verstädterung für einen Rückgang der Agrarflächen. Weitere Faktoren sind die internationale Spekulation mit Nahrungsmitteln sowie die Erderwärmung, die sowohl Dürrekatastrophen als auch Überschwemmungen verursacht. Auch der kontinuierliche Anstieg des Rohölpreises (um über 400 % seit 2001) wird in zweifacher Hinsicht für die Preisentwicklung verantwortlich gemacht: Erstens, weil er zu einer Erhöhung der Transportkosten für Lebensmittel führt, und zweitens, weil er zum Erfolg von Pflanzenkraftstoffen als Ersatz für umweltschädlichere und zudem nur begrenzt verfügbare fossile Brennstoffe beiträgt. Das Welternährungsprogramm (WFP) warnt regelmäßig vor einer zu starken Entwicklung der Biokraftstoffproduktion zu Lasten des Anbaus von Nahrungsmittel- und Futterpflanzen. Alljährlich werden 100 Millionen Tonnen Getreide zu Kraftstoff verarbeitet. Der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, steht dem sehr kritisch gegenüber. In einem Interview mit der französischen Tageszeitung „Libération“ erklärte er kürzlich, wenn die USA mit Subventionen in Höhe von sechs Milliarden Dollar eine Biosprit-Politik betreibe, die dem Nahrungsmittelmarkt 138 Millionen Tonnen Mais entziehe, so lege sie damit den Grundstein für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, um ihren eigenen Kraftstoffverbrauch zu decken. Doch nicht nur die USA sitzen auf der Anklagebank. Viele halten auch das Ziel der Europäischen Union (EU), bis 2020 dem Kraftstoff 10 % Agrosprit beizumischen, für verantwortungslos. Diese Vorgabe – eine Maßnahme im Kampf gegen den Klimawandel – ist heute sowohl im Rat als auch im Europäischen Parlament äußerst umstritten. Sie könnte durchaus in Frage gestellt werden – zumindest solange, bis Biokraftstoffe der zweiten Generation zur Verfügung stehen, die aus der in Holz, Jute, Stroh oder Bambus enthaltenen Lignozellulose gewonnen werden.
Dies bedeutet, dass im Jahr 2025 1,2 Milliarden Menschen chronisch Hunger leiden könnten.
Unter den Folgen des dramatischen Kursanstiegs bei Agrarprodukten haben besonders die Ärmsten der Welt zu leiden, vor allem Kleinbauern, die sich kein Saatgut mehr leisten können, sowie mittellose Stadtbewohner, die die teuren Nahrungsmittel nicht bezahlen können. In zahlreichen Ländern, wie der Elfenbeinküste, Ägypten, Haiti, Madagaskar, Mexiko, Pakistan und dem Senegal, kam es in jüngster Zeit zu wahren „Hungeraufständen“, die in Zukunft häufiger aufzutreten drohen. Nach einem Bericht des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD), einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, gefährdet jeder Prozentpunkt, um den die Grundnahrungsmittelpreise steigen, die Ernährung von weiteren 16 Millionen Menschen. Dies bedeutet, dass im Jahr 2025 1,2 Milliarden Menschen chronisch Hunger leiden könnten – 600 Millionen mehr als nach vorherigen Prognosen. Doch die Nahrungsmittelkrise ist nicht nur eine humanitäre Katastrophe, sondern auch eine Bedrohung für den Frieden. Laut Jean Ziegler steuert die Welt auf einen „sehr langen Zeitraum mit Unruhen und Konflikten“ zu, der zu „unkontrollierbaren Wellen von regionaler Destabilisierung“ führen könnte. Für UN-Generalsekretär Ban Ki-moon ist schnelle Hilfe nötig, um die Ernährung der Weltbevölkerung zu sichern. Er appellierte an die internationale Gemeinschaft, dem WFP die erforderliche Soforthilfe in Höhe von 755 Millionen Dollar zur Verfügung zu stellen. Ban Ki-moon warnte: „Wenn wir diese Krise nicht richtig angehen, könnte sie eine Kaskade von anderen auslösen.“ Wirtschaftswachstum, sozialer Fortschritt und sogar die politische Sicherheit in aller Welt wären dann bedroht.
Europas Stellung in der Krise
Der Appell richtet sich vor allem an die Europäische Union, den größten Geldgeber weltweit, wenn man die von Brüssel über das Amt für humanitäre Hilfe der Europäischen Kommission (ECHO) und das Europäische Amt für Zusammenarbeit (EuropeAid) geleisteten Zahlungen und die humanitären Ausgaben der 27 Mitgliedsstaaten zusammenzählt. Im März 2008 beschloss die Kommission, 160 Millionen Euro für Nahrungsmittelhilfe zur Verfügung zu stellen. Im Lauf des Jahres dürften weitere Beträge hinzukommen. Auch die Mitgliedsstaaten greifen tiefer in die Tasche. Deutschland beispielsweise erhöhte seine jährlichen Hilfszahlungen im März um drei Millionen und im April erneut um zehn Millionen Euro, so dass ein Gesamtbetrag von 36 Millionen Euro erreicht wird. Frankreich sagte letzten Monat eine Verdoppelung seiner Nahrungsmittelhilfe zu, die somit im Jahr 2008 60 Millionen Euro betragen wird. Diese Mittel werden primär aus humanitären Gründen bereitgestellt – aber sie dienen auch pragmatischeren Zielen, wie der Migrationsbeschränkung.
Auch Europa ist direkt von der Nahrungsmittelkrise betroffen. Die Politiker in Brüssel und in den Mitgliedsstaaten zeigen sich besorgt, denn der Rückgang der Kaufkraft infolge des Preisanstiegs bei Lebensmitteln bremst das Wirtschaftswachstum und beeinträchtigt die Stimmung in der Bevölkerung. Die enorme Verteuerung von Grundnahrungsmitteln wie Milch, Brot oder Teigwaren wirkt sich auf die Gesundheit mittelloser EU-Bürger aus. Und diese sind zahlreich: Nach einem Bericht über die soziale Lage in der EU aus dem Jahr 2007 verfügen 100 Millionen Europäer (22 % der Gesamtbevölkerung) über weniger als 60 % des EU-Durchschnittseinkommens, d.h. rund 8.000 € pro Jahr oder 22 € pro Tag für eine alleinstehende Person. 23,5 Millionen EU-Bürger müssen gar mit weniger als 10 € pro Tag über die Runden kommen!
Der Gipfel der FAO (Juni 2008)
Überall auf der Welt wird nach Lösungen gesucht, sei es durch Produktionssteigerungen (die EU hat beispielsweise den progressiven Abbau von Quoten und Flächenstilllegungen beschlossen) oder über die Ein- und Ausfuhrpolitik. Doch nur durch eine globale Strategie lässt sich die Krise wirklich überwinden. Und genau darum ging es vom 3. bis 5. Juni auf dem Welternährungsgipfel in Rom. Dieser Gipfel hat einen Fortschritt in zwei Punkten gebracht: In der Frage der Nahrungshilfe nämlich - das WFP hat eine Finanzspritze von 1,2 Milliarden Dollar erhalten - und in der Frage des Bewusstwerdens, dass wir in Zukunft stärker in den landwirtschaftlichen Sektor werden investieren müssen. Aber der Gipfel hat auch zahlreiche gegensätzliche Positionen aufgezeigt, unter anderem in Sachen Biotreibstoffe und agrarem Handel. Die Direktorin von Oxfam Barbara Stocking hat somit vielen aus der Seele gesprochen, als sie enttäuscht feststellte: "Außer falls wir den unfairen Welthandel, die Politiken im Bereich der Biokraftstoffe und die Agrarpolitik von Grund auf ändern, wird sich die landwirtschaftliche Krise in den Entwicklungsländern fortsetzen."







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