Der klassische Tierzirkus mit seiner Sägespan-Atmosphäre verliert an Bedeutung
Doch die Anfänge des Cirque Nouveau reichen weit bis in die frühen 70er Jahre zurück. Bereits 1969 tun sich Victoria Chaplin, die jüngste Tochter Charlie Chaplins, und der Franzose Jean-Baptiste Thierrée zusammen. Der Schauspieler und Comedy-Zauberer und die Tänzerin und Verwandlungskünstlerin inszenieren surreale und groteske Traumwelten, die sich weit von klassischen Unterhaltungsformen entfernen. So werden sie schnell zu Wegbereitern einer völlig neuen Art künstlerisch-artistischer Unterhaltung: Geprägt vom gesellschaftlichen Wertewandel der 1960er Jahre experimentieren bald immer mehr Theatergruppen mit völlig neuen Konzepten und kombinieren alte Zirkustechniken mit modernen Stilmitteln des Theaters. Der klassische Tierzirkus mit seiner Sägespan-Atmosphäre verliert gegenüber dieser Kreativität zunehmend an Bedeutung.

LINKS: www.cirquededemain.com; www.cirquedusoleil.com; www.caesar-twins.de; www.roncalli.de; www.cirque-bouffon.de

Im deutschsprachigen Raum ragt seit den späten 70er Jahren vor allem der Circus Roncalli durch seine innovativen Ansätze heraus – dabei beginnt seine Geschichte alles andere als glorreich. 1977 scheint das Projekt Roncalli bereits nach einem Jahr der Existenz gescheitert zu sein, als Initiator Bernhard Paul nach einem Gastspiel in Wien vor dem finanziellen Aus steht. Doch auch Paul glaubt an seinen Traum und tingelt als Clown durch Kaufhäuser, Ausstellungen und Festivals, bis er schließlich neue Mitstreiter und Unterstützer findet. Sein Motto: „Am Ende muss alles so sein, dass du glaubst, der Zirkus ist gerade aus dem Märchenbuch gerollt.“ Der Detailbesessene verwirklicht stets aufs Neue sein Idealbild von einem Zirkus der Jahrhundertwende. Paul sucht sicher keine experimentelle Alternative zum klassischen Zirkus, er versteht es jedoch, Zirkus-Nostalgie stilsicher und imposant in einen poetischen Gegenentwurf zur Vergangenheit zu verwandeln. Heute ist Roncalli ein moderner Theaterzirkus, dessen Vorstellungen von fantastischen Kostümen und modernster Bühnentechnik, vor allem aber von einem Erzählfaden mit humoresken Zwischenspielen geprägt sind – die Auftritte des melancholischen Seifenblasenclowns Pic sind legendär.
Weitaus ungestümer geht es hingegen beim 1984 gegründeten Cirque du Soleil zu. Die experimentier-freudigen Kanadier zählen mit ihren eigenwilligen und provokanten Shows zu den weltweit gefragtesten Zirkustruppen und bringen regelmäßig erfolgreiche Einzelartisten hervor: so wie Sébastien Soldevila, der mit seiner clownesken Diabolo-Jonglage und seiner poetischen Hand-auf-Hand-Akrobatik bereits mehrere Preise beim prestigeträchtigen Festival mondial du cirque de demain in Paris gewann. Nach seiner erfolgreichen Karriere beim Cirque du Soleil gründete er 2002 die einzigartige Künstlergruppe "Les sept doigts de la main" (Die sieben Finger der Hand). Die Mitglieder der Truppe inszenieren ihre akrobatische, von Ausdruckstanzeinlagen geprägte Darstellung als szenische Interpretation von Alltagssituationen in einer Wohngemeinschaft – und brachen damit 2005 im Berliner Chamäleon Varieté bereits alle Zuschauerrekorde.
Dennoch ist es selten, dass ein einzelner Artist zum Aushängeschild einer Cirque-du-Soleil-Produktion wird, denn es gehört zur Philosophie der kanadischen Traumfabrik, die perfekt inszenierte Ensembleleistung in den Vordergrund zu stellen. Der Jongleur Viktor Kee aber war die herausragende Persönlichkeit der Tourneeshow „Dralion“. Der Absolvent der renommierten staatlichen Zirkus- und Ballettschule in Kiew kreierte mit dem Choreografen Nikolay Baranov eine mystische Figur, die irgendwo zwischen Mephisto und Spiderman anzusiedeln ist. Kraftvoll-stark und geschmeidig zugleich lässt der Ausnahme-Akrobat Kugeln über seinen muskulösen Körper gleiten. 2003 überreichte ihm Fürst Albert II. von Monaco für seine Kunstfertigkeit und Präzision den Silbernen Clown des Monte-Carlo-Zirkus-Festivals.
Handstand-Akrobat Anatolii Zalevskyi - ein JahrhundertartistEbenfalls an der Artistenschule in Kiew wurde der Handstand-Akrobat Anatolii Zalevskyi ausgebildet, der als die bisher größte Neuentdeckung in der Geschichte des Zirkusfestivals von Paris gilt. Bernhard Paul bezeichnet ihn als „Jahrhundertartisten“. Mit seiner magischen Synthese aus Rhythmik und Akrobatik hat er die Handstand-Equilibristik revolutioniert und ist zum Vorbild einer ganzen Reihe von Artisten der nachfolgenden Generation geworden. Gemeinsam mit Nachwuchstalenten der Zirkus- und Ballettschule schuf er 2000 seine eigene Varietéshow RIZOMA. Mit ihrer beeindruckenden Mischung aus fantasievollem Experimentaltanz und atemberaubender Zirkusakrobatik konnte das Ensemble bereits große Erfolge feiern.
Der Kreativität der Künstler und Regisseure ist es zu verdanken, dass sich auch die deutsche Varietészene im Auftrieb befindet – und das nicht zuletzt aufgrund eines immer jünger werdenden Publikums. So locken die polnischen Zwillinge Pablo und Pierre Caesar derzeit viele Jugendliche in die Varietéhäuser. Mit ihrer schrillen und zugleich mitreißenden Akrobatik lösen sie regelmäßig wahre Begeisterungsstürme aus. Hinter dem erfolgreichen Duo steht als kreativer Kopf Markus Pabst. Der Regisseur hat die deutsche Szene mit seinen witzigen und technisch anspruchsvollen Inszenierungen wiederbelebt wie kein anderer. Inzwischen hat er das Zirkusstudio Base Berlin eröffnet, in dem Nachwuchskünstler ausgebildet und Showideen entwickelt werden, die schon bald für Furore sorgen dürften …
ARTE Magazin-Gastautoren: Die Zirkus- und Varietéspezialisten Oliver Lindener und Bernd Meyerholz waren als Fernseh-Redakteure bereits für verschiedene hochkarätige Varieté-Sendungen tätig.






per E-Mail verschicken







Facebook
Twitter
RSS

