Österreich/Deutschland 2007, 135 Min.Mit Ekateryna Rak, Paul Hofmann, Michael Thomas, Maria Hofstatter, Georg Friedrich
Ulrich Seidl über seinen Film
Der Trailer zum Film
Synopsis: Olga, eine Krankenschwester aus der Ukraine, kommt nach Wien, um Geld zu verdienen. Paul absolviert in Wien eine Ausbildung zum Security-Mann, doch schnell wird er wieder gefeuert. Mit seinem Stiefvater macht er sich für einen Job in die Ukraine auf, um seine Schulden abzuarbeiten.Kritik: IMPORT EXPORT ist der zweite Spielfilm des österreichischen Regisseurs Ulrich Seidl, der mit seinem ersten Spielfilm Hundstage (2001) in Venedig den Großen Preis der Jury gewonnen hat. Vorher inszenierte er einige provokante Dokumentarfilme, etwa TIERISCHE LIEBE (1995), der auch das Thema Sodomie nicht aussparte. In tableauartigen, sehr ruhigen Bildern inszeniert Seidl Szenen, die für ihn immer unbedingt mit der Realität verknüpft sein müssen. Seidl: „Der einzige Unterschied zwischen einem Spielfilm und einem Dokumentarfilm ist für mich, dass es bei einem Spielfilm zu Beginn bereits ein Drehbuch und Schauspieler für die einzelnen Rollen gibt. Es ist nur ein kleiner Unterschied, für mich ist es wichtig, etwas existentiell Wirkliches zu zeigen, egal ob auf der Bühne oder gefilmt.“
Deshalb hat Seidl seinen Film auch nur an Originalschauplätzen gedreht; im Altersheim in Wien musste er mehr als ein halbes Jahr auf eine Drehgenehmigung warten. Insgesamt hatte er am Ende mehr als 80 Stunden Material, und während des Schnitts drehte er einige Szenen noch einmal nach. So ist ein Film entstanden, der die Wirklichkeit einfängt, aber unter der strengen stilistischen Kontrolle des Filmemachers.
IMPORT EXPORT führt uns zu grauen, kalten Orten, sowohl in Österreich als auch in der Ukraine. Zu Beginn läuft Olga durch eine weiträumige Schneelandschaft, gedreht wurde bei minus 20 Grad, das fühlt man. Der Film erzählt Bewegungen in zwei Richtungen. Olga reist nach Wien und Paul in die Ukraine, beide mit der Absicht, ihr Leben zu verbessern. Der Zuschauer wartet darauf, dass die Figuren sich treffen, sich ihre Leben kreuzen werden. Doch irgendwann wird klar, dass dies nicht der Absicht des Filmemachers entspricht, und das ist klug so.
Abwechselnd und ineinander verwoben folgen wir den Wegen von Olga und von Paul. Dabei gelingen Seidl Momente von eindringlicher Intensität, die sich ins Gedächtnis des Zuschauers geradezu einbrennen. Etwa wenn Pauls Stiefvater eine ukrainische Prostituierte dazu zwingt, nackt auf allen vieren einen Hund zu spielen, und Paul sich dies mit ansehen muss. Im Altersheim, in dem Olga schließlich Arbeit als Reinigungskraft findet, gibt es einen ganzen Saal voll alter Frauen, die kurz vor dem Tod stehen. Eine ruft mit fiepsender hoher Stimme stets nach ihrer Mutter, eine singt „Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren“ und rührt durch ihre fragile Gesangseinlage, die innerhalb dieses Spielfilms als dokumentarische Perle heraus sticht, zu Tränen. Im Abspann stehen mehrer Kreuze bei den Darstellern aus dem Altersheim, der Tod hat sie zu sich geholt. Konsequent endet IMPORT EXPORT mit einer nächtlichen Einstellung des Zimmers der Frauen. Eine von ihnen wiederholt wieder und wieder nur ein einziges Wort: „Tod.“ Damit ist alles gesagt.
Dieser Film ist zwar sehr düster, und zumeist konzentriert er sich auf Momente im Leben von Olga und Paul, in denen diese erniedrigt werden. Dennoch scheint hinter dieser finsteren Fassade immer noch die Hoffnung auf eine Welt zu existieren, in der Menschen einander helfen und füreinander da sind. Seidl mag ein Sadist sein, aber tief in seinem Herzen ist er ein enttäuschter romantischer Idealist.
Nana A.T. Rebhan
Synopsis: Winter in Europa. Olga (Ekateryna Rak), eine junge ukrainische Krankenschwester und Mutter eines Kindes, beschließt, das Land zu verlassen. Schlecht bezahlt und gezwungen, für Sex-Agentur im Internet zu arbeiten, gibt sie alles auf und geht nach Österreich. Sie findet eine Anstellung in einem prunkvollen Haus, wird jedoch bald wieder entlassen und landet schließlich als Pflegerin in einem Altenheim. Paul (Paul Hofmann), ein junger Österreicher, findet seinerseits einen Job als Wachmann, wird aber auch ziemlich schnell wieder gefeuert. Da er hochverschuldet ist, willigt er ein, seinen Schwiegervater in die Ukraine zu begleiten, um dort Spielautomaten aufzustellen. Kritik: Ulrich Seidl hat in seinen bisherigen Werken einen dokumentarischen Blick auf die Zuneigung seiner Landsleute für ihre Haustiere („Tierische Liebe“) einerseits geworfen, andererseits auf Gläubige in Österreich, die ihre Kirche aufsuchen, um nacheinander Zwiegespräche mit Jesus zu führen - die zu Monologen werden („Jesus, du weißt“). „Import Export“ ist sein zweiter Spielfilm und steht einmal mehr unter dem Banner eines großen europäischen Films – einem Banner, das ein heftiger und kalter Wind ordentlich durchschüttelt. Aber selbst wenn wir es bei Olga und Paul mit Bewegungen in zwei Richtungen zu tun haben, ist das für den Regisseur nicht mit Gleichheit oder Systematik gleichzusetzen. Die Ukrainerin Olga wirkt anfangs hilfloser, macht aber nichtsdestoweniger eine wenn auch nur kurze, so doch wertvolle Begegnung in Österreich, während der Österreicher Paul, der sich in seinem Leben und seinen Apriori noch nicht ausreichend bewährt hat, sich allein in der Ukraine wieder findet, wenngleich Seidl uns spüren lässt, dass er auf dem richtigen Weg ist. Mit anderen Worten: Selbst wenn die dargestellten Situationen etwas Bedrückendes an sich haben, ist der Diskurs des Filmemachers doch nicht ohne Optimismus und auch nicht ohne Glauben, zumindest in die Jugend, was bei „Hundstage“ nicht der Fall ist - hier beleuchtet er das Dasein eines jungen österreichischen Paars ohne Wünsche und Zukunftspläne, das ein Sportwagen am Glücklichsein hindert.
Seidl versucht nicht, polemisch zu sein, mit der Kraft und Radikalität seiner sorgfältig ausgesuchten Einstellungen gibt er jedoch Situationen wider, die in ihrer Extremität absolut realistisch, sogar vertraut sind und eben dadurch ruft er gegebenenfalls beim Zuschauer eine Frage oder einen Reflex polemischer Art hervor, vor allem im Hinblick darauf, was dieser auf einer Kinoleinwand und in einem Autorenfilm gerne sehen oder nicht sehen möchte. Seidl ist weder ein Dreckskerl, noch ein Perverser, sondern vielmehr ein unnachgiebiger Beobachter, dessen Werk es letztlich zum Ziel hat, die menschlichen Emotionen mit größtmöglicher Einfachheit aufzuzeigen: Die in Grausamkeit verwandelte Eifersucht, von der erst eine einsame Familienmutter ergriffen wird, der es nicht gelingt, die Liebe ihrer Kinder für sich zu gewinnen, dann eine hässliche Krankenschwester (erstere entlässt sie, letztere ohrfeigt sie) oder aber die – wenn auch sehr linkische – Zuneigung eines Mannes für seinen Schwiegersohn, die er mit seiner Halbwertmoral zum Ausdruck bringt, mit der er ihn den ganzen Tag lang bedenkt, und dem von sozialem Rassismus geprägten Touristenblick, der jede Art von Begegnung ihrerseits verhindert, nachdem sie im kalten Osten Europas angekommen sind.
Diese lange und Ausdauer erfordernde Reise erstreckt sich auch auf mehrere Orte, wo niemand daran denken würde, auf so eine Art und Weise zu filmen, so frontal, überzeugend und vor allem offen. Paul und sein Schwiegervater wagen sich in eine heruntergekommene, von Zigeunern bewohnte Sozialbausiedlung in der Slowakei vor, wo sie im Vorbeigehen Bonbons an die Kinder verteilen, wie es wohl zwei als Weihnachtsmann oder Knecht Ruprecht verkleidete Erwachsene tun würden, um ihnen eine Freude zu bereiten. Mit dem kleinen Unterschied, dass es hier darum geht, die Flucht zu ergreifen. Gleiches Bild, vergleichbare Situation, aber andere Position: Der Zuschauer kann – soweit er das möchte – in der langen Episode im Altenpflegeheim eine Metapher für ein Europa in seiner Endphase sehen, aber Seidl ist ein Filmemacher, der viel konkreter denkt. Er analysiert die Moral und macht sich für sie stark, zwingt sie aber niemandem auf. Die Dreharbeiten und der Schnitt sind bei ihm das Ergebnis langwieriger Arbeit, trotz des regelmäßigen Charakters seines Werks, das dem Takt eines Metronoms zu folgen scheint, so wie auch die narrative Zersplitterung und die Aufteilung in zwei Schicksale letztlich in ein großes Ganzes münden. Diese im Todeskampf liegende Welt, in der niemand stirbt – klinisch gesehen zumindest nicht und bis auf eine Ausnahme – ist ein Diptychon gleich einem Spiegelbild des Engagements der Zuschauer, ein brillant monchromes Patchwork, in dem Seidl keine Zugeständnisse akzeptiert, aber seine weisende Hand nicht als manipulierend, sondern vielmehr als inspiriert aufschlussreich zu verstehen ist.
Julien Welter






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