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Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

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Fortsetzung folgt............ - 05/12/08

Improvisiert: Short Stories von der Frankfurter Buchmesse

Nur auf einer Buchmesse kann das funktionnieren: Autoren, die sich sonst kaum über den Weg laufen, schreiben zusammen Kurzgeschichten für ARTE.


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Erpel in Weiß

Sabine Küchler
Als ich zum ersten Mal über die Grenze reiste, flogen zwei Schwäne über uns mit. Im Abteil saßen drei dicke Männer, einer schlief, die beiden anderen spielten seit Stunden erbittert Karten. Ich sah hinaus und dachte an alles, was hinter mir lag: den Regen, die liegengelassene Arbeit, die ärgerliche Geschichte mit K.

Zehra Çirak
Dass K. mich heimlich verfolgt hatte und ohne mein Wissen und ohne von mir entdeckt zu werden, im selben Zug mit mir saß, wusste ich nicht. Während der ganzen Fahrt dachte ich an den Streit mit K. und wähnte mich vor ihm und seinem verrückten Plan in Sicherheit. Glaubte er wirklich, er hätte mich jemals für sein merkwürdiges Spiel zurückgewinnen können?

Esther Kinsky
Wir überquerten einen Fluss. Das Wasser lag still und spiegelglatt. Eine Gruppe Schwäne ruhte auf dem stillen, himmelgrauen Wasser. Schwäne dachte ich, wieder Schwäne.

Bernhard Jaumann
Weiß. Die Farbe der Unschuld. Irgendwo – war es in Indien? – auch die Farbe der Trauer. Der dicke Mann mir gegenüber schreckte aus dem Schlaf hoch und fragte: „Sind wir schon da?“ Einer der beiden Kartenspieler zuckte die Achseln. „Wo denn?“ Gute Frage. Als ob man je irgendwo wirklich ankommen könnte. Außer am Ende des Lebens. „Wie bitte?“ fragte der Kartenspieler. Hatte ich laut gesprochen? Ich schüttelte nur den Kopf und dachte, dass ich dieselbe Bewegung auch im Gespräch mit K. gemacht hatte. Er hätte genug, hatte er gesagt. Wovon? Na, von allem. Vom Leben. Und insbesondere von seinem eigenen Leben.

Frank Schulz
Aber was mich dann doch ein wenig beunruhigte, war, dass er mich erstmals in seine üblichen morbiden Spinnereien einbezog. „Such es dir aus: entweder heiraten und irgendwann sterben. Oder umgekehrt.“ Erpressung, aber K. nannte es sein „Spiel“, seinen „Plan“. Heute ist mir klar, er war wirklich krank.
Kaum hatten die beiden Kartenspieler ihr Spiel wieder aufgenommen, kaum war der dritte dicke Mann wieder eingeschlafen, riß jemand die Schiebetür des Abteils auf. Es war K. Von Kopf bis Fuß weiß gekleidet, starrte er mich an. Schweißtropfen rannen von seinen Schläfen.
Wieder erwachte der Schläfer, wieder schauten die Spieler auf.
K. griff in seinen Hosenbund und zog einen Revolver hervor, glänzend schwarzer Stahl, beinah zu schwer für seine schmalen Handgelenke. Beidhändig schoß er erst den Spielern, dann dem Schläfer in die Brust.
„Und denke daran“, sagte K. schwitzend, aber wahrhaft seelenruhig. „Sobald auch du stirbst, werden wir heiraten.“ Dann drückte er mir die Waffe in die Hand, richtete den Lauf auf sein Herz und preßte seinen linken Daumen auf meinen rechten Zeigefinger.
Keine mitfliegenden Schwäne, als ich zum zweiten Mal über die Grenze reiste – diesmal zurück. Auch auf dem stillen Wasser des Flusses unter der Brücke waren keine mehr gewesen. Nur ein Paar Stockenten.


Die Goldgräber

Leonardo Padura
Kaum hatte er seinen Fuß über die Schwelle gesetzt, spürte er auf seiner Brust die Schwere jener schwarzen Augen.
Er hatte schon immer diese ihm sehr tiefsitzende Fähigkeit gehabt, schöne Frauen in den abgelegensten und unwirtlichsten Orten zu entdecken, aber dieses Mal war er sich sicher, dass es sich um etwas Erhabenes handeln musste, dass eine absolut andere Spannung in diesem Blick existierte, die ihn in Aufregung brachte.
Was er sich nicht vorstellen konnte, in diesem Moment und auch noch einige Tage danach, war, dass diese Frau mit den schwarzen Augen eine nicht mehr rückgängig zu machende Veränderung in sein Leben bringen würde.

Tobias Gohlis
Was starrt der mich an, dachte ich. Ein kleiner Kerl mit Stoppelhaaren, düsteren Brauen und .... Der Blick hatte was. Sie blieb stehen, wie gebannt. Dunkle Augen, in denen etwas Archaisches schimmerte, Kannibalisches.
Sie wandte sich ab und ging mit tastenden Schritten die wacklige Treppe hinunter. Die Stufen waren Gitterroste, Höhenangst packte sie. Die Stimme des Tourguides drang an ihr Ohr: „Hier, in diesen Schächten wurde das Gold abgebaut. Die Sklaven mussten – auf dem Rücken liegend – arbeiten, um das Golderz zu brechen.“
Was mache ich hier, dachte sie und drehte sich noch einmal zu dem kleinen knubbeligen Mann um, dessen Kannibalen-Augen immer noch versonnen auf ihr ruhten.

Emma Braslavsky
Obwohl er die Abscheu in ihren Augen wahrnahm, sagte er: „Kommen Sie mit! Ich zeige Ihnen etwas ganz Neues“ und hakte sich bei ihr unter. Obwohl er Widerstand erwartet hatte, folgte sie ihm wortlos zu einer morschen Brücke, über die Brücke zum anderen Ufer dieser alten Stadt.
Sie liefen hastig eine schmale staubige Straße entlang, ihre Schweißtropfen hinterließen kleine Krater auf dem feinen grauen Sand. An einer verfallenen Hacienda blieb er plötzlich stehen, er blickte sie nicht an; das Zögern, das in seinem Gesicht stand, konnte zweierlei bedeuten: Entweder hatte er sie belogen und es gab nichts „Neues“ zu zeigen. Oder er überlegte, ob es nicht ein Fehler wäre, sie da hineinzuziehen.

Wolfgang Schorlau
Ich tue es nicht, dachte er. Nicht mit dieser Frau. Wenn sie eine andere wäre, würde ich es tun, ganz sicher, aber nicht mit dieser, nein, ich kann es nicht.
Er sah ihren verhangenen Blick, ihre Ruhe. Und ihr Vertrauen, dachte er. Warum haben sie so eine schöne Frau ausgesucht. Gut gekleidet, keine Frage, das Kostüm war nicht billig, nein, billig war nichts an ihr. Die Frisur. War bestimmt auch nicht billig.
Plötzlich dachte er: „Ich tue es doch, ich tue es doch...“
Er sammelte Kraft.
Er atmete tief ein.
Er spannte die Rückenmuskulatur.
Da registrierte er eine schnelle Bewegung ihrer rechten Hand. Sie griff blitzschnell unter den Rock und plötzlich sah er....

Wolfgang Hogekamp und Julius Fischer
... einen Penis.
Einen echten Penis. Und er wusste, dass ihr rein gar nichts passieren könnte. Denn sie war ein Er und nichts würde mehr sein wie es war.

Und weil's so schön war, hier die Geschichte nochmals zum Nachhören - vorgetragen von Julius Fischer: Viel Vergnügen mit "Die Goldgräber".


Erfahren Sie mehr über die Autoren der Short Stories:
Sabine Küchler
über ihre Reise in das Gastland der Buchmesse und mitgewanderte Löffel!
Zehra Çirak
Rezension ihres Gedichtbands "In Bewegung"
Esther Kinsky
im Gepräch mit Jörg Plath über ihren Roman
"Sommerfrische", der im Entstehen ist
Bernhard Jaumann
Rezension seines Krimis "Die Augen der Medusa"
Frank Schulz
über seine Erlebnisse in der Türkei und ein Geschenk der besonderen Art!
Leonardo Padura
Der kubanische Krimistar im Gespräch mit
Bernhard Jaumann und Lore Kleinert
Tobias Gohlis
Der Krimiexperte ist Initiator der KrimiBestenliste und bloggt für ARTE Tag und Nacht
Emma Braslavsky
im Gespräch mit Denis Scheck über ihr neues Buch
"Das Blaue vom Himmel über dem Atlantik"
Wolfgang Schorlau
über seine Erfahrungen in der Türkei
als Teilnehmer des deutsch-türkischen Stadtschreiberprojekts
Wolfgang Hogekamp und Julius Fischer
Interview über den Poetry Slam mit Slammerlegende Wolfgang Hogekamp und
Gespräch mit ARTE WebSlam Preisträger Julius Fischer



Erstellt: 07-10-08
Letzte Änderung: 05-12-08


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