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08/11/04

In this world

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Synopsis: Wie eine Million ihrer Landsleute sind auch die beiden afghanischen Cousins Jamal und Enayat vor den amerikanischen Bombardements im Oktober 2001 in die pakistanische Grenzstadt Peshawar geflüchtet. Jamal, ein 14-jähriger Waise, lebt in einem Flüchtlingslager. Wegen seiner Englisch-Kenntnisse soll er den erwachsenen Enayat nach England begleiten, für den sich sein Vater dort ein besseres Leben erhofft. Ohne gültige Papiere gestaltet sich die von professionellen Fluchthelfern organisierte Route zu einer gefahrvollen Odyssee, die die beiden über Pakistan, Iran, die Türkei bis nach Europa führt.
 
video.gif.imageDataDer Trailer zum Film (Real Video)
Modem/ ISDN
Breitband
 
 
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Allemagne123[1].jpg.imageData Gemessen an der kurzlebigen Aufmerksamkeitsspanne, die die westlichen Medien nach dem 11. September der Not des afghanischen Volkes zuteil werden ließen, war Michael Winterbottom's Projekt über den Horror-Trip zweier illegaler Einwanderer nach Europa zunächst seiner Zeit voraus und wird nun angesichts des drohenden Irak-Kriegs fast schon wieder wie ein Nachzügler-Film gehandelt. Lange vor Nine-Eleven interessierte sich der britische Regisseur bereits für das Schicksal der Einwanderer und die scheinheilige Unterscheidung zwischen willkommenen politischen und nicht willkommenen Wirtschaftsflüchtlingen, von der alle Parteien vor den letzten britischen Parlamentswahlen populistisch Gebrauch machten.
 
Aufgeschreckt durch den qualvollen Erstickungstod 58 chinesischer Flüchtlinge im Juni 2000 auf einem LKW, verlegte Winterbottom den Beginn seiner Geschichte nach Pakistan und blieb dieser Idee trotz aller Gefahren, die während der Recherche und den Dreharbeiten im Zuge des Afganistan-Feldzugs drohten, treu. Aus hunderten recherchierter afghanischer Flüchtlingsschicksale destilliert "In This World" ein halb fiktionales, halb dokumentarisches Flüchtlingsdrama, in dem zwei Laien die Hauptrollen spielen.
 
Winterbottom hat sie auf den Straßen von Peshawar entdeckt. Kein fertiges Drehbuch mit Dialogen zum Auswendiglernen gab der Regisseur ihnen deshalb mit auf ihre Reise, sondern ein Handlungsgerüst, das von ihrer Improvisation und zufälligen Begebenheiten leben sollte. Ästhetisch und dramaturgisch geht dieses Konzept nur teilweise auf. Beide Hauptdarsteller spielen, was sie selbst nicht erlebt haben und müssen dabei stellvertretend das gesammelte Leid ihrer Landsleute durchmachen. Das wirkt manchmal wie Laientheater, immer dann, wenn der Film ihnen große dramatische Situationen verordnet. Als würde der Film auf einmal seinem dem Realismus verpflichteten Konzept misstrauen, werden die emotionalen Momente zusätzlich mit dramatischer Filmmusik unterstrichen. So aber löst sich die Grenze zwischen Fiktion und Realität in unseren Köpfen, die verwischt werden, niemals ganz auf.
 
Allemagne123[1].jpg.imageData Martin Rosefeldt
 
france123[1].jpg.imageData Nach seinem Rock&Roll-Film 24 Hours Party People über die Musikszene in Manchester hat sich Michael Winterbottom mit diesem Film wieder einem radikal anderen Thema zugewandt. Seine Schilderung der gefahrvollen Odyssee zweier junger afghanischer Flüchtlinge quer durch den Nahen Osten und Europa greift wieder den politisch-militanten Ton auf, den wir noch von Welcome to Sarajevo aus dem Jahr 1997 kennen. Ein sparsam eingesetzter Off-Kommentar gibt dem Zuschauer von den ersten Einstellungen des Films an Informationen über die geopolitische Lage des Landes und versorgt ihn im distanzierten Ton des journalistischen Berichterstatters mit statistischem Zahlenmaterial, aus dem man alles und nichts über das Elend dieser Kriegsflüchtlinge herauslesen kann. Michael Winterbottom präsentiert seinen Film In This World als eine Mischung aus nachgestellten Dokumentarszenen und echter Fiktion, für die er sich insbesondere auf Berichte von Augenzeugen aus dem französischen Flüchtlingsauffanglager Sangatte gestützt hat, das in der Vergangenheit eine traurige Bekanntheit in den Medien erlangt hat.
 
Auch die in Digitalvideo-Technik gedrehten und auf Cinemascope-Format (1:2,35) umkopierten Bilder des Films bewegen sich auf dieser feinen Linie zwischen zwei Genres, zwischen Schwarz-Weiß und Farbe, zwischen dem Ästhetismus des künstlerischen Experimentierens und der schroffen Direktheit der mit der Schulterkamera gedrehten Einstellungen. Visuelle Eindrücke, die einem nicht mehr aus dem Sinn gehen: die Landschaften, das Licht, Gesichter, Straßen, endlose Wüsten und vom Staub überzogene Autobusse. Bilder einer brutalen Realität, die ganz und gar nichts Artifizielles an sich haben, aber gleichzeitig an die diffusen Farbenspiele der hypnotischen Filme eines Alexander Sokurow erinnern. Eine außergewöhnliche Leistung des jungen, überaus talentierten Chef-Kameramannes Marcel Zyskind. Winterbottom ist ein ebenso politischer wie menschlich anrührender Film gelungen, der beim Zuschauer Emotionen weckt angesichts dieser chaotischen Irrfahrt zweier junger Männer, die in ihrer Naivität von einem gefährlichen Erlebnis ins andere stolpern, von einem Land ins nächste, vom Jeep über den Bus in den Lastwagen und schließlich in das Gefängnis des Frachtcontainers, mit dem sie von Istanbul nach Triest gelangen wollen.
 
Augenblicke der Dramatik und Angst werden durch die nüchtern-distanziert wirkende musikalische Untermalung mit Geigen und vor Spannung fast erstickenden Bläsern noch unterstrichen. Was bleibt, nachdem man diesen bewegenden Film gesehen hat, sind Bilder, die einen nicht mehr loslassen: lächelnde kleine Mädchen in schillernden Kleidern inmitten der Wüste, schemenhafte, müde Gestalten auf ihrem Weg durch die Nacht der kurdischen Berge, verängstigt im Schnee Deckung suchend vor dem Feuer weit entfernter Geschütze. Dieser Film brennt wie eine Fackel, er macht die Angst greifbar, lässt den Zuschauer teilhaben an seiner Gefühlswelt und der Wut, die aus ihm spricht. Er holt die Geschichte dieser beiden Flüchtlinge heraus aus dem Kontext der üblichen Dreizeiler in der Spalte "Sonstige Meldungen aus aller Welt" und führt uns vor Augen: Ihr Schicksal geht auch uns an. 
 
france123[1].jpg.imageData Delphine Valloire
 
 
Das Bonusmaterial: Mit „In This World“ erscheint Michael Winterbottoms auf der Berlinale 2003 mit dem dem Goldenen Bären für den Besten Film sowie dem Friedenspreis der Ökumenischen Jury ausgezeichnetes Flüchtlingsdrama als DVD. Nicht zum ersten Mal hatte Großbritanniens Regie-Allround-Star an ein politisch brisantes Thema gewagt – in „Welcome to Sarajevo“ erzählt er die Geschichte eines Korrespondenten im Bosnien-Konflikt, der sich für ein Flüchtlingskind einsetzt. Sowohl Thematik als auch Erzählweise dienten als Modell für „In This World“, den Winterbottom mit seinem Mini-Team 2002 unter abenteuerlichen Bedingungen in Pakistan, Afghanistan, Iran und der Türkei drehte: Gerade hatten die Amerikaner mit der Bombardierung der Taliban-Stützpunkte in Afghanistan begonnen und die Frage, ob man auf einem Basar angebotenes Osama-bin-Laden-T-Shirt kaufen oder ablehnen sollte, konnte für einen englisch sprechenden Europäer über Leben und Tod entscheiden.
 
Doch das Wagnis, mit zwei afghanischen, in einem pakistanischen Flüchtlingslager lebenden Laiendarstellern die viele tausend Kilometer lange Flüchtlings-Odyssee nach Europa nachzustellen und zugleich die Anwesenheit eines Filmteams nicht zu verleugnen, hat sich bekannterweise gelohnt. Ständig vermischten sich während der Dreharbeiten sehr zur Freude des auf größtmöglichen Realismus bedachten Teams Realität und Fiktion– ein iranischer Grenzpolizisten beispielsweise wollte den beiden, mit gefälschten Papieren ausgestatteten Protagonisten, die – illegale – Einreise – nur gestatten, wenn er im Film den streng kontrollierenden Beamten selbst spielen durfte. Kein Wunder, dass Winterbottom, stets auf die schauspielernde oder beratende Hilfe seiner Reisebekanntschaften angewiesen, dieses Angebot ohne Zögern annahm. Diese Anekdote und viele andere interessante Geschichten am Rande kommentieren Winterbottom und sein Drehbuchautor Tony Grisoni in einem halbstündigen Making-Off, das die DVD als Bonus-Track bereit hält.
 
Bewegend ist auch, dass der jüngere der beiden Hauptdarsteller, Jamal Udin Torabi, im Anschluss an die Dreharbeiten in London einen Asylantrag stellte – ein Vorhaben, dass ihm bei seinem Abschied von seinem – wahren - Bruder im Film wohl noch nicht bewusst gewesen sein konnte. Jamals Antrag wurde inzwischen abgelehnt, mit Erreichen der Volljährigkeit muss er zurück nach Afghanistan oder Pakistan. Die kritische Frage bleibt, ob Winterbottom seinen Akteuren mit ihrem kurzen Ausflug ins Filmgeschäft einen wirklich hilfreichen Dienst erwiesen hat.
Zusätzlicher Bonus – ein ausführlicher Lebenslauf des Regie-Berserkers Winterbottom, der in den letzten 10 Jahren 11 Filme gedreht hat sowie eine Fotogalerie mit Motiven des Roadmovies.
 
Martin Rosefeldt
 
 
Regie: Michael Winterbottom
Drehbuch: Tony Grisoni, Michael Winterbottom
Großbritannien, 2002, 88’
Ton/Untertitel:
- Deutsch: DTS 5.1, Deutsch Dolby Digital 5.1, Dolby Surround
- Afghanisch/Englisch/Persisch: Dolby Digital 5.1., Dolby Stereo 2.0
- Dt. Untertitel
Originaltitel: IN THIS WORLD
Produktionsland + -jahr: Großbritannien 2002
Genre: Drama
deutscher Kinostart: 18.09.2003
DVD-Extras:

Making of (dt. Untertitel), Bio/Filmografie Michael Winterbottom, Originaltrailer, weitere Sunfilm-Trailer

Bestellnummer DVD / EAN-Code DVD: 22080 / 4041658220804

Erstellt: 08-11-04
Letzte Änderung: 08-11-04