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Schwerpunkt Indien - 19/10/06

Indien am Horizont

Indien, Gastland der Frankfurter Buchmesse 2006, ist mit Riesenschritten auf dem Weg in ein neues Zeitalter. Ein Gespräch mit Vikram Seth, einem der bedeutendsten indischen Autoren, über Lesekultur und Gegenwartsliteratur in Indien.

„Oh, diese höllische Musik ...“, sagt Vikram Seth in perfektem Deutsch und verzieht das fein geschnittene Gesicht. Um dem Radiogedudel der Baseler Hotellounge zu entkommen, verlegt der Schriftsteller das Gespräch kurzerhand auf sein Zimmer – hier fühlt er sich wohler. Die herumliegenden weißen Frotteehausschuhe lassen einen abrupten Aufbruch nach dem Mittagsschlaf vermuten. Er habe letzte Nacht noch lange mit seinem Schwager in einem Wiener Café gesessen und nun sei er müde – sehr müde, entschuldigt sich der Inder und unterdrückt ein Gähnen.

Vikram Seth ist ein sinnlicher Mensch. Beliebige Beschallung kann er nicht ertragen, umso mehr liebt er klassische Musik. Mit Leidenschaft singt er Schubertlieder – eine Liebe, die er seiner Tante Henny zu verdanken hat. Beim Abwasch in ihrer Londoner Küche brachte die Tante aus Berlin dem indischen Neffen, der mit einem College-Stipendium nach England gekommen war, das „Heideröslein“ bei. Henny und ihr Mann Shanti, Vikram Seths Großonkel, sind die Protagonisten seines neuen Buches „Zwei Leben“, das der indische Autor im Frühling 2006 auf einer Reise durch Deutschland, Österreich und die Schweiz vorgestellt hat.

Vikram Seth, der seit seinem rund 1.400 Seiten umfassenden Roman „Eine gute Partie“ (1993) auch als „Tolstoi Indiens“ bezeichnet wird, gilt als einer der wichtigsten Gegenwartsautoren des Subkontinents. Oft wird er in einem Atemzug mit Schriftstellern wie Salman Rushdie, Amitav Ghosh oder Arundhati Roy genannt. Er gehört zur privilegierten Gruppe indischer Autoren, die in englischer Sprache schreiben und damit weit über ihre Heimat hinaus bekannt werden können – denn das bleibt den meisten indischen Autoren verwehrt. „Es gibt sehr viele gute Schriftsteller, die in Landessprachen wie Marathi, Tamil, Bengali, Punjabi, Urdu oder Gujarati schreiben. Aber sogar innerhalb Indiens gibt es Übersetzungsprobleme zwischen den einzelnen Sprachen“, erklärt Seth. Er hofft, dass der Gastauftritt Indiens auf der Frankfurter Buchmesse auch die regionalsprachlichen Kollegen bei den Lesern im Westen bekannt machen wird.

Trotz der gut 35 Prozent Analphabeten können Autoren in Indien auf eine potenzielle Leserschaft von 600 Millionen Menschen hoffen. Die Buchbranche wächst rapide, über 15.000 Verleger bringen jährlich 77.000 Bücher in über 20 indischen Sprachen auf den Markt. Einen gemeinsamen Nenner für das Literaturschaffen eines Landes zu finden, das sich in unendlich vielen sprachlichen wie religiösen Facetten bricht, scheint unmöglich. Der Wirtschaftsboom und der mit Riesenschritten eingeschlagene Weg in ein „neues Indien“ beschäftigt die indischen Gegenwartsliteraten ebenso wie die anhaltenden Konflikte zwischen Hindus und Muslimen, die Rechte der Frauen oder das faktisch noch immer existierende Kastensystem. In seinem Roman „Kein Gott in Sicht“ versucht der in Indien gefeierte junge Autor Altaf Tyrewala, die Vielfalt der 14-Millionen-Megacity Mumbai (bis 1995 Bombay) zwischen Aufstiegswahn und Massenarmut greifbar zu machen, ebenso wie der Journalist Suketu Mehta mit seinen Beobachtungen in „Bombay – Maximum City“.

Wie viele seiner englischsprachigen indischen Kollegen genoss Vikram Seth eine akademische Ausbildung im Ausland. Er studierte zunächst in Oxford, später in Stanford und an der Universität der ostchinesischen Stadt Nanjing – so wurde er schon früh zum Pendler zwischen den Welten. Heute bewohnt er ein Anwesen bei London sowie ein Haus in Neu-Delhi, ganz in der Nähe seiner Eltern. Englisch ist für ihn ebenso eine indische Sprache wie die anderen 22 Landessprachen.

Das Leben der kulturellen Elite Indiens ist so weit vom armen, ungebildeten Teil der Bevölkerung entfernt, dass ihre Geschichten hauptsächlich von der aufstrebenden Mittel- und Oberschicht erzählen. Anders Kiran Nagarkars Roman „Ravan & Eddie“ (2005), der im Milieu der „Chawls“, der billigen Großstadtmietshäuser Bombays, spielt, oder die Schriften von Arundhati Roy, Indiens bekanntester Globalisierungskritikerin. Seit Jahren setzt sich die Autorin des mit dem Booker Prize ausgezeichneten Romans „Der Gott der kleinen Dinge“ (1997) in ihren Essays wie in politischen Aktionen für die Rechte der benachteiligten Landbevölkerung ein und warnt vor den Folgen einer Entwicklung, die den Armen ihre Stimme und ihre Rechte entzieht.

Vikram Seth dagegen vertraut auf die multiethnische Regierung und die demokratischen Strukturen: „In Indien kann keine Regierung die Ärmsten zurücklassen. Wer versucht, die Städte aufblühen zu lassen, die ländliche Bevölkerung jedoch ignoriert, wird hoffentlich bei der nächsten Wahl hinausgeworfen.“

„Inder stammen aus einer multikulturellen und polyglotten Umwelt“, zitierte kürzlich die „Zeit“ den Stahlmagnaten Lakshmi Mittal, „weshalb wir uns leichter auf internationalem Parkett zurechtfinden.“ Ein Parkett, auf dem nicht nur Global Player der Wirtschaft, sondern auch Weltliteraten tanzen.

Einer von ihnen holt jetzt lächelnd einen Stadtplan von Basel hervor. Er wird sich ein bisschen ausruhen und sich dann auf den Weg in die Stadt machen. Die Holbein-Ausstellung im Kunstmuseum möchte er sich ansehen und mit der Fähre über den Rhein fahren – bevor er seine Zuhörer am Abend wieder in seine Welten entführt, die irgendwo zwischen London, Indien und Berlin liegen.

Maike van Schwamen für das ARTE Magazin


Photo der Grafik: Qutb Minar, Delhi. Copyright: Anita Menrath.

Erstellt: 27-09-06
Letzte Änderung: 19-10-06