Schriftgröße: + -
Home > Film erleben > Cannes 2006 > Die Filme > Indigènes

Cannes 2006 - Offizieller Wettbewerb - 17/09/08

Indigènes

Ein Film von Rachid Bouchareb


Wer hat Frankreich von den Nazis befreit? Die französische Armee wurde von vielen freiwilligen Soldaten aus anderen Ländern unterstützt, die bis heute nicht die entsprechende Anerkennung gefunden haben.
Blicken Sie jetzt in die ARTE-Sterne!

(Days of glory)
Frankreich 2006, 125 Min.
Mit: Jamel Debbouze (Saïd), Samy Nacéri (Yassir), Sami Bouajila (Abdelkhader), Roschdy Zem (Messaoud), Bernard Blancan (Martinez)

Synopsis: Obwohl sie noch nie einen Fuß auf französischen Boden gesetzt haben, melden sich 1943 mehr als 130.000 Nordafrikaner freiwillig zur Armee, um Frankreich von den Nazis zu befreien – denn sie betrachten Frankreich trotz, oder gerade wegen der Kolonialherrschaft, auch als ihre Heimat. Sie kommen aus verschiedenen Dörfern aus Marokko, Algerien und auch Schwarzafrika, und werden schlecht ausgebildet und unvorbereitet gegen die Deutschen ins Gefecht geschickt. Bald müssen sie feststellen, dass sie trotz ihres patriotischen Einsatzes nicht die gleichen Rechte und Aufstiegsmöglichkeiten haben wie die „eingeborenen“ Franzosen. Eine von Abdelkhader – dem einzigen, der schon mal eine militärische Prüfung absolviert hat – angeführte, kleine Gruppe, findet sich im Winter 1944/45 nach großen Verlusten schließlich in einem elsässischen Dorf wieder, das sie gegen die immer noch anrückenden Deutschen verteidigen sollen.

Kritik: Das Thema der freiwilligen Soldaten aus dem Maghreb und anderen afrikanischen Staaten, die für Frankreich gegen die Nazis kämpften und dafür schlecht belohnt wurden, ist zwar eng mit der französischen Kolonialgeschichte verbunden, aber es ist keineswegs nur für die Franzosen ein verdrängter und vergessener Skandal. In vielen Ländern und vielen Kriegen gab es Menschen aus anderen Staaten, Kulturen und mit anderer Hautfarbe, die freiwillig oder auch gezwungen für das Land kämpften, von dem sie sich eine bessere Zukunft erhofften. Und nirgends wurde es den „Indigènes“, den „Eingeborenen“, wie sie zum Teil verächtlich genannt wurden, entsprechend gedankt. Man schickte sie nach dem Krieg nach Hause und strich ihnen auch noch die Pension.

Insofern legt der Film von Rachid Bouchareb, der mit „Poussières de vie“ 1996 schon einmal eine Oscar-Nominierung hatte, den Finger nicht nur in eine schlecht verheilte französische Wunde. Und er macht das zwar mit konventionellen filmischen Mittel, aber mit einer kraftvollen, glaubwürdigen und bewegenden Geschichte um diese vier Nordafrikaner, deren Einzelschicksale er als Teil des Ganzen zeigt.

Auf die handwerklich soliden, mit erheblichem Aufwand gedrehten Kampfszenen hätte man sogar gern verzichtet, wenn er sich dafür noch stärker auf die Szenen aus dem militärischen Alltag konzentriert hätte, die das direkte unvorbereitete Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Kulturen zeigen, und das Versagen selbst wohlmeinender Vorgesetzter gegenüber der fremden Mentalität.

Der Film ist dort am stärksten, wo er ganz nah an seinen Figuren bleibt, uns ihre Motive, Träume und etwas von ihrem Selbstverständnis zu vermitteln versucht, was ihm dank der guten schauspielerischen Leistungen auch weitgehend gelingt. Dramatisches Kriegsgetümmel mit teurer Pyrotechnik ist inzwischen in fast jedem Film obsolet geworden, besonders in einem Festival-Film. Aber vielleicht erreicht Rachid Boucharebs Film damit in Frankreich auch ein breiteres Publikum, und nicht nur diejenigen, die über dieses skandalöse Unrecht sowieso schon gut informiert sind.

Thomas Neuhauser

Erstellt: 25-05-06
Letzte Änderung: 17-09-08