Regie: David Lynch
Darsteller: Laura Dern, Justin Theroux, Jeremy Irons
Synopsis: Die Schauspielerin Nikki Grace (Laura Dern) bekommt die Chance auf die Hauptrolle in einem Kinofilm, der früher schon einmal gedreht wurde. Diese Situation ist der Ausgangspunkt für eine weitere Auseinandersetzung Lynchs mit seinen bevorzugten Themen: Angst und Verschiebung von Raum und Zeit.Kritik: Vor wenigen Monaten wurde David Lynch auf der Biennale in Venedig mit dem Golden Löwen für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Zugleich stellte er gemeinsam mit Hauptdarstellerin und Koproduzentin Laura Dern seinen neuen Film Inland Empire vor. Lynch erklärte bei der Premiere in Venedig, er könne selbst nicht sagen, wovon Inland Empire handelt. Paradoxerweise bezeichnet er die 172 Minuten auf Zelluloid gebannten Alptraum mit unzähligen verzahnten Handlungssträngen und erzählerischen Brüchen als „barockes Patchwork“: krankhaft und jenseits aller narrativen Traditionen.
Inland Empire ist für Lynch, was Ludwig II für Luchino Visconti war: Ein sehr subjektives, tiefgründiges, komplexes Werk, in dem seine ureigenen Obsessionen voll zum Ausdruck kommen. Jede Szene spiegelt eine andere wieder. Der Zuschauer verliert die Orientierung und wird dennoch unaufhaltsam in die Beschäftigung mit dem Mysterium Mensch und seiner Schöpfung hineingezogen. Inland Empire ist bewusst als Work in process angelegt, als ständiger Wechsel von Konstruktion und Dekonstruktion. Lynch verzichtet (endlich) auf viele, in seinen früheren Filmen häufig wiederkehrende Gimmicks und konzentriert sich ganz auf das Herausarbeiten der düsteren Quintessenz, so wie er in Eine wahre Geschichte – The Straight Story den lichten Augenblicken des Lebens huldigte.
Mit Inland Empire stürzt sich Lynch mit Leib und Seele in einen Strudel, der Positives wie Negatives zu Tage fördert, und bleibt dabei in jeder Sekunde wahrhaftig und ehrlich. Dass er das Kino zum Thema seines neuen Films macht, ist nicht verwunderlich. Laura Dern ist Nikki Grace, die die Hauptrolle in dem Film „On High in Blue Tomorrows“ spielen soll. Nikki findet heraus, dass der Film schon einmal gedreht, jedoch nicht beendet wurde. Sie verfängt sich wie Alice auf ihren Irrungen durch die Hölle Wunderland in einem unbeschreiblichen Wirrwarr aus Sinneseindrücken und -Täuschungen, in einem sinnlosen, schrecklichen Labyrinth. Lynch produziert teuflisch beängstigende Szenen, scharf wie ein Skalpell. Stellenweise zitiert er Twin Peaks - Fire walk with me und Eraserhead. Diese Flashbacks sind auf Laura Dern, seine erprobte und allgegenwärtige Muse, fokussiert, deren Darstellung der Nikki das Prädikat „außergewöhnlich“ absolut verdient.
Neu ist, dass Lynch zum ersten Mal auf seine 35mm Kamera verzichtete und mit einer Handkamera drehte. Das verleiht den Bildern mehr Mobilität und Bewegung, mit einer Spur verwaschenem Grau und stärker betonten Schatten. Für Inland Empire verlies Lynch erstmals auch sein vertrautes Hollywood. Etliche Szenen wurden im polnischen Lodz gedreht. Auch das macht diesen Film mit Überlänge (172 Minuten) zu etwas Besonderem. Inland Empire ist ein unbequemes, verstörendes Werk. Ein Film, der Unbehagen hervorruft. Ein Teil des Publikums wird wohl, wie schon in Venedig, mit Unverständnis reagieren. Inland Empire hinterlässt mit seiner Düsternis Spuren, die der Zuschauer so schnell nicht aus seinem Kopf verbannen kann.Olivier Bombarda






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Spuren, die der Zuschauer so schnell nicht
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