Evolution von 2. bis 30. April - 07/04/05
Intelligenz
Abenteuer Arte
In seinem 1871 erschienenen Werk zur Abstammung des Menschen sprach Charles Darwin die Vermutungs aus, dass, auch was geistige Eigenschaften angeht, Menschen und Tiere sich nur graduell unterscheiden. Alles was angeblich die Einzigartigkeit des Menschen ausmache - Moral, Vorstellungskraft, Erfindungsreichtum, ästhetisches Empfinden usw. - sei in Grundzügen schon im Tierreich angelegt oder in Ausnahmefällen sogar hoch entwickelt. Dieser Gradualismus war ein methodisches Grundprinzip Darwins, das er zur Unterstützung seiner Theorie benötigte. Moderne Theorien zur Evolution des modernen Menschen lassen jedoch Zweifel an einigen Ideen Darwins aufkommen.
Vor 6 Millionen Jahren entstand in Afrika eine Population von Affen, aus denen sich zweibeinige Primaten der Gattung Australopithecus entwickelten. Bis auf eine Art starben alle diese Primaten aus. Diese überlebende Art hatte sich im Lauf der Zeit so sehr geändert, dass ihre Nachkommen vor 2 Millionen Jahren mit einem neuen Gattungsnamen, Homo, bezeichnet werden mußten. Vor 200 000 Jahren begann eine Population sich von Afrika aus in andere Erdteile auszubreiten und nach und nach andere Arten der Gattung Homo zu verdrängen Vor 10 000 Jahren wurde dieser Homo sapiens mit seinen Aktivitäten eine der wichtigsten formenden Kräfte der Erdoberfläche. Seither bestimmen komplexe Technologien und soziale Gemeinschaften, symbolische Kommunikation und Repräsentation das Leben des Menschen.
In dieser Geschichte verbirgt sich ein evolutionäres Rätsel: 6 Millionen Jahre sind für diesen technologischen und kulturellen Wandel eine ungewöhnlich kurze Zeit. Und dieser Wandel war nicht gleichmäßig über diese 6 Millionen Jahre verteilt, sondern fand vor allem in den letzten 200 000 Jahren statt. Es sieht so aus als hätten die Menschen irgendwann einen biologischen "Quantensprung" durchgemacht, der sie von dem langsamen Wirken der natürlichen Auslese befreite und raschen Wandel ermöglichte. Die Evolution des Menschen in den letzten 200 000 Jahren scheint nicht Darwins Ideal des schrittweisen, langsamen Wandels zu entsprechen. Um diese evolutionäre Geschichte des Menschen erklären zu können, muss aber nicht auf übernatürliche Kräfte zurückgegriffen werden. Der Mensch hat wahrscheinlich eine Schlüsselanpassung entwickelt, die ihm ermöglichte, langsamen biologischen durch schnellen kulturellen Wandel zu ersetzen: die Fähigkeit sich in andere Individuen hinein zu versetzen - eine Fähigkeit, die soziales Lernen und in der Folge einen schrittweisen Aufbau komplexer kultureller Traditionen erlaubte.
Menschenaffen können erfinderisch sein. Aber offenbar fehlt Individuen dieser Arten die Fähigkeit, anderen Individuen Absichten, Ziele und Motive zu unterstellen und in Werkzeugen und Symbolen diese mentalen Eigenschaften zu erkennen. Menschen können zum Beispiel bei Werkzeugen erkennen, welches Ziel der Hersteller "im Kopf" hatte. Menschenaffen verfügen trotz ihres Erfindungsreichtums nicht über die sozialen und mentalen Mechanismen, Innovationen wirksam weiterzureichen. Daher bilden neue Werkzeuge oder Verhaltensweisen nie oder nur äusserst selten den Beginn einer sich langsam wandelnden und schrittweise Änderungen und Verbesserungen ansammelnden Tradition.
Welche Bedingungen führten zur Entwicklung dieser revolutierenden kognitiven Fähigkeit, andere Individuen als mental gleichbefähigt zu betrachten? Im Verlauf der Evolution des Menschen wurde das Klima kühler, trockener und unvorhersehbarer. Die Fähigkeit zum sozialen Lernen ermöglichte Individuen angemessen auf räumliche und zeitliche Variabilität in der Umwelt zu antworten.
Das Leben in komplexen, von Konkurrenz und kooperativen Allianzen geprägten Gemeinschaften, die soziales Lernen erst ermöglichen, führte auch zu einem Auslesedruck, das Verhalten anderer Individuen vorherzusehen und möglicherweise zu manipulieren. Andere Individuen als gleichbefähigte Akteure mit eigenen Absichten und Motiven erkennen zu können, ist in einer komplexen Gemeinschaft zweifellos vorteilhaft.
Der Autor Thomas Weber ist wissenschaftlicher Assistent am Institut für Tierökologie der Universität Lund (Schweden) und Buchautor.
Erstellt: 07-04-05
Letzte Änderung: 07-04-05