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Shoah

In Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 65 Jahren, am 27. Januar 1945, zeigt ARTE

Shoah

24/01/11

Interview: „Hier ist kein Warum“

Max Dax und Jan Kedves im Gespräch mit Claude Lanzmann über seinen Film Shoah


Heute leben nur noch sehr wenige Augenzeugen des Holocaust. "Shoah", ein Meisterwerk des Kinos, hält die Erinnerung wach.

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Sehen Sie hier ein Grußwort von Claude Lanzmann anlässlich der ARTE-Ausstrahlung von "Shoah" am 20.1. und 27.1.2010

1971 veröffentlichten Sie mit »Pourquoi Israël« Ihren ersten Film, nachdem Sie zuvor zwölf Jahre für „Les Temps Modernes“, der von Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir gegründeten Zeitschrift, geschrieben hatten. War das eine notwendige Ausweitung des journalistischen Spielraums? Dem Geschriebenen das Bild hinzuzufügen?
Ein interessanter Gedanke und sicher richtig. Ich muss aber weiter ausholen: Sartre hatte mit seinen »Überlegungen zur Judenfrage« ganz richtig angemerkt, dass der Jude erst durch den Blick des Antisemiten zum Juden wird. Ich habe das geglaubt, und in gewisser Hinsicht stimmt es ja auch. Nach meiner Rückkehr aus Deutschland reiste ich 1952 nach Israel. Ich wollte für Le Monde über Israel schreiben, stellte vor Ort aber fest, dass mir dies unmöglich war. Das Land war für mich ein echter Schock. Ich bin in Frankreich aufgewachsen, meine Eltern haben mich nicht-jüdisch erzogen und mich auch nicht mit jüdischer Kultur konfrontiert – ich bin nicht religiös, ich kannte kein einziges Gebet, ich aß nicht koscher, und jiddisch habe ich auch nie gesprochen. Kurz: Ich stammte aus einer assimilierten Familie. Aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet, ist Assimilation ein Verbrechen. Assimilation bedeutet die Zerstörung gewachsener Traditionen und von Kultur.


Claude Lanzmann wurde 1925 in Paris geboren und ging 1940 im Zuge der Besatzung Frankreichs durch die Deutschen als 15-Jähriger gemeinsam mit seinem Vater in die Résistance.

Dort lernte der Jude Lanzmann, »den Menschen zu misstrauen und mich selbst unsichtbar zu machen«. Zwei Eigenschaften, die es dem jungen Mann ermöglichten, den Zweiten Weltkrieg ohne Deportation zu überleben.

Was genau hat Sie an Israel so schockiert?
In Israel stellte ich fest: Der Jude kann auch ohne den Antisemiten zu seiner jüdischen Identität finden. Das jüdische Volk besteht aus echten Menschen – aus Alten und Jugendlichen, mit einer wirklichen Kultur. Zu entdecken, dass es eine jüdische Welt gibt, hinterließ mich verstört.
Ich verbrachte viel Zeit in Israel. Und je länger ich blieb, desto klarer wurde mir, dass ich nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit über Israel schreiben konnte wie beispielsweise zuvor über Ostdeutschland. Israel war für mich zu persönlich. Es berührte zu intime Gefühle. Die Existenz Israels und dieser jüdischen Welt stellte mich als Mensch zu sehr infrage. Mit dem Dampfer reiste ich über das Mittelmeer zurück nach Frankreich und geriet in einen vier Tage andauernden, apokalyptischen Sturm. Während dieser vier Tage fasste ich den Entschluss, dass der zum Scheitern verurteilte Versuch einer ›objektiven‹ Reportage über Israel, die am Ende doch auf meinen persönlichen Fragen basiert hätte, absolut obszön gewesen wäre.


Darf man fragen, ob nicht möglicherweise gerade diese fehlende jüdische Identität es Ihnen erst ermöglicht hat, Filme wie »Pourquoi Israël« oder »Shoah« zu drehen?
Darf man. Und Sie haben vermutlich recht. Es ist eine Fügung meines Schicksals, dass ich gleichermaßen von innen heraus wie auch von außen hinein betrachten kann. Ich wurde zum Zeugen geboren. Insbesondere für »Shoah« benötigte ich eine große Distanz zum Thema. Nur die Distanz ermöglichte es mir, mit den Toten zu sprechen.

Sie meinen: im übertragenen Sinne? Schließlich sprechen Sie mit Überlebenden...
Natürlich. Aber es muss ganz klar sein, dass »Shoah« kein Film über die Überlebenden ist, sondern einer über den Tod, die Toten und die Radikalität des Todes – darüber, was passiert, wenn es absolut zu spät ist. Die jüdischen Protagonisten in »Shoah« erzählen daher auch nie ihre eigene Geschichte. Sie erzählen nie, wie ›sie‹ überlebt haben oder wie ›ihnen‹ die Flucht beispielsweise aus Treblinka, Auschwitz oder Sobibor geglückt ist. Nein, die jüdischen Protagonisten in »Shoah« sind die Sprecher der Toten. Ohne Ausnahme. Das ist auch der Grund, weshalb ich als Zeugen in meinem Film fast ausschließlich mit Überlebenden gesprochen habe, die den Sonderkommandos in den Vernichtungslagern zugeteilt gewesen waren, also Juden, die von den Deutschen etwa zur Beseitigung von Spuren der Vernichtung eingesetzt wurden. Das waren die Menschen, die Augenzeugen des letzten Kapitels des Zerstörungsprozesses gewesen waren – auf den Rampen, in den Gaskammern, in den Krematorien, beim Ausheben von Massengräbern. Sie sagen immer ›wir‹, sie sagen niemals ›ich‹. Eben weil diese Menschen die Vernichtungslager nicht ›bloß‹ überlebt hatten, sondern Zeugen der Vernichtung gewesen waren, war es auch nicht leicht, sie zum Sprechen vor einem Kamerateam zu überreden.

Das Interview ist in der deutschen Zeitung „spex“ , Ausgabe März/April 2008 erschienen.

Dort können Sie es in ganzer Länge nachlesen, ebenso auf der Internetseite von spex .

Das komplette Interview ist auch in dem Buch
„Dreißig Gespräche“ von Max Dax abgedruckt und bei Suhrkamp erschienen.
Nach der Logik des Nationalsozialismus hätte es keine jüdischen Zeugen der Vernichtung geben dürfen.
Alle Mitglieder der Sonderkommandos wurden turnusmäßig liquidiert. Dass einzelne von ihnen überlebt haben, ist ein nicht zu glaubendes Zusammentreffen von Glück, Mut und Wunder. Um mit diesen Menschen sprechen zu können, benötigte ich die größtmögliche Distanz.
In »Shoah« kommen viele polnische und tschechoslowakische Juden zu Wort – aber keine französischen.
Eine mir fremde Sprache war eine gute Basis für diese Distanz. Das war sehr wichtig. Das trifft übrigens auch auf die Deutschen zu, die Täter. Bevor ich »Shoah« gedreht habe, sprach ich ein wesentlich besseres Deutsch als danach. Ich habe gewissermaßen mutwillig während der dreizehn Jahre, in denen ich an »Shoah« arbeitete, mein Deutsch verlernt. Das war gut für den Film.

Im Sinne einer Methode?!
Um einen Nazi reden zu lassen, stottern Sie besser, so kann er Ihnen mit den gesuchten Worten aushelfen und Ihnen diese bei der Gelegenheit gleich auch noch ausführlich erklären. Wenn Sie so wollen, war dies eine Methode, die ich angewandt habe. Mit einem perfekten Deutsch hätte ich nie Aussagen jener Qualität von den Tätern bekommen, wie wir sie in »Shoah« zu sehen und zu hören bekommen.

Wenn Ihnen die Sprachbarriere geholfen hat, mit den Protagonisten Ihres Films zu sprechen, wie verhielt es sich dazu mit Ihrem Alter? Sie waren noch Jugendlicher, als die Nazis mit der Vernichtung der Juden in Chełmno begannen. Als Sie mit Überlebenden in den siebziger Jahren sprachen, waren diese manchmal nur unwesentlich älter als Sie selbst.
Ich bin ein Zeitgenosse der ›Ereignisse‹. Das Verbrechen fand statt, als ich in Frankreich in der Résistance kämpfte. Ich hätte genauso gut, wie viele meiner Altersgenossen, in einem der Vernichtungslager ermordet werden können. Möglicherweise wegen dieser Nähe fiel es mir auch während des gesamten Filmprozesses wahnsinnig schwer, das Geschehene zu benennen. Selbst das Wort ›Ereignis‹ mochte mir nicht über die Lippen gehen. Ich hatte bis zuletzt keinen Titel für meinen Film, geschweige denn ein Wort für das, was ich da tat. Ich begann daher von ›der Sache‹ zu sprechen, sobald es um die ›Ereignisse‹ bzw. meinen Film ging.

Wie kamen Sie schließlich auf den Begriff ›Shoah‹ – und was bedeutet er?
Im Hebräischen steht der Begriff ›Shoah‹ für eine schlimme Naturkatastrophe. Erdbeben oder Tsunamis werden als ›Shoah‹ bezeichnet. Zunächst einmal war es für mich ein Fremdwort – ein Wort, dessen Bedeutung ich als assimilierter Jude vorher nicht gekannt hatte. In diesem Sinne war die Betitelung des Films zugleich eine Nicht-Betitelung: Ich habe das Unaussprechbare mit einem Wort besetzt, dessen Bedeutung jedem Nichtjuden bis dahin unbekannt war. Andererseits existierte das Wort bereits seit Jahrtausenden. Sie müssen es sich vorstellen: Die ganzen zwölf Jahre, die ich an dem Film arbeitete, hatte ich keinen Titel, und dann fand ich in letzter Minute dieses Wort.

Was zeichnete das Wort aus – außer seiner übertragbaren Bedeutung?
Es ist kurz. Es ist dunkel. Es ist opak. Es ist andererseits robust wie ein Atom, es ist unzerstörbar. Ein Wort mit all diesen Qualitäten brauchte es, um das Unbenennbare zu benennen. Wir suchten nach einem Wort für etwas, das es in der Geschichte der Menschheit zuvor noch nie gegeben hatte, für das gar kein Wort existieren konnte! Denn Sie dürfen nie vergessen: Wenn Sie etwas benennen, schaffen Sie zugleich einen Schlüssel zum Verständnis des Benannten. Deshalb war es auch ein solch unverzeihlicher Fehler, dass die ›Sache‹ zuvor mit dem ebenso unerträglichen wie unheilvollen Begriff ›Holocaust‹ besetzt wurde. Denn ›Holocaust‹ bezeichnet im Hebräischen ›Opfergabe‹ – als ob die Juden für irgendetwas geopfert hätten werden müssen! Entscheidend war, dem Film einen Namen zu geben, den die Menschen erst lernen mussten, um ihn zu begreifen. Ich erinnere mich noch, dass ich vor der Premiere des Films in Paris vom Büro des französischen Präsidenten Mitterrand gefragt wurde, was der Begriff ›Shoah‹ bedeuten würde – das sei nicht Französisch, niemand würde es verstehen. Da antwortete ich: »Genauso ist es auch beabsichtigt.«

Erstellt: 15-01-10
Letzte Änderung: 24-01-11