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James Joyce

Der 16. Juni ist für Millionen von Menschen ein besonderer Tag. An jenem Tag im Jahre 1904 haben Stephen Dedalus und Leopold Bloom in James Joyces Ulysses, dem (...)

James Joyce

03/09/08

Interview

Interview mit Charlotte Szlovack, Regisseur des Dokumentarfilms Ulysses in Dublin.

Joyce und ReJoyce 

Während der Bloomsday-Feierlichkeiten in Dublin, die jährlich zu Ehren von James Joyes abgehalten werden, hat sich Charlotte Szlovak auf die Suche nach den Spuren der Gestalten aus dessen Roman „Ulysses“ begeben. In ihrer Dokumentation deckt sie „die spielerische und zuweilen komische Seite des Buches“ auf. 

Der Bloomsday ist heute eine Institution in Irland. Jeden 16. Juni feiern die Dubliner James Joyce, und zum diesjährigen 100. Jahrestag natürlich ganz besonders. Worauf gründet sich dieses Volksfest?

Der 16. Juni 1904 ist der Tag, an dem James Joyce seinen legendären Roman „Ulysses“ spielen lässt. In diesem originellen Werk beschreibt er das Leben einiger Dubliner über zwanzig Stunden hinweg. Seinen Namen verdankt der Gedenktag der Hauptfigur, Leopold Bloom, der – von heutigen Dublinern dargestellt, ebenso wie die anderen Romangestalten an den tatsächlichen Ereignissen des damaligen Tages teilnimmt. Bestechend zeitgleich begegnen sich die Personen an verschiedenen Orten der Stadt. Um diesen „gewöhnlichen“ Tag, der ihr Leben von Grund auf veränderte, nacherlebbar zu machen, beschloss eine kleine Gruppe von Joyce-Fans in den 1970er-Jahren, an jedem 16. Juni die vom Autor beschriebenen Etappen nachzuvollziehen. Angesichts des wachsenden Erfolges dieser Bloomsdays beteiligte sich die Dubliner Stadtverwaltung nach und nach an den Festivitäten, die heute landesweit stattfinden. Diese Massenbegeisterung für ein literarisches Werk ist nicht verwunderlich, da die Iren große Literaturliebhaber sind und mehrere Literatur-Nobelpreisträger hervorgebracht haben, vor allem Samuel Beckett im Jahr 1969.

Dabei waren die Beziehungen zwischen James Joyce und Irland doch keineswegs immer einfach…

Im Jahr 1904 befand sich Irland auf dem Weg in die Unabhängigkeit; irische Intellektuelle forderten eine Besinnung auf die eigenen Wurzeln, eine Art gälische Renaissance. Joyce hielt dies für eine Abkehr von der Moderne und verfasste Pamphlete gegen die Bewegung. Damit stand er nicht mehr im Einklang mit der Gesellschaft, der er entstammte, und folgte dem Rat seiner Freunde und Verwandten, ins Exil zu gehen. Ihm wurde jegliche Anerkennung versagt, man sah ihn als Abtrünnigen, und seine Schriften wurden geschmäht. Als Lehrer in Triest lernte er Menschen verschiedenster Horizonte kennen, insbesondere Juden aus allen Ecken der k. u. k. Monarchie. Joyce, der Gelehrte, der seine Texte mit kulturellen Anspielungen spickte, bewunderte das „Volk des Buches“ sehr. So wurde die Hauptfigur seines Romans Jude - ein zusätzlicher Grund, warum das streng katholische Irland das Werk verwarf. „Ulysses“ wurde unter der Hand verkauft. Joyce, der in seinem Land keinen Platz fand, fühlte sich dieser Figur nahe, die trotz ihres Gefühls der Zugehörigkeit zur irischen Kultur und ihres Strebens nach Integration der Jude bleibt, den die Gesellschaft durch ihren latenten Antisemitismus nachhaltig ausgrenzt. 

Ist „Ulysses“ ein autobiographischer Roman?

Sogar in vielerlei Hinsicht! Joyce ist Bloom, ein Odysseus auf Irrfahrten, der sein Vaterland sucht, aber er ist auch Stephen, der junge Lehrer, der mit dem katholischen Glauben aufwuchs und sich gegen die bigotte und verkrustete Gesellschaft seines Landes auflehnt. Über seine Romanfiguren rechnet der Autor mit seinen Gegnern ab, insbesondere mit seinem früheren Freund Gogarty (Buck Mulligan), einem jungen Nationalisten, der für eine Rückkehr zu den irischen Wurzeln eintritt. Der 16. Juni 1904 ist kein zufällig gewähltes Datum: An diesem Tag lernte Joyce seine Frau, Nora Barnacle, kennen, im Roman verkörpert durch Molly, Leopold Blooms Frau. Nora war, ganz im Gegensatz zu ihrem intellektuellen Mann, ein pragmatischer Mensch. Das letzte Kapitel von „Ulysses“ ist ihr mit einem Augenzwinkern gewidmet, denn Joyce schrieb es in ihrem Stil – ohne Punkt und Komma. Nora hat das Werk ihres Mannes nie gelesen.

Neben Joyces Leben, das Sie in Form einer Fiktion nachstellen, handelt Ihre Dokumentation „Ulysses in Dublin vom Roman und den Freuden des Bloomsday, häufig in spielerischer und zuweilen in sinnlicher Form…

In James Joyces Werk ist alles enthalten: Die Geschichte Irlands, die der angelsächsischen und internationalen Literatur, Philosophie, Musik u.v.m. Wichtig war zwar, sich mit dem Leben von James Joyce zu befassen, um „Ulysses“ besser zu verstehen, aber genauso wichtig war es, sämtliche Register zu vermischen, um seinem Geist treu zu bleiben. Die Dokumentation ist der Versuch einer Hommage. Sie arbeitet eine spielerische und zuweilen komische Seite heraus, weil das im Buch genauso ist. Die Iren, die sich heiter und aufgekratzt geben, erkennen sich darin wieder. Gleichzeitig entwickelt die Reportage eine sinnliche Seite, weil der Autor als regelmäßiger Besucher irischer Pubs eine seiner Figuren in ein Bordell führt; Molly dagegen steht im Gegensatz zu Penelope unter dem Verdacht, zahlreiche Liebhaber zu haben… Das ist im Übrigen noch ein Aspekt, der zu den Vorwürfen hinzukam, die von der anständigen – und völlig schockierten - irischen Gesellschaft dieser Zeit gegen das Werk erhoben wurden.

Interview von Vincent Caloury

Erstellt: 16-06-04
Letzte Änderung: 03-09-08


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