01/04/05
Interview Mordillat Prieur
Interview : Gérard Mordillat und Jérôme Prieur
Gestützt auf die Aussagen der besten internationalen Fachleute untersuchen Gérard Mordillat und Jérôme Prieur die Ursprünge des Christentums. „Unsere Sendung verfährt narrativ wie ein Buch“, berichten die Regisseure.


Hatten Sie an eine Fortsetzung von Corpus Christi gedacht?
Martin Hengel, einer der bedeutendsten Historiker des Urchristentums, schrieb uns nach der Ausstrahlung von Corpus Christi: „Sie haben eine bemerkenswerte Arbeit geleistet, aber jetzt wäre es an der Zeit, zur Sache zu kommen: zu Paulus“. Wir fassten diese Bemerkung zuerst als Witz auf, aber dann schaltete sich Victor Rocaries ein und empfahl uns eine Fortsetzung.
Und dann?
Eigentlich wollten wir dieses Kapitel abschließen und hatten beide auch schon andere Projekte. Doch nach und nach merkten wir, dass uns das Neue Testament völlig in seinen Bann gezogen hatte. Aber uns ging es darum, es als Buch, als großes Stück Literatur und als ein historisches Dokument in einer literarischen, historischen, dezidiert weltlichen Perspektive zu lesen.
Wie unterscheiden sich Corpus Christi und Der Ursprung des Christentums?
Corpus Christi erforschte anhand der Untersuchung von sechs Versen des Johannes-Evangeliums die Passionsgeschichte und die Verwandlung der geschichtlichen Jesus-Figur in eine theologische Gestalt, in Jesus Christus. Im Ursprung des Christentums nehmen wir das Geschehen von Jesu Tod bis zum Jahr 150 unter die Lupe.
Warum diese beiden Daten?
Unmittelbar nach der Kreuzigung durch die Römer ist die Geschichte Jesu außerhalb des Judentums völlig irrelevant. Jesus ist Jude, seine Familie ist jüdisch, seine Schüler, die „Jünger Jesu“, sind Juden. Alle ihre Hoffnungen und Wünsche richten sich auf das Heil Israels. Gut hundert Jahre später sind die Schüler der Schüler, die so genannten Christen, keine Juden mehr. Der Ursprung des Christentums zeigt die Geburt einer Religion.
In Corpus Christi war Jesus die Hauptgestalt, wer ist es jetzt?
Natürlich Petrus, der vielleicht nicht das Oberhaupt der Bewegung war, wie oft angenommen wird. Hinzu kommen Jakob, „der Bruder des Herrn“, und Paulus, der Verfasser der Apostelbriefe, der erste „christliche“ Schriftsteller vor den Evangelisten und die Hauptperson der Apostelgeschichte. Auf jeden Fall ist Paulus eine zentrale Gestalt, über die sich weder die ersten Theologen noch die Forscher von heute einig sind.
Wie haben Sie die Teilnehmer ausgewählt?
Zum einen haben wir auf Forscher zurückgegriffen, mit denen wir bereits für Corpus Christi zusammengearbeitet hatten, z. B. Pierre Geoltrain, Daniel Schwartz, Daniel Marguerat und Jean-Pierre Lémonon. Zum anderen haben wir, wie schon beim vorigen Mal, die Bibelexegeten in aller Welt aufgesucht: in Israel, Deutschland, der Schweiz, den Vereinigten Staaten und Frankreich.
Nach welchen Kriterien?
Wir hatten keine Quoten. Wir sagten uns nicht: So und so viele Katholiken, Protestanten, Juden und Agnostiker. Es zählte ausschließlich die wissenschaftliche Kompetenz und die Persönlichkeit des Forschers. In Corpus Christi waren keine Frauen dabei, diesmal nehmen zwei Frauen teil, aber ebenfalls nicht aus Quotengründen: Sie treten in ihrer Eigenschaft als hervorragende Historikerinnen auf und nicht, weil sie Frauen sind!
Wie verliefen die Dreharbeiten?
Die Forscher suchten wir vor Ort auf, aber gedreht wurde ausschließlich im Studio in Paris. Dadurch haben wir einen Ort der Begegnung geschaffen, ohne dass sich die Protagonisten je getroffen hätten. Das war auch ideal, um volle Konzentration zu gewährleisten und die „Kunst des Porträts“ zu entwickeln, die uns am Herzen liegt.
Kann man das „Inszenierung“ nennen?
Eine Reihe wie Der Ursprung des Christentums bedarf einer sehr langen Vorbereitung mit den Wissenschaftlern, es muss ein „maßgeschneiderter“ Fragebogen für jeden einzelnen ausgearbeitet werden. Die Antworten werden in ein Gesamtkonzept eingebaut. Es sind keine journalistischen „Interviews“ im üblichen Sinne. Unsere Sendung verfährt narrativ wie ein Buch.
Ist Der Ursprung des Christentums nicht der Ursprung der Trennung zwischen Judentum und Christentum?
Bis zur Hälfte des zweiten Jahrhunderts n. u. Z. ist das „Christentum“ (auch wenn das Wort damals noch kaum benutzt wurde) eine Form des Judentums. Ein entscheidender Schritt wurde um 150 vollzogen, als die Christen beanspruchten, das „wahre Israel“ zu sein. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Trennung formuliert, auch wenn sie de facto erst frühestens im 5. Jahrhundert vollzogen wurde.
Wie wirkte sich diese Trennung aus?
Für die Geschichte des Abendlandes: fürchterlich. Von dem Zeitpunkt an, als das Christentum zur offiziellen Religion des Römischen Reiches wurde, verwandelte sich das, was in der ersten Zeit des Christentums eine innerjüdische Debatte war, in eine Debatte gegen die Juden. Von da an erklärte man die Juden zur Verkörperung des Bösen an sich, mit all den bekannten schrecklichen Folgen. Aus dem Antijudaismus wurde der Antisemitismus. Wir wollen den historischen Zusammenhang dieser Entwicklung erhellen.
Gérard Mordillat und Jérôme Prieur für das ARTE Magazin.
Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 01-04-05