- Herr Wennubst, wie geht es Tansania?
Besser als anderen ostafrikanischen Ländern, obwohl Armut noch immer eines der größten Probleme des Landes ist. Tansania ist in den vergangenen acht Jahren rapide gewachsen. So stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vergangenen Jahr um sieben Prozent und in einigen Landesteilen sind große Veränderungen zu erkennen. Die faktische Hauptstadt Daressalam wächst beständig, ebenso wie fruchtbare Landwirtschaftsgegenden um Morogoro oder Iringa, westlich von Daressalam. Auch die Region am südlichen Ufer des Viktoria Sees, um die Stadt Mwanza, verzeichnet starkes Wachstum. Abgesehen vom Fischfang spielen dort auch die Edelsteinminen und, noch wichtiger, die Baumwollproduktion und andere marktorientierte Landwirtschaft eine große Rolle. Die Gegend wird teilweise bewässert. Die Region um den Kilimandscharo, bei den Städten Arusha und Moshi, nördlich der Massai-Steppe, profitiert von Landwirtschaft und Tourismus. Im Süden des Landes dagegen, wie in den Küstenorten Lindi und Mtwara, ebenso wie in den trockenen Regionen des zentralen Korridors passiert nicht viel. Dort ist keine Verbesserung zu erkennen. Wobei man sagen muss, dass wirtschaftliches Wachstum nicht unbedingt den Ärmsten dient. Es lässt sich sogar beobachten, dass sich die Schere zwischen arm und reich weiter geöffnet hat. Die alte Regierung, unter Präsident Mkapa, hat sich zwar an die Reform-Agenda gehalten, was die Privatisierung von Dienstleistungen, Verbesserung sozialer Dienste und die Stabilisierung der Marktwirtschaft angeht, aber sie hat der Schaffung von Arbeitsplätzen nicht genug Gewicht gegeben. Die Reduzierung der extremen Armut bleibt eine der größten Herausforderungen für die neue Regierung.
- Bis vor drei Wochen die großen Regenfälle einsetzten hat Tansania unter einer großen Dürre gelitten, die vom neuen Präsident Jakaya Kikwete anfangs heruntergespielt wurde. Wie ernst war die Lage tatsächlich?
Das Fatale ist, dass Klimakatastrophen wie eine Dürre immer die Gegenden am meisten treffen, die sowieso schon sehr arm sind und wo die Bevölkerung am verletzlichsten ist, wie das trockene Hochland der zentralen Regionen Tansanias. Viele Hirten haben dort einen großen Teil ihres Viehbestandes verloren. In solchen Landesteilen war die Situation sehr ernst. Darüber hinaus gab es im ganzen Land einen enormen Preisanstieg für Grundnahrungsmittel. Denn da die Dürre nicht nur ein Problem Tansanias, sondern der gesamten Region war, wurden Produkte aus dem Südwesten des Landes teilweise zu höheren Preisen in Nachbarländer wie Kenia oder Malawi verkauft. Die Regierung dachte zu Beginn der Krise, sie könne es vermeiden, die Hilfsorganisationen um Unterstützung zu bitten. Sie plante, ihre eigenen Getreidevorräte einzusetzen – für die Menschen, die am meisten betroffen waren, aber auch, um die Explosion der Nahrungsmittelpreise zu entschärfen. Erst als die Regierung merkte, dass sie den Ernst der Lage unterschätzt hatte, bat sie die Entwicklungsorganisationen, einen Appell für humanitäre Hilfe und Lebensmittelunterstützung zu starten, der zum Glück noch rechtzeitig kam, um das Schlimmste zu verhindern.
- Trotz eigener Probleme mit Armut nimmt Tansania ständig Flüchtlinge aus den Nachbarländern wie Burundi und Kenia auf. Was bedeutet die Hilfeleistung für das eigene Land?
Tansania hat in der Vergangenheit großes Engagement gezeigt, indem es in großer Anzahl Flüchtlinge aufnahm und diese mit Lebensmitteln und medizinischer Verpflegung versorgt hat. Nun dauern diese Hilfeleistungen, die als kurzfristige Aktionen geplant waren, jedoch schon seit Jahren an, so dass Menschen in den trockenen Landesteilen teilweise das Gefühl haben, die Regierung kümmere sich mehr um die Flüchtlinge als um die eigenen Leute. Die neue Regierung sucht allerdings nach Lösungen, um die Leute zur Rückkehr in ihre eigenen Länder zu bewegen.
- Was sind heute die Hauptprobleme Tansanias?
Zum einen Energie und Infrastruktur. Anfang des Jahres gab es eine große Energiekrise mit einem lang anhaltendem Stromausfall. So etwas verhilft einem Land natürlich nicht gerade zu Wachstum. Eine essentielle Herausforderung sind faire, rückverteilende Systeme, um sicherzustellen, dass jeder Mensch Zugang zu dem bekommt, was er zum Leben braucht. Ein weiterer Punkt ist die HIV Pandemie, die die sozialen Strukturen zerstört. Elf Prozent der Bevölkerung sind HIV-infiziert, wobei die größte Infektionsrate an den Orten mit den größten Wirtschafts- und Transportaktivitäten zu finden ist. Neben Märkten und an großen Straßen beträgt die HIV-Rate teilweise bis zu 25%, während es ruhigere Gegenden mit lediglich zwei bis drei Prozent Infizierten gibt.
- Was braucht das Land Ihrer Meinung nach, um wirtschaftlich auf die Beine zu kommen? Worauf setzen Sie den Fokus in der Entwicklungszusammenarbeit?
Die nachhaltige Entwicklung des Landes ist nicht mit Spendengeldern zu bewerkstelligen. Die Regierung wird die Erträge großer Investoren stärker besteuern und im Gegenzug kleine und mittelgroße lokale Unternehmen unterstützen müssen. Dabei setzen wir auf Unternehmen, die in einer Art Public Private Partnership dem privaten wie dem öffentlichen Sektor dienen. So unterstützen wir mit einer Art Gutschein-System lokale Hersteller von Moskitonetzen. Früher kamen die Moskitonetze aus Thailand und kosteten umgerechnet acht US Dollar. Jetzt werden sie im Land hergestellt und für drei Dollar verkauft. Jede schwangere Frau erhält bei der pränatalen Kontrolle einen Gutschein über zweieinhalb Dollar. Mit nur 40 Cent dieses Gutscheins kann sie ein Netz kaufen. 2,5 Millionen Netze werden im Land verkauft, fünf Millionen werden exportiert. Dieses System, von der Regierung durchgeführt und von den Entwicklungspartnern finanziell unterstützt, schützt also große Teile der Bevölkerung vor Malaria und hat gleichzeitig einen neuen Industriezweig geschaffen.
Neben diesen Unternehmungen ist die Regierung gerade dabei, Linzenzen ausländischer Investoren zu überprüfen, was zum Beispiel die Fischerei am Viktoriasee sowie an der Ostküste betrifft. Sie hat verstanden, dass das Land mit der Vergabe der Fischerei-Lizenzen für den Viktoriasee-Region sowie für die Küstenregionen an Fischereibetriebe der Europäischen Union keinen guten Deal gemacht hat. So wurden viele der Verträge eingefroren, um neu verhandelt zu werden. Ich hoffe sehr, dass bei diesen Verhandlungen nicht nur finanzielle Aspekte, sondern auch die nachhaltige Umweltverträglichkeit der Fischerei eine Rolle spielen werden.
- Sind selbstbewusste Politiker das, was die afrikanischen Länder brauchen?
Ich denke, Länder wie Tansania brauchen vor allem Politiker, die sich verantwortlich zeigen gegenüber der einheimischen Bevölkerung ebenso wie gegenüber den Steuerzahlern, die die Entwicklungszusammenarbeit finanzieren. Wir müssen wissen, dass die Gelder dort ankommen, wo sie gebraucht werden.
- Hilfsorganisationen wie Entwicklungspartner beklagen die Korruption als ein andauerndes Problem in Tansania. Präsident Kikwete versprach einerseits, er wolle Korruption mit harten Mitteln bekämpfen, andererseits wird ihm selbst vorgeworfen, während seiner gesamten politischen Laufbahn korrupt gewesen zu sein ...
Persönlich habe ich keine Ahnung, ob der heutige Präsident etwas mit Korruption zu tun hatte oder nicht. In meiner offiziellen Position ist es nicht meine Aufgabe, Kikwete nach dem zu beurteilen, was er als Außenminister der Regierung Mkapa getan oder nicht getan hat. Die tansanische Bevölkerung, die ihm in einer demokratischen Wahl auf dem Festland 80% ihrer Stimmen gegeben hat, wird, ebenso wie wir, überprüfen, ob er die großen, klaren Versprechen, die er bezüglich der Korruptionsbekämpfung gemacht hat, einhält. Es ist schwierig, dies nach hundert Tagen Amtszeit zu beurteilen. Immerhin hat er bereits die Führungsspitze der Polizei ausgewechselt. Das ist ein gutes Zeichen, denn die Polizei ist in vielen Ländern in Korruption verwickelt. Wir unterstützen seine Schritte, aber letztendlich müssen wir abwarten, was wirklich dabei herauskommt. Wir alle wollen Resultate sehen. Schließlich ist Reden eine Sache, Handeln eine andere.
Interview: Maike van Schwamen
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DARWINS ALPTRAUM
105 Min.
20:40
Dokumentarfilm,
Deutschland/Frankreich/Österreich 2004,
Originalfassung mit Untertiteln, WDR,
Erstausstrahlung
Regie: Hubert Sauper
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