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21/02/06

Interview-Portrait mit dem Flötisten Emmanuel Pahud

Von Teresa Pieschacón Rafael



Barock-Pomp im altväterlichen Strickpulli, dieses Image hat man jahrzehntelang mit vielen Flötisten verbunden. Mit dem Schweizer Emmanuel Pahud tritt ein Künstler in Erscheinung, der optisch diesem Bild entgegenwirkt. Auf den Cover seiner CDs wirkt er smart und glatt, in jeder Lebenslage offenbar titelbild- und frauenmagazintauglich. Im Gespräch aber entpuppt er sich als ein nachdenklicher, introvertierter Charakter.

Die Flöte habe ihn bereits als fünfjähriger Bub fasziniert, als er einen Nachbarsjungen beim Üben von Mozarts 1. Flötenkonzert in Rom zusah. Dass sie ihm einst existentiell werden sollte - empfindet er sie doch heute als die „Verlängerung meines Atems“ - hätte er selbst nicht gedacht.

Am Pariser Conservatoire absolviert Pahud die üblichen Stationen einer fundierten Musikerausbildung bis hin zur akademischen Weihe. Dann geht es Schlag auf Schlag, ein Wettbewerb folgt dem nächsten, er heimst etliche Preise ein. Pahud studiert beim Meister-Flötisten und Landsmann Aurèle Nicolet in Freiburg von dem er sagt: „Er war streng, aber auch lustig“. Gerade 22 Jahre alt tritt er 1992 jene Stelle an, die bereits sein Lehrer innehatte: er wird von den Berliner Philharmonikern zum Chef-Flötisten berufen, seinerzeit unter Claudio Abbado.

„Die Orchestererfahrung bei den Berlinern war enorm wichtig“, erinnert er sich. Gleichzeitig frönte er seiner Liebe zur Kammermusik und leitete zudem noch eine Virtuositätsklasse an der Musikhochschule in Genf . Mit der Zeit wurden die vielen Verpflichtungen und Reisen zur Belastung. Die Familie kam zu kurz und er kündigte 2000 seinen Job in Berlin fristlos. „Es war eine schwierige Zeit, mit vielen auch familiären Problemen“. Dennoch kehrte er im April 2002 wieder zu den Berliner Philharmonikern zurück, seine Stelle war nicht wieder besetzt worden.

Rattle, sagt er, sei „ genau dieser Typus von Dirigent, den ich immer geschätzt habe. Er fordert die Vielseitigkeit eines Musikers, stellt Rameau, Haydn und Ligeti wie selbstverständlich nebeneinander. Jedes Programm wird so zu einer Entdeckungsreise.“Für Pahud besonders wichtig, liebt er doch die Vielseitigkeit wie kaum ein anderer. „Ich will die Flötenmusik aller Erdteile kennen lernen, besonders ihre Anfänge.“ Mit Abbado legte er eine nonchalante Aufnahme der Mozart-Flötenkonzerte vor, mit den Berliner Barock Solisten spielte er Telemann und Bach ein. Selten gehörte Werke wie die Flötenkonzerte von Ibert und Khatchaturian gehören zu seinem Repertoire.

Eine besondere Vorliebe aber hegt er für den Jazz, den er auch am liebsten in seiner Freizeit hört. »Für die Arbeit zu ‚Into the Blue’ habe ich mir Platten besorgt, um zu hören, wie Jazz-Flötisten spielen, worauf ich achten muss, um mich nicht als zu klassisch zu profilieren, mit einem zu schnellen Vibrato, einem zu spitzen Ton. Jazz-Flötisten spielen ja schmutziger als klassische Flötisten, weil sie oft auch Saxophon und Klarinette spielen.“ Es mag sein, dass er „mit einem vorgeschriebenen Text“ vielleicht viel mehr anfangen könne als ein richtiger Jazzer. „Aber eine gute Interpretation liefere ich erst dann, wenn ich mich vom Notentext befreit habe. Dann erst fängt die Kunst wirklich an – und da treffen sich Jazz und Klassik.«

Über 150 Konzerte gibt Pahud im Jahr, etwa die Hälfte davon mit den Berliner Philharmonikern. Da bleibt nicht viel Zeit für anderes. Doch wann immer es ihn möglich ist, fährt er nach Genf, wo seine zwei kleinen Söhne mit ihrer Mutter leben.

Teresa Pieschacón Raphael


Erstellt: 08-02-06
Letzte Änderung: 21-02-06