02/02/10
Interview mit Angela Graas
Sie dreht Tier- und Naturfilme mit Leidenschaft und hat dafür schon viele Preise bekommen. Am 2. Februar zeigt ARTE den Dokumentarfilm von Angela Graas „Jagdzeit – Den Walfängern auf der Spur“, der zur Zeit in Deutschland in den Kinos läuft, in der Vorauswahl zum deutschen Filmpreis nominiert ist und der über den Einsatz der Umweltschutzorganisation Greenpeace 2006/2007 im Südpolarmeer gegen die japanische Walfangflotte berichtet. Eine Begegnung mit einer engagierten Filmautorin.
ARTE: Wie überzeugt man die Aktivisten von Greenpeace, 3 Monate lang an Bord eines seiner Schiffe, hier auf der Esperanza, ein unabhängiges Filmteam mitzunehmen? Wie viele Mitarbeiter haben Sie mit an Bord gebracht?
Angela Graas: Es hat sehr lange gedauert, fast ein Jahr lang, um Greenpeace zu überzeugen. Greenpeace war erst mal nicht so begeistert, uns an Bord zu haben. Das hat mehrere Gründe. Die Organisation ist gegenüber Presse und Medien immer sehr skeptisch, weil sie immer fürchtet, dass man versuchen wird, irgendwas herauszufinden, was nicht sein soll. Ein anderer Grund ist, dass auf der Esperanza einfach nicht sehr viel Platz ist. Maximal gehen 40 Leute an Bord und man braucht schon sehr viele Leute, um dieses Schiff überhaupt in Gang zu halten: Maschinisten, Crewbesatzung… Daher waren sie natürlich erst mal nicht begeistert, ein Filmteam mit 3 Leuten – 2 Kameramänner und ich - zusätzlich an Bord zu haben.
ARTE: Sind schon viele Filme über Greenpeace gedreht worden, und vor allem über die Aktionen gegen den Walfang?
Angela Graas: Das weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Ich habe noch keinen gesehen. Ich kenne eigentlich nur News- oder Magazinbeiträge. Ich weiß, dass parallel zu uns auch noch Anfragen von anderen Sendern gab, u.a. von der BBC und Animal Planet, die auch mitfahren wollten. Aber letztendlich hatten wir dann doch die besten Argumente, so dass Greenpeace uns mitgenommen hat.
ARTE: Bevor das Abenteuer losging, haben Sie die japanische Behörde über Ihr Filmprojekt informiert? Wie haben die Japaner darauf reagiert?
Angela Graas: Wir haben in Japan offiziell die Walfangbehörde gebeten, auch einige Tage bei der Nisshin Maru an Bord zu dürfen. Ohne Erfolg. Für die Tempelzeremonie haben wir uns die Genehmigung bei den Mönchen geholt, da konnten die Walfänger uns dann nicht mehr wegschicken. Wir haben jedoch immer nur gesagt, dass wir einen Film über Walfang machen. Keine Details, erst Recht nicht Greenpeace erwähnt, sonst hätten wir vermutlich gar nicht einreisen dürfen...
ARTE: Wie dreht man auf hoher See in der Antarktis, am anderen Ende der Welt? Und wie bereitet sich man darauf vor? Im Film spricht der Kapitän der Esperanza, Frank Kamp, vom „flüssigen Himalaya“? Sind die Drehbedingungen so extrem gewesen? Vom Wetter her natürlich aber auch als die Aktivisten sich als Schutzbild zwischen Wal und Harpune gestellt haben … War das gefährlich zu drehen?
Angela Graas: Wir haben uns natürlich technisch sehr vorbereitet. Vor allem mit der Ausrüstung, weil man immer damit rechnen muss, dass eine Kamera ins Wasser fällt. Wir hatten also mehrere Kameras dabei. Es war immer unsere große Angst, dass wir auf einmal ohne Equipment da stehen. Es wäre das Ende gewesen, denn am Ende der Welt kriegt man keinen Ersatz. Außerdem haben wir uns auf die Seekrankheit vorbereitet, indem wir Pillen genommen haben, die es nur in Belgien gibt und die man schon vorher nehmen muss, damit man nicht krank wird. Das hat bei uns auch gut funktioniert, Gott sei Dank! Aber mental muss man sich natürlich auch vorbereiten. Es war allen klar, dass wenn wir in diese Schlauchboote gehen, auch was passieren kann.
ARTE: Was war Ihr schrecklichstes Dreherlebnis in der Antarktis?
Das schrecklichste Erlebnis war, wie wir die Flotte verlassen mussten und jeder wusste: sobald wir weg sind, werden sie wieder mit dem Walfang anfangen.
ARTE: Was ist Ihnen im Gegensatz dazu als schönster Drehmoment in Erinnerung geblieben?
Das schönste Erlebnis war die Begegnung eines morgens mit rund 40 Buckelwalen, die sich über Stunden um die Esperanza aufgehalten haben, immer wieder unter dem Schiff durchgetaucht sind und ganz nah zu den Schlauchbooten kamen. Wer sentimental ist hat sich eingeredet, sie wollten uns etwas "sagen", die Biologin an Bord meinte, wir waren einfach mitten im Krill (ihrer Nahrung). Wissen werden wirs nie...
ARTE: In Ihrem Film fiebert man mit einem sehr bunten und internationalen Greenpeace-Team: es gibt leider keinen Franzosen bei dem Abenteuer aber der Kapitän Frank ist Niederländer, der Chefmaschinist Bent Deutscher, der Bordarzt Clive Kanadier, Irene, die Webeditorin kommt aus Schweden, Leandra, die Meeresbiolgin aus Brasilien, Sakyo aus Japan… Wie haben die Crewmitglieder des Films und der Esperanza zusammengelebt?
Angela Graas: Wir mussten uns in alles eingliedern. Das ging so los, dass wir wie die ganze Crew auch jeden Morgen um halb acht geweckt wurden, ob wir nur wollten oder nicht, ob wir nachts gedreht hatten oder nicht. Man hat uns nahe gelegt, dass wir beim Putzdienst mithelfen sollen, weil wir keine Ehrengäste sind. Nach dem Wecken war erst mal Putzen angesagt. Was wir dann auch versucht haben, soweit es möglich war neben unserer Arbeit.
ARTE: Was für ein Verhältnis haben Sie im Laufe der 11 Wochen mit Greenpeace entwickelt? Hat sich Ihr Bild von der Umweltschutzorganisation durch den Film und die gemeinsame, harte Erfahrung verändert?
Angela Graas: Mein Verhältnis zu Greenpeace hat sich während der langen Zeit immer wieder verändert. Mal war ich sauer, vor allem weil sie uns so lange nicht mitnehmen wollten oder wenn an Bord jemand gegen den Film war. Letztendlich aber bin ich nach wie vor froh, dass es Greenpeace gibt und bin auch nach wie vor Fördermitglied.
ARTE: Wie war die Arbeit nach dem Dreh? Wie viele Stunden Drehmaterial mussten Sie sich ansehen? Wie wurde diese packende Musik zum Film komponiert?
Angela Graas: Ich kam Anfang Februar von dem Dreh zurück und hatte über 100 Stunden Material. Ich habe dann 2 Monate damit verbracht, alles zu sichten. Da alles anders wie geplant gelaufen ist, musste ich mir Gedanken machen, wie man die Geschichte erzählt. Es war erst mal die wichtigste Arbeit. Dann haben wir ca. 5 Monate am Film geschnitten. Der Komponist Sebastian Pille kam später dazu aber hat gleich gesagt: „Es muss große Musik dazu!“ Es war immer klar, dass die Musik schon eine entscheidende Rolle bei dem Film spielen muss. Er ist sogar nach Berlin gefahren, um dort die Musik mit dem Babelsberger-Filmorchester aufzunehmen.
ARTE: Im Vorspann erscheint der Titel Ihres Films auf Japanisch. Wird Ihr Film auch in Japan ausgestrahlt?
Angela Graas: Das ist noch unsere große Hoffnung. Das war immer der größte Wunsch von uns allen, dass der Film in Japan gezeigt wird: auf einem Festival, im Kino oder im Fernsehen. Bislang waren wir leider nicht so erfolgreich. Wir sind aber weiter dran und würden uns natürlich eine Fernsehausstrahlung wünschen, am liebsten auf NHK oder eine Kinoauswertung. Aber ich fürchte, dass die Chancen da schlecht stehen, obwohl wir schon bereit gewesen wären, auch eine japanische Fassung mit Untertiteln zu machen.
ARTE: Wie wichtig ist es Ihnen, diese Botschaft "Lasst die Wale singen" zu vermitteln?
Angela Graas: Es war immer ein Wunsch von mir, selbst Wale zu retten. Aber nicht nur indem man an Greenpeace spendet, sondern aktiv. Dann zögert man wegen der vielen Risiken und macht es doch nicht… Aber jetzt im Rahmen dieses Films dachte ich für mich, damit einen persönlichen Beitrag zu leisten.
Das Interview führte Aurélie Grosjean (ARTE, Januar 2010)
Erstellt: 29-01-10
Letzte Änderung: 02-02-10