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24/04/08

Interview mit Anne-Sophie Mutter

von Teresa Pieschacón Raphael


Fast 30 Jahre ist es her, dass Anne-Sophie Mutter Mozarts Violinkonzerte aufnahm. Jetzt spielte sie die Kompositionen neu ein. Das ARTE Magazin sprach mit dem Weltstar über goldene Turnschuhe, Reizhusten im Parkett – und den Zeitpunkt ihres Abtritts.

  • Sonntag, 27. April 2008, um 19 Uhr auf ARTE: Anne-Sophie Mutter spielt Mozart


Mozart machte mich zum Menschen
Sie war das „Wunderkind“ und für ihren Förderer Herbert von Karajan „die beste Geigerin der Welt“. Vor 30 Jahren spielte sie unter dessen Leitung in Salzburg zum ersten Mal das G-Dur-Konzert von Mozart. Zum 250. Geburtstag des Komponisten spielte sie in ihrem „Mozart Projekt“ sämtliche Werke Mozarts für Violine neu ein. ARTE traf Anne-Sophie Mutter in München.

ARTE: Frau Mutter, warum ziehen Sie sich auf den Bildern zu Ihrer jüngsten Aufnahme aus dem „Mozart-Projekt“ die Schuhe aus?
Anne-Sophie Mutter (lacht laut): Ich bin wahnsinnig gerne barfuß! Das Bild mit den Sportschuhen ist übrigens mein Lieblingsbild. Bei den Konzerten trage ich ja immer hohe Schuhe.
ARTE: Hätten Sie nicht mal gerne flache Turnschuhe unter dem Abendkleid an?
Anne-Sophie Mutter: Ich hatte mir tatsächlich überlegt, mir vielleicht Turnschuhe in dieser goldenen Farbe des Kleides anfertigen zu lassen. Das wäre ein Gefühl von Freiheit. Und das Thema ist auch noch nicht vom Tisch.
ARTE: Lassen Sie uns über einen Begriff sprechen, den man oft in Aussagen von Ihnen findet: Geschwindigkeit. Das bezieht sich wohl nicht nur darauf, dass Sie gerne schnell spielen …
Anne-Sophie Mutter: Es hängt damit zusammen, dass ich es liebe, möglichst vieles gleichzeitig zu tun. Ich bin ein sehr intensiv lebender, leidenschaftlicher Mensch, und Geschwindigkeit gehört dazu – wobei ich mir auch der Schönheit der Langsamkeit bewusst bin und sie auch auskosten kann. Aber die große Zahl meiner Aufgaben ist ohne eine hohe Effizienz und damit auch ohne Geschwindigkeit nicht zu bewältigen.
ARTE: Und die Menschen in Ihrer Umgebung müssen und können da mithalten?
Anne-Sophie Mutter: Ja, weil ich ungeduldig bin. Ungeduld ist sicher ein Charakterfehler, der meine Umgebung manchmal auf eine harte Probe stellt. Ich bin ungeduldig mit Menschen, die eingebildet sind, die eine Sache einfach nicht beherrschen und die nicht mit Leidenschaft dabei sind. Ich konnte mit meinen Schülern an der Royal Academy sehr ungeduldig werden, wenn die mir ganz cool sagten: „Ach, darauf habe ich mich nicht vorbereitet“. Dann habe ich sie auch schon mal aus dem Unterricht geworfen.
ARTE: Sind Sie je mit Ihrer Arbeit zufrieden?
Anne-Sophie Mutter: Stellenweise ja. Aber eine gelungene Interpretation kann man nicht forcieren. Ich kann mich einem Werk nur nähern, indem ich es wiederholt studiere, und je besser ich ein Stück kenne, umso mehr entdecke ich darin. Aber es gibt auch Dinge, die sich mir total versperren, wie die 12-Ton-Musik. Und es gibt zeitgenössische Partituren, die einfach schwierig sind. Da geht es nur Note für Note voran. Auch das „Mozart-Projekt“ ist keine schnelle Geburt gewesen, obwohl ich diese Sonaten vorher schon gespielt hatte. Ich bin immer noch im Prozess, auch wenn ich die Sonaten mit dem Pianisten Lambert Orkis bereits weltweit aufführe. Eine jahrelange Vorbereitungszeit ist dem vorangegangen, da war mit Geschwindigkeit nichts zu machen. Ein Konzert ist immer nur die Summe der menschlichen und künstlerischen Erfahrungen zu diesem Zeitpunkt, es kann immer nur eine Zwischenbilanz sein.
ARTE: Kann es einem Musiker überhaupt gelingen, hinter das Geheimnis von Komponisten wie Mozart oder Bach zu kommen?
Anne-Sophie Mutter: Nein, weil sich der Blickwinkel ständig ändert. Außerdem verlagern sich die Gewichte in der Zusammenarbeit mit anderen Partnern. Manchmal sind es nur Zwischentöne. Zum Beispiel im zweiten Satz der Violinsonate in B-Dur (KV 454), einer der für mich schönsten Sonaten. Da wird der Dialog zwischen Klavier und Geige auf ungemein subtile Art und Weise auf die Spitze getrieben. Wenn ich die mit Lambert Orkis spiele, sind wir jedes Mal regelrecht sprachlos am Ende des Satzes, weil es soviel Neues zu entdecken gibt.
ARTE: Sie haben sich viele Jahre mit zeitgenössischer Musik beschäftigt und sind jetzt wieder bei Mozart. Hat sich Ihre Sicht auf ihn sehr verändert?
Anne-Sophie Mutter: Oh ja! Mozart hat mich zum Menschen gemacht, zur Musikerin, weil ich bei ihm gelernt habe, was Reduzierung auf das Wesentliche heißt. Da lernt man Bescheidenheit, Demut. Bei Mozart liegt jede Note auf der Goldwaage, nichts wird verdeckt. Mozart erfordert ein hohes Maß an Selbstkontrolle, aber auch an Leidenschaft. Es ist endlos faszinierend, ihn zu spielen, weil man dieses Gleichgewicht zwischen Kontrolle, Demut und großer Hingabe finden muss. Was wir im Leben brauchen, ist eine Balance zwischen Disziplin und Leidenschaft: Leidenschaft ohne Disziplin ist in der Jugend sehr schön und normal. Aber Disziplin ohne Leidenschaft ist grauenvoll.
ARTE: Wird man mit Disziplin geboren?
Anne-Sophie Mutter: Man bekommt sie durch die Musik, deshalb ist musikalische Früherziehung so wichtig.
ARTE: Sie feiern in diesem Jahr Ihr 30. Bühnenjubiläum! Sie haben unendlich viel geleistet, sind Deutschlands einziger Klassik-Superstar. Ist eines Ihrer größten Talente vielleicht Ihre innere Kraft, die Sie auch in den schwierigsten Momenten nicht verlässt, etwa nach dem Tod Ihres Mannes?
Anne-Sophie Mutter: Ich spielte damals ein Benefizkonzert für eine Kirche und es wurde zum Gottesdienst für meinen Mann. Ich hatte der Kirche mein Wort gegeben – wie hätte ich da absagen können? Die Musik ist eine wunderbare Sprache, die vieles überbrückt: in dem, der musiziert, aber auch in dem, der zuhört. Und deshalb ist es mir so wichtig, dass wir die Musik zurückholen in unser Leben, vor allem in das Leben unserer Kinder, damit sie daran wachsen können.
ARTE: Hat sich die Wahrnehmung der Musik durch das Publikum verändert, in diesen 30 Jahren?
Anne-Sophie Mutter: Das kann ich sehr schwer beurteilen, weil ich selten Publikum bin. Wenn ein Konzert wirklich faszinierend ist, dann zieht es auch den nervösesten Zuhörer in seinen Bann. Mich selbst überfällt als Zuhörerin manchmal ein grauenhafter Reizhusten. Und ich weiß ja, wie sehr das stört da oben auf der Bühne. Deshalb schleiche ich mich aus dem Saal, es ist mir dann furchtbar peinlich. Die Zuhörer sind sich meist nicht bewusst, dass die Akustik beidseitig ist. Wir hören da oben sehr vieles, von dem der Zuhörer gar nicht denkt, dass wir es hören.
ARTE: Stimmt es, dass Sie in absehbarer Zeit aufhören möchten?
Anne-Sophie Mutter: Ja, ja, das habe ich gesagt. Es ist mein Plan, zu meinem 45. Geburtstag aufzuhören. Aber das bezieht sich nicht explizit auf dieses Datum, sondern auf eine gewisse Spanne, in der ich mein Leben auf der Bühne beenden möchte, bevor man hinter meinem Rücken davon träumt, dass ich zurücktrete …
ARTE: Was würden Sie tun, wenn Sie aufgehört haben?
Anne-Sophie Mutter: Das ist eine gute Frage. Musik kann man nicht ersetzen. Das Leben wird mir die Antwort geben. Damit habe ich mich früh arrangiert und so wird es wohl auch diesmal sein. Ich kann mein Leben nicht bis ins Letzte planen. „Life happens while you are making plans”. Ich habe nicht geplant, Karajan so früh zu begegnen, meine Kinder sind ein Gottesgeschenk, ich habe nicht geplant, meinen Mann nach sechs Jahren Ehe zu verlieren, ich habe nicht geplant, fast zehn Jahre als Witwe allein zu leben. Das ist Schicksal. Ich plane meine paar Sonätchen und der Rest kommt, wie er kommen mag. Ich werde als Künstlerin weiter daran arbeiten, meinen Idealen treu zu bleiben. Wir werden sehen.

Das Gespräch führte Teresa Pieschacón Raphael (2006)

ARTE PLUS
Kurz-Biografie Anne-Sophie Mutter:
geb. 1963 im badischen Rheinfelden; gewann bereits 1970 den ersten Preis mit besonderer Auszeichnung bei „Jugend Musiziert“. Gab 1971 unter der Leitung Herbert von Karajans ihr Salzburg-Debüt; es entstanden gemeinsame Aufnahmen. Arbeitete mit internationalen Ensembles zusammen; wurde auch als Solistin zeitgenössischer Werke be-rühmt. Erhielt 1993 ihren ersten Grammy als beste Solistin, zahlreiche weitere Auszeichnungen folgten. Sie ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse und „Officier de l’ordre des Arts et des Lettres“

Das „Mozart Projekt“:
„Mozart: Die Violinsonaten“ (Anne-Sophie Mutter, Lambert Orkis, 2006), „Mozart: Klaviertrios“ (Anne-Sophie Mutter, André Prévin, Daniel Müller-Schott, 2006), „Mozart: Violinkonzerte, Sinfonia Concertante“ (London Philharmonic Orchestra, Anne-Sophie Mutter, Yuri Bashmet, 2005).
Die Geigerin dirigierte alle Aufnahmen selbst.


Erstellt: 27-09-06
Letzte Änderung: 24-04-08