Zeitgenössische Kunst sei langweilig und unverständlich, so das Vorurteil. Dass man sich ihr auch auf unterhaltsame Weise nähern kann, zeigt der britische Regisseur und Moderator Ben Lewis in der neuen ARTE-Reihe „Art Safari“.
ARTE: Welche Idee steckt hinter „Art Safari“?Ben Lewis: Ich wollte eine Serie über zeitgenössische Kunst machen, die die Erfahrung des Kunst-Betrachtens beinhaltet. Eine Serie, die das Spiel zum Gegenstand hat, das wir alle spielen, wenn wir Kunst betrachten. Wir gehen in eine Galerie, sehen komische, interessante oder neue Sachen an und fragen uns: „Was bedeutet das? Ist die Bedeutung interessant für mich?“ Das Geheimnis eines visuellen Objekts zu entdecken, das war die Idee. Meine Annäherung war eine Mischung aus Begeisterung und Skepsis mit einer Portion Humor.
ARTE: Kunstgalerien sind ja eigentlich ein ernster Ort. Ben Lewis: Ja. Die Künstler sind auch alle viel zu ernst. Und die Regisseure und Moderatoren nehmen dann die Funktion ein, dem Zuschauer das Genie des Künstlers zu vermitteln. Ich finde es nicht gut, dass wir Journalisten den Künstlern möglichst keine kritischen Fragen und die Kunst selbst nicht in Frage stellen dürfen.
ARTE: Die Kunst wird also zu ernst genommen?Ben Lewis: Man soll die Kunst schon ernst nehmen, aber eben gleichzeitig auch in Frage stellen. Meiner Meinung nach ist der größte Teil der zeitgenössischen Kunst schrecklich. Das meiste kann man wegwerfen, es ist einfach Schrott. Wandjuwelen für reiche Leute.
ARTE: Was wollen Sie mit „Art Safari“ erreichen?Ben Lewis: Ich will die Leute für zeitgenössische Kunst begeistern. Ich möchte ihnen zeigen, was darin wichtig ist, ohne dabei zwangsläufig die Künstler auszuwählen, von denen ich persönlich meine, dass sie gut sind. Ich habe Künstler gewählt, die ich bedeutend fand, deren Positionen und Arbeiten mir wichtig oder interessant erschienen. Es gibt sogar Künstler in meiner Serie, die ich total schlecht finde – aber ich verrate nicht, welche. Die Zuschauer sollen Kunst spannend finden, aber auch die Möglichkeit haben, sie in Frage zu stellen.
ARTE: Beschreiben Sie die Künstler: Was ist das Besondere an jedem Einzelnen? Beginnen wir mit Sophie Calle.Ben Lewis: Sophie Calle ist wie ihre Kunstwerke: sehr, sehr schwierig. Sie machte immer das Entgegengesetzte von dem, was wir wollten. Es gab einen Zeitpunkt, an dem sie meinte: „Ich habe keine Zeit für Sie, Ihre Ideen interessieren mich nicht.“ Da habe ich gesagt: „OK, dann breche ich alles ab und werfe den Film in den Mülleimer. Nur müssen Sie mir erklären, warum Sie meine Ideen nicht gut finden.“ Es hat aber doch noch geklappt. Sie hatte anfangs wohl erwartet, dass ich mit ihr flirte. Das wollte ich aber nicht. Ich bin Engländer.
ARTE: Was macht Matthew Barneys Kunstwerke aus?Ben Lewis: Er hat eine fabelhafte Fantasie, ein sehr starkes Innenleben, ist aber schwer zu interpretieren. Er hat die altmodische Sprache der allegorischen Malerei in die Körper- und Videokunst eingebracht. In diesem Sinn kann man seine Werke mit denen von Albrecht Dürer vergleichen. Aber Dürers Allegorien verweisen auf eine andere Symbolwelt, die viel mit der Antike zu tun hat. Barney dagegen hat eine eigene Kosmologie erfunden. Man kann ihn mit Dürer vergleichen, man kann ihn mit den Manieristen vergleichen, wie Sie wollen.
ARTE: Und wofür steht Takashi Murakami?Ben Lewis: Er vertritt das Gegenteil der romantischen Idee, dass Künstler eine Art spirituelle Gurus sind. Bei Murakami wird die spirituelle Aura der Kunst durch eine kommerzielle ersetzt. Was zählt, sind der Erfolg und die Fähigkeit, Produkte hervorzubringen.
ARTE: Handelt es sich dann immer noch um Kunst?Ben Lewis: Vielleicht. Vielleicht auch nicht. In Zukunft wird es noch viel mehr von der Kunst geben, die aussieht wie Spielzeug, weil die Künstler immer einfachere Produkte erzeugen. Möglicherweise ist das sogar gut, weil die Kunst dadurch verständlicher wird – sehr farbig, wie ein Disney-Film.
ARTE: Was haben Sie mit Wim Delvoye erlebt?Ben Lewis: Er hat mich durch seine Tätowierung zu einem Teil seines Kunstwerks gemacht. Es war eine Möglichkeit, Wim herauszufordern, weil er so amoralisch ist und immer extreme, tabuisierte Sachen macht.
ARTE: Was denn zum Beispiel?Ben Lewis: Er tätowiert Schweine, seine Maschinen produzieren Fäkalien und die kommen dann in Galerien. Ich musste also etwas machen, was seine Idee noch weiter dreht. Deswegen habe ich mir genau die gleiche Tätowierung machen lassen wie eins der Schweine sie hat. Ich liebe diese Tätowierung, sie ist wirklich zauberhaft.
ARTE: Und wie war die Arbeit mit Maurizio Cattelan? Er gilt ja als sehr exzentrisch.Ben Lewis: Er war zwar ganz begeistert, dass ich einen Film über ihn machen wollte. Nur wollte er selbst nicht darin erscheinen. Da kam mir die Idee, wie ich als realer Mensch eine Art Rache an den Künstlern üben könnte. Normalerweise läuft es doch so: Künstler klauen etwas aus der realen Welt, stecken es in eine Galerie und auf einmal ist es Kunst. Ein Schrank, ein Pissoir, eine Wachsfigur, ganz egal was. Maurizios Kunstwerke zum Leben zu erwecken, hieß also, Kunst zu nehmen und sie in Realität umzuwandeln.
ARTE: Kommt man dem Künstler näher, indem man so denkt und handelt wie er? Ben Lewis: Man muss natürlich schon eine gewisse Beziehung zu den Werken entwickeln, um mit den Künstlern zu spielen, aber man darf sie nie nachahmen, sonst sind sie beleidigt.
ARTE: Wie würden Sie Gregor Schneider beschreiben?Ben Lewis: Er war der Komischste von allen, meine Güte. Einerseits ist Gregor total nett und gastfreundlich, ein ganz toller Mensch. Er hat aber auch diese riesigen Geheimnisse, das fühlt man. Man hat mir mal gesagt, dass Gregor mir gegenüber absichtlich so geheimnisvoll getan habe. In Wirklichkeit habe er selbst ein Spiel mit mir gespielt. Aber ich weiß nicht, ob das stimmt.
ARTE: Was ist mit Santiago Sierra?Ben Lewis: Er ist der Che Guevara der Kunstwelt, ein echter Revolutionär. Es war sehr schwierig, ihn zu treffen, weil er ständig herumreist und seine Pläne nicht nach meinem Terminkalender ändern wollte. Er ist zu radikal, um sich den Bedürfnissen des Fernsehens anzupassen. Also musste ich ihn rund um die Welt verfolgen. Außerdem hat er bei den Interviews immer so genuschelt. Aber er ist sehr ehrlich: Auf jede Frage bekommt man eine Antwort. Er respektiert das Recht der Reporter, Fragen zu stellen.
ARTE: Welchen weiteren Künstler, ganz gleich, ob lebend oder schon verstorben, würden Sie gerne treffen? Ben Lewis: Marcel Duchamp, keine Frage. Er war der einflussreichste Künstler des 20. Jahrhunderts. Er hat das Verständnis von Kunst komplett verändert, indem er als Erster Alltagsgegenstände zu Kunst gemacht hat.
ARTE: Sie porträtieren in „Art Safari“ sieben sehr erfolg-reiche Künstler. Was ist der Schlüssel zu ihrem Erfolg?Ben Lewis: Sie bewegen sich alle an der Grenze der Kunst und verschieben sie ständig weiter. Sie bleiben ihrer Lebenserfahrung treu und sind mit Leidenschaft Künstler.
Das Gespräch führte Eva-Maria von Geldern
................................................................................ART SAFARI08. April bis 27. Mai 2006jeden Samstag, um 20.15 Uhr7-teilige Dokumentationsreihe von und mit Ben LewisBergmann Pictures / BBC 4 / TV2 DK / YLE / ZDF / ARTE, 2004 / 2005Deutsche und französische Erstausstrahlung................................................................................