Zunächst einmal die, dass auch Werke eines so bedeutenden Musikers wie Richard Strauss nicht wahrgenommen werden, wenn es an Aufführungen fehlt, bzw. wenn sich kaum jemand an eine adäquate Wiederaufführung macht. Dabei war die Instrumentalfassung zwar geschätzt, man lese nur das booklet zur CD-Einspielung mit dem DSO unter Marek Janowski, der Film dazu wurde aber als quantité négligeable abgetan. Das Filmprojekt an sich galt mehr oder weniger als Verirrung des großen Komponisten in die Niederungen der Trivialkultur.
Um es nun wieder aufzuführen, bedurfte es sorgfältiger Vorbereitung. Die fing bei der Synchroneinrichtung der Originalmusik an, die angesichts der Musiküberhänge schon eine erste Interpretation der Musik bedeutet. Wie steht es da um musikologische Objektivität?
Zunächst einmal technisch gesprochen: die Musik, die in den historischen Orchesterstimmen komplett überliefert ist, hat eine Spieldauer von 145 Minuten. Die reine Filmlänge war bei der Uraufführung in Dresden 125-135 Minuten (je nach Vorführgeschwindigkeit, die zwischen 20 und 22 fps gelegen hat), was bedeutet, dass schon bei der Uraufführung ein gewaltiger Überhang von Musik existierte. Strauss ließ dafür die Projektion immer wieder stoppen, um seine Themen zu Ende dirigieren zu können. Mit diesen Überhängen haben sich seit der Uraufführung alle beschäftigen müssen, die den ROSENKAVALIER-FILM mit seiner Originalmusik aufführen wollten. Inzwischen liegt der Film nur noch in unvollständigen Fassungen vor, also sind noch weitere Striche im musikalischen Gefüge notwendig.
Aber: es war bei der Synchroneinrichtung eine Offenbarung festzustellen, wie flüssig das Zusammenspiel zwischen einzelnen Filmsequenzen und der Musik ist – wenn man erst einmal die entscheidenden Synchronpunkte gefunden hat.
Was nun das ‚Musikologische’ betrifft, so habe ich mich bei der Entscheidung für das Aufführungstempo von Film und Musik mit 22 fps an der überlieferten Schellackplatten-Einspielung orientiert, die Richard Strauss im April 1926 mit dem Tivoli-Orchester London dirigiert hat. Er nahm die Tempi sehr forsch und trieb den Walzern jede Gemütlichkeit aus. Auf dieser Zeitbasis fand der Abgleich von Film und Musik statt. Im Übrigen schließen sich Interpretation und das nicht aus, worauf die Frage nach der ‚musikologischen Objektivität’ zielt. Aufgeführte Musik ist immer ein Stück Interpretation.
Aber es muss doch bestimmte Anhaltspunkte geben bei der Festlegung der Synchronpunkte ...
Sicherlich, ich orientierte mich bei der Einrichtung erstens an personen- und situationskonstanten Leitmotiven, die es sowohl in der Musik wie im Film gibt, zweitens an dem, was ich ‚programm-musikalisch indizierte Parallelitäten’ nennen würde, und drittens an musikalisch-filmischen Bezüglichkeiten der Gestik. Damit waren viele Zuordnungen möglich und erlaubte Striche an den Passagen, für die zwar Musik vorgesehen war, die aber in der Filmfassung fehlen.
... die ja schon bei der Uraufführung kürzer war, als die gedruckte Musikfassung, die das Orchester spielte. Gibt es dazu eine Erklärung? Oder waren diese Überhänge ganz einfach mangelnder Kommunikation zwischen dem Film-Stab und Richard Strauss geschuldet?
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Jede Kunstgattung hat ihre eigene Zeitlichkeit, und die Musik hätte sich nolens volens dem timing der Schnittfassung anpassen müssen. Die Umarbeitung der Oper in eine rein instrumentale Filmmusik erfolgte aber, so meine Vermutung, weit vor den Dreharbeiten, wahrscheinlich nach einem Treatment, in dem die Filmerzählung skizziert war, in dem aber noch nicht die Länge der Szenen festgelegt war. In den dann schon gedruckten Noten konnten die Filmkürzungen nicht mehr berücksichtigt werden.
Das heißt also, dass die Synchroneinrichtung auch Rückschluss auf die ursprüngliche Filmgestalt und die sukzessiven Kürzungen zulässt, die vor und nach der Filmpremiere erfolgt sind.
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Wie wir wissen, begleitete ein Korrepetitor die Dreharbeiten; das war zu Stummfilmzeiten nichts Neues. Aber: es ist eindeutig, dass Wiene seine Darsteller exakt zur Musik choreographiert hat, die durchgearbeitet bei Drehbeginn vorlag. Manche Episoden wären ohne Musik völlig sinnlos, wie zB der Drehleierspieler im Schlosshof von Ochs, der nur durch den zeitgleich ertönenden paraphrasierten Ochs-Walzer motiviert ist. Der ganze Witz der Szene steckt in der Musik, und wer die Oper kennt, merkt, dass Strauss sehr uneitel mit seinem Original umgegangen ist. Wiene hat das meiner Meinung nach sehr gut begriffen und sich eng an die Musik gehalten, ja ihr in der Inszenierung der Schauspieler viel Raum gelassen. Was bedarf es noch großer Gesten, wenn die Musik schon diese Gesten, und manchmal noch viel dramatischer, in sich hat?
Natürlich kann man jetzt fragen, wie es dann beim Schnitt war. Denn was nutzen exakte Choreographien beim Dreh, wenn man beim Schnitt nicht über vorproduzierte Tonspuren verfügt, an die man das Bild synchron anlegen kann. Es gab allerdings von der Oper sogenannte Klangrollen- Arrangements, die möglicherweise beim Schnitt Verwendung fanden. Wie auch immer, es geht mir nicht um eine pedantische Beweisführung, welcher musikalische Akzent mit welcher Bildbewegung übereinstimmt. Viel spannender ist die Erkenntnis, dass dieser Film von seiner Konzeption her ein Musikfilm ist, für mich ein Vorläufer von Ken Russell’s MAHLER-Film – auch wenn ich mich mit diesem Vergleich bei manchem Filmhistoriker unbeliebt mache.
Wenn Wienes Film nur zusammen mit seiner Originalmusik funktioniert, hatte er keine Chance, wenn er, wie in den letzten Jahrzehnten, kaum mit der Strauss-Musik aufgeführt wurde ...
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Das klingt ja wie eine Verschwörungstheorie. Hat Deine Arbeit, die in ihrem hohen musikalischen Anspruch entscheidend für die erfolgreiche Wiederaufführung und Film-Rekonstruktion war, gar etwas Missionarisches?
Nun ja, mit einigen Missverständnissen und eingefahrenen Vorurteilen mussten wir uns während der ganzen Arbeit herumschlagen und die waren nicht unbedingt produktiv. Es bedeutete ja auch in Hin- blick auf die Film-Rekonstruktion methodologisch einiges, wenn man den Film als Musik-Film definiert und damit der Musik den Primat gibt, während es sowohl in der Film- wie auch in der Filmmusik- Geschichte gerade umgekehrt ist, dass nämlich die Musik sekundär ist und auf den Film reagiert.
Noch einmal zurück zu dem Gedanken, dass es sich beim ROSENKAVALIER-FILM um den ersten Musik-Film der Filmgeschichte handelt. Dazu bedarf es doch auch bestimmter formaler Voraussetzungen.
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Insofern denke ich, dass es vor allem musikalische Überlegungen waren, weswegen Strauss seine Oper für eine Instrumentalfassung freigab: bei der Verwandlung einer auf Vokalmusik fokussierten Opernmusik in instrumentale Filmmusik entsteht eine Art programmusikalischer ‚Tondichtung’, die die durch Text, Bühnenbild und Handlung gegebenen Inhalte nun rein musikalisch transportieren muss. Dabei spielt die Leitmotiv-Technik eine wichtige Rolle, aber auch die von Programmusik her bekannten Illustrationen und atmosphärischen Tableaus sowie pantomimisch oder balletthaft zu verstehende musikalische Gestik. Alle diese Aspekte der ROSENKAVALIER-Filmmusik hat Wiene in seine filmische Konzeption einbezogen.
Was passiert aber, wenn die Musik, die von der Oper her mit bestimmten Erzählinhalten verknüpft ist, in neue Bedeutungszusammenhänge eingebunden wird? Der Film entfernt sich in seinem Finale völlig von der Oper und bedient sich des Musters einer Verwechslungskomödie à la FIGAROS HOCHZEIT.
In diese Leerstellen, die durch den gestrichenen Text und die neuen filmischen Inhalte entstehen, tritt das Filmbild, die visuelle Inszenierung. Sie füllt gewissermaßen die semantischen Leerstellen (hier noch Ergänzung!!) Das Entscheidende ist: die musikalische Substanz des Werks bleibt erhalten, da schon in der Oper die Instrumente viele Elemente der Singstimme übernommen haben, das Orchester also die dramatischen Vorgänge auf der Bühne, oder nun im Film, musikalisch fortführt und verhandelt. Das macht ja auch den suggestiven Effekt dieser Musik aus.
So war Deine Arbeit also eine, ursprünglich intendierten, aber durch die disparate Überlieferungs- Situation kaum mehr erkenntlichen Zusammenhang zu rekonstruieren; wie war es beim Finale, von dem nur die Musik überliefert ist? Musste man sich da nicht einige Freiheiten nehmen?
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Die ursprünglich ca 15-minütigen Schluß-Musik (wobei bezweifelt werden darf, ob auch der Film bei der Premiere so lang war) habe ich um ein Drittel gekürzt und reformuliert im Gewand einer 4-sätzigen Orchestersuite mit den programmusikalischen Titeln: (1) „Ochs und Oktavian im Pavillon“, (2) „Die Marschallin – Erinnerung und Entschluss“, (3) „Gefecht und Enthüllung“, (4) „Glückliche Paare und unglückliches Ende“. Mein Entschluss zur Kürzung fußt auf dem Bestreben, die rekonstruierte Fassung sowohl als formal geschlossenes, ungelangweilt rezipierbares „Film-Musik-Kunstwerk“ zu realisieren, als auch gleichzeitig das originale Entwicklungsgefüge der Musik mit allen zentralen Motiven möglichst zu erhalten. - Auf diese Fassung wurden dann die Fotos, Filmsequenzen und Texte angelegt; wertvolle Anhaltspunkte lieferten dabei die Synchronangaben der historischen Orchesterstimmen. Wo keine Texte oder Bilder zuzuordnen waren, wurde Schwarzfilm gesetzt, um eine Aufführung der Musik bis zum Ende zu gewährleisten.
Interview: Nina Goslar (ZDF/ARTE)






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