-Dirigenten tun oft alles, um größer zu wirken als sie sind. Sie aber sind nicht unglücklich über Ihr Gardemaß von 1, 58 m?(Lachen) Ich bin nicht klein, sondern konzentriert. Schuld ist mein Vater, der hat damals gespart bei der Größe. Wir sind eben Schotten.
- Überhaupt mögen Sie das Kurze. Musikklassiker von Bach, Mozart oder Strauss bis hin zu den Beatles - bayerische Jodler nicht ausgenommen – stutzen Sie zu Drei-Minuten Nummern. Aus Wagners ellenlangem „Ring der Nibelungen“haben Sie....
... eine schottische Version gemacht: Vier Tage in 3 Minuten. Wagner hat schöne Momente gehabt, aber schreckliche halbe Stunden.
- Also viel Blech und wenig Schaden?
Wenn Sie so wollen! (Lachen)
-Wie kam es dazu?
Zu dem Blech oder den Schaden? (Lachen)
-Zu Blechschaden...Dort wo ich aufwuchs im schottischen Kirkaldy (nordöstlich von Edinburgh) gab es nur Brassbands, Blechbläser- und Dudelsackkapellen. Die Fabrik- und Kohlengrubenbesitzer im 19. Jahrhundert haben diese Bands gegründet, damit die Arbeiter nicht nur trinken und sich herumtreiben. Seit 1851 veranstalteten sie Konzerte, das war der Ursprung der schottischen Band. In Südengland, wo es auch keine Kohlegruben gab, gibt es diese Traditionen nicht. Jetzt sind die Gruben bei uns zwar weg, aber die Bands sind noch da. Mein Vater, der in der Fabrik arbeitete, sagte eines Tages zu mir: „Probier doch auch mal so ein Horn, das ist bestimmt gut für Dein Asthma“. Deshalb bin ich vielleicht so durchgedreht, so ticke, ticke.
- Na ja, immerhin gewannen Sie mit vierzehn mit Ihrer Kapelle die Weltmeisterschaft und schafften es auch noch, auf die Highschool zu kommen, was für ein Arbeiterkind in Großbritannien eher ungewöhnlich ist.
In Großbritannien war und ist man zuweilen sehr klassenbewusst. Man musste schon Oxford-Englisch sprechen, um eine gute Stelle zu bekommen. Als ich an die Musikhochschule in Glasgow kam, war das so wie, als hätte ich Lepra. Keiner hat mich mit meinem Akzent verstanden, (Lachen) Heute hat sich alles geändert, heute darf man bei der BBC mit regionalem Akzent sprechen.
-Sie studierten auch in Köln; 1979 bekamen Sie eine Stelle in München bei den Philharmonikern
„Don’t go to Munich“, warnten mich Freunde, „Celibidache wird dich zurückschicken, du bist zu lustig für ihn.“ Er kam an wie ein Diktator. Viele Leute mussten unter seiner Ägide zurücktreten, wurden degradiert oder frühpensioniert. Es war schlimm. Dann kam ich dran. Das war herrlich.
- Erzählen Sie!
Ich bin manchmal wie ein schottischer Terrier; ich habe tolle Streitereien gehabt. Man muss frech sein und kämpfen, gerade wenn man so klein ist wie ich, muss man gegen die Großen kämpfen.Und da es in Diktaturen auch Amnestien gibt, wurde ich nach zwei Jahren begnadigt und durfte auch wieder spielen.
-Eine junge englische Oboistin aber hielt zu Ihnen
Ich sagte zu ihr: „Wenn Du mir versprichst, keine hohen Absätze zu tragen, können wir ja mal ausgehen.“ Seit 1981 sind wir verheiratet. (Lachen)
- Jetzt haben Sie mir noch nicht erzählt wie Blechschaden entstand.
Wir wollten nicht immer nur Bruckner spielen und das Vereinsblatt der Deutschen Orchestervereinigung lesen. 1983 fand ich beim Urlaub in Schottland alte Brassband-Noten und verteilte sie in einer Orchesterpause. Weil ich die Noten gekauft hatte, durfte ich auch dirigieren. Unser erster Auftritt war dann auf einem Faschingsabend: Wir waren jung genug, um so einen Blödsinn anzufangen. Bald darauf trat man in Bierzelten auf, irgendwann dann auch in der Philharmonie und natürlich immer wieder bei den Heimspielen von Unterhaching. Klassische Musik ist toll, aber ich will auch mal richtig Stimmung machen. - Immerhin schaffte es der kleine Verein mal - wenn auch nur vorübergehend - in die Erste Bundesliga
Kühe geben mit Musik ja auch mehr Milch. Ich bin ein Fußballfanatiker, Schotten können sich nur im Fußball ausdrücken. Dort ist man auch gewohnt, dass in den Stadien viel gesungen wird.
- Zu jedem Eck- und Freistoss, bei jedem Abschlag also ein neues Lied?
Ja, aber kein „Olé, olé, olé“ oder die zwei Zeilen vom Anton aus Tirol. Diese Fantasielosigkeit auf deutschen Fußballplätzen hat mich immer ein bisschen gestört. Manchmal ist es mucksmäuschenstill. Das gibt es in England nicht. In Liverpool zum Beispiel singen die Fans Beatles-songs. Alle Strophen und für jeden Fußballer extra.
- Und was spielen Sie, wenn die Mannschaft über die Mittellinie tritt?
Dann spielt die Band den Radetzkymarsch. Und bei gelber Karte: „Hoch auf dem gelben Wagen“.
-Stefan Effenberg bescheinigten Sie sogar mal das Zeug zum Dirigenten
Ja, weil er es schafft, den Ton anzugeben.
-Eine gute Mannschaft braucht man aber auch...
Ja klar. Die Balance des Orchesters ist gestört, wenn einer zu laut bläst.
-Bei den Münchner Phiharmonikern sitzen Sie in einer Mannschaft, bei Blechschaden stehen Sie vorn. Was gefällt Ihnen besser?
Beides ist toll. Allerdings bekommt man bei den Philharmonikern nur Tarifgehalt. Ein Trainer aber handelt seinen Lohn aus. Und auch die Fußballer tun dies,
- Na ja, so schlecht kann es Ihnen nicht gehen. Bis zu sechs Mal pro Jahr schaffen Sie es, die 2.400 Plätze des Münchner Gasteigs inklusive Notbestuhlung zu füllen; in Taipeh spielten Sie vor 50.000 schreienden Musikfans.
Vergessen Sie bitte nicht, dass ich ein Schotte bin. Aber im Ernst, es ist einfach toll, einmal nicht ‚so leise wie möglich’ spielen zu müssen, wie uns Dirigenten immer sagen, sondern richtig Stimmung machen zu dürfen.






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