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08/10/04

Interview mit David Zinman

im Gespräch mit Teresa Pieschacón Raphael


Seit 1995 sind Sie Chef des Tonhalle-Orchesters Zürich, waren es über lange Jahre unter anderem in Baltimore und in Holland.Über 50 CDs haben Sie gemacht, 5 Grammy Awards eingeheimst und manchen Ehrentitel dazu. Warum kennt man Sie trotzdem nicht?

Ich weiß es nicht. Ich bin jetzt 67 Jahre alt. Seit über vierzig Jahren dirigiere ich.

- Sie selbst sind jüdischer Herkunft, wurden 1936 in New York City geboren. Hat das eine Bedeutung für Ihren künstlerischen Werdegang gespielt?

Nein, nicht wirklich. Ich wuchs in der Bronx auf, meine Eltern waren Sozialisten (Lachen), aber keine Kommunisten. Es war nicht wirklich politisch oder religiös zuhause. Meine Mutter, die als Sekretärin arbeitete, kam aus einer sehr jüdisch orthodoxen Familie, mein Vater, der im Eisenhandel beschäftigt war, aus Russland. Die waren nicht religiös. Ich habe eine Schwester, die vier Jahre älter ist. Sie war Pianistin, wurde dann Tänzerin und ist heute Malerin und Skulpteurin.

Was wollten Sie als kleiner Junge werden?

Ich wollte ein Baseballspieler werden (Lachen)! Ich bekam Geigenstunde mit acht Jahren und ging auf die Musikhochschule. Das war eine besondere Hochschule, man bekam eine akademische und künstlerische Ausbildung. Als ich zum ersten Mal einen Dirigenten sah, dachte ich mir, das ist es, was ich werden will.

Warum?

Anderen zu zeigen, was man musikalisch denkt. Das wollte ich. Mir lagen die Bewegungen, die man als Dirigent erlernen muß.

Und wann standen Sie zum ersten Mal am Pult?

Oh, da war ich dreizehn Jahre alt, vor dem Orchester der Hochschule mit Beethovens Erster Symphonie. Die meisten waren zwischen 13 und 17 Jahre alt. Das Schwierigste war, dass man keine Erfahrung hatte. Als junger Mensch muss man Gelegenheit haben, Erfahrungen zu sammeln. Und man muss dabei siegen, einen Erfolg haben. Denn auf den Erfolg folgt der Erfolg.

Was machen Sie jetzt anders als in jungen Jahren?

Am Anfang wollte ich allen sagen, was sie zu tun haben. Jetzt möchte ich sehr viel mehr wissen, was andere zu sagen haben.Heute erkenne ich sehr viel mehr Ebenen und die Dynamik eines Ensembles. Ihr Wissen über die Musik bestimmt ihr Verhältnis zu den Musikern. Ich versuche bei der ersten Probe nicht zu stoppen , sondern schaue mir an, beobachte, was geschieht Und dann sage ich ein paar kleine Dinge dazu. Und am nächsten Tag immer mehr. In drei Tagen weiß man etwa, wie der Hase läuft. Wenn die Orchestermusiker plötzlich das Gefühl haben, es kommt aus ihnen selbst heraus .... diesen Moment müssen Sie erreichen. Celibidache etwa wollte achtzehn Proben. Ich weiß nicht, ob das so günstig ist. Für jemanden, der so viele Proben braucht, dem wird es ja nie gut genug sein. Die Leute müssen ihre Arbeit ja auch genießen. Wenn man zu sehr ins Detail geht, wird man auch nie gut.

Genießen Sie es?

Ja, heute strengt es mich nicht mehr so an. Trotzdem wird die Anspannung nie nachlassen. Bei manchen Stücken habe ich den Eindruck, etwa bei Brahms, dass ich ihn nie erreichen werde. Dann kann man auch frustriert sein. Wie schon Klemperer sagte: ‚Jeder hat seine eigene Petrushka‘.

Wie oft haben Sie den Eindruck, dass Sie an die Essenz des Werkes gekommen sind?

Nie! Wirklich nie! Natürlich komme ich den Werken näher, aber es ist oft so, als würde ich einem Zug hinterherlaufen.

- Hat Ihr Leben in Europa Ihren Zugang zur Musik verändert?

Ja. Ganz klar.Wenn ich in Amerika geblieben wäre, wäre meine Interpretation anders. Das Atmen der Luft, die großen Konzertsäle, die alten Gebäude hier, man muss das alles sehen und spüren, um zu verstehen, wie Musik damals gespielt wurde .

- Haben Sie Ihre Tempovorstellungen im Laufe der Zeit verändert?

Ich bin selber schneller geworden. Die Schumann Symphonien, die ich mit dem Baltimore Orchester vor zwanzig Jahren aufgenommen habe, sind sehr viel langsamer als jetzt. Ich bin heute sehr viel mehr von der historischen Aufführungspraxis beeinflusst, erkenne andere Zusammenhänge. Das ändert alles: den Stil, das Tempo, den Klang. Heute dirigiere ich Schumann von Schubert, Mendelssohn, Beethoven her, und nicht von Wagner oder Bruckner.

- Wie sieht es mit den zeitgenössischen Komponisten aus, für die Sie sich immer wieder eingesetzt haben. Haben die auch Ihre Schumann- Interpretation beeinflusst?

Prinzipiell hat es nicht soviel damit zu tun. Ich versuche immer herauszufinden, woher ein Werk kommt . Das ist wie ein Puzzle, ein wunderbares Spiel. Bei Schumann etwa musste ich herausfinden, was er anders machen wollte, wen er bewunderte, wen er mal gehört hatte. Clara war ein sehr großer Einfluß. Dann muß ich meine eigene Fantasie einsetzen. Und dann kann ich es interpretieren.

Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 08-10-04