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18/11/09

Interview mit Edita Gruberova

Die Königin der Koloraturen und ihr besonderes Belcanto: Am 11. Januar 2010 zeigt ARTE ein Porträt der ungewöhnlichen slowakischen Primadonna Edita Gruberova. Lesen Sie hier das Interview von Teresa Pieschacón Raphael mit der Sopranistin.

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- Wie kommt ein Mädchen vom Lande, aus dem slowakischen Dorf Răca (nahe Preßburg) in den Olymp der Opernkunst, die Wiener Staatsoper?
(Lacht) Das ist eine sehr lange Geschichte. Ich habe immer von der Freiheit geträumt und von Wien; das war ja nicht so weit von Preßburg. Doch wir waren arm, es war sehr schwierig. Bei Opernstars glauben die Leute immer, dass man aus tollen Verhältnissen kommt, dass man immer gefördert wurde. Bei mir war das anders. Ich glaube, daß ich wirklich das Leben kennengelernt habe. (lacht müde)

- Die ersten vierundzwanzig Jahre Ihres Lebens haben Sie in der CSSR, einem totalitären Staat, verbracht. Wie wird man als Mensch davon beeinflußt?
Pflichtgefühl und Gehorsam. Die Erziehung in der Schule zwang zu absolutem Gehorsam. Wir haben uns mit ‘Ehre der Arbeit’ gegrüßt. (lacht). Das ist in Fleisch und Blut übergegangen. Als ich in Österreich zum ersten Mal ‚Grüß Gott‘ hörte, dachte ich: ‘Mein Gott sind die alle religiös’.

- Am Konservatorium in Preßburg wurden Sie einmal gemaßregelt, weil Sie nicht wussten was ‚Kulturrevolution‘ ist.
‚Solche wie Sie brauchen wie wir hier nicht‘, antwortete dabei der Lehrer. Scheußlich habe ich mich da gefühlt. Viele Jahre später erhielt ich einen Brief von ihm, in dem er mir mitteilte, daß er nach Deutschland emigriert sei und mich bat, ihn zu kontaktieren. Ich konnte nicht; der Schreck seiner Tyrannei saß mir immer noch in den Knochen.

- Sie sagten einmal, Sie seien zuwenig Opportunistin, um im kommunistischen System überleben zu können ...
Ich wurde zwar nie direkt gezwungen, aber man kann sich vorstellen, dass es am fehlenden Parteibuch lag, daß ich nach dem Studium kein Theaterengagement in Preßburg bekam. Und so bin ich ersteinmal in der Provinz gelandet (in Banská Bystrica, einer kleinen Stadt in der Mittelslowakei). Ich wurde dort erste Sopransolistin und bekam große Rollen. Doch ich wollte so schnell wie möglich weg von den Kommunisten.

- 1971 beschlossen Sie, hochschwanger, gemeinsam mit Ihrer Mutter nach Wien zu fliehen. Warum zu diesem Zeitpunkt?
Nach einem Vorsingtermin in Wien hatte ich einen Vorvertrag unterzeichnet. Als ich diesen stolz zuhause meiner Agentur zeigte, reagierte man empört vielleicht auch neidisch. Ich bekam plötzlich das Gefühl, daß die CSSR mir bald nichts mehr gönnen und mich nicht mehr ausreisen lassen würde. Dennoch gelang uns sozusagen eine ‚normale‘ Flucht; wir mussten nicht durch die Donau schwimmen. Wir mussten natürlich den Koffer öffnen. Ich hatte nur ein Paar Daunendecken und Kleidungsstücke mitnehmen können. Und eine Vase. Die habe ich auch jetzt noch.

- In Wien begann für Sie als Künstlerin die Ochsentour. Sie bekamen keine richtigen Rollen, in denen Sie ihr Talent entfalten konnten.
Über einen Agenten hatte ich Kontakt zu Karajan geknüpft. Er war zwar bereit mich anzuhören, doch er warnte mich: „In Wien machen Sie keine Karriere. Da müssen Sie weg.“ Ich habe natürlich nicht gewagt zu fragen, wieso. Er war der Gott. Er musste das wissen. Karajan hat leider Recht gehabt; es hat sich keiner um mich gekümmert. Auch er nicht.

- Es heißt, jeden Tag hätten Sie morgens um neun beim Portier an der Wiener Staatsoper angerufen, um zu fragen, ob ein Probe für Sie angesetzt sei.
Ja (lacht) und es gab nichts, höchstens kleinste Rollen. Das war schwierig. Wie soll man sich bei einer Barbarina (aus Mozarts ‚Hochzeit des Figaro‘), bei der Modistin in Richard Straussens‘ ‚Rosenkavalier‘ entwickeln oder Najade in ‚Ariadne‘? Ich wollte nicht mehr Zofe oder Blumenmädchen sein, sondern Hauptrollen singen wie Sophie
(‚Rosenkavalier‘), Zerbinetta (‚Ariadne‘) oder die Konstanze aus Mozarts ‚Entführung‘. Ein großes Problem war, dass ich kein Deutsch sprach; diese Sprache war ja in meiner Heimat verboten. Deutsch ist eine sehr schwierige Sprache. In Slowakisch gibt es sieben Fälle und im Deutschen nur vier. Dennoch, wie soll ich die sieben Fälle in die vier legen? Ein totales Wirr-Warr war das für mich.

- Nach zähem Kampf gelang es Ihnen sich mit zwei Rollen an der Wiener Staatsoper zu etablieren, der Zerbinetta aus Straussens ‚Ariadne auf Naxos‘ und mit Lucia aus Donizettis ‚Lucia di Lammermoor‘.
Ein Regisseur hat einmal über mich gesagt: ‚Ich war der dreimalige Nichtentdecker der Edita‘. Einem der Operndirektoren in Wien wiederrum gefiel es nicht, wie ich mich auf der Bühne bewegte. Dann aber kam ein neuer und kündigte für 1976 eine Neuinszenierung der ‚Ariadne‘ unter der Leitung von Karl Böhm an. Böhm verdanke ich sehr viel. Nach einer Vorstellung kam er in meine Garderobe und stammelte: „Mein Kind, wenn das der Strauss g'hört hätt!'‘ Es war irgendwie gespenstisch. Die Zerbinetta war genau auf meine Stimme zugeschnitten; ich würde das von keiner anderen Rolle behaupten. Und die Rolle Lucia war bei der Premiere 1978 in Wien für mich eine unglaubliche Herausforderung. Die letzte, die die Rolle hier gesungen hatte, war die Callas, 1954 unter Karajan. Meine Lehrerin sagte nur: ‚Sie ist ja doch eine Schuhnummer zu groß für dich‘. Doch ich war sehr kämpferisch.

- Nach der Premiere wurde jede Lucia-Interpretin unweigerlich mit Ihnen verglichen und wird es bis heute. Haben Sie die endgültige Deutung gefunden?
(Lacht). Das ist das Geheimnis meines sängerischen Daseins. Mein Repertoire ist nicht so groß wie das mancher Kollegen, die auf bis zu 120 Opern kommen. Ich fühle mich bei der hundertsten Aufführung besser als bei der Dritten. Es ist wie im Leben, jedes Mal ist etwas Neues drin. Ich habe jetzt das Gefühl, dass ich zum Wesen der Figur gelangt bin; die Technik arbeitet schon längst von selbst, man muss schon lange nicht mehr über einzelne Töne nachdenken.

- Wenn Sie Bilanz ziehen müssten, was kommt Ihnen da in den Sinn?
Jetzt bin ich an den Punkt gelangt, an dem ich mich frage: wo ist die Zeit und warum ist sie so schnell weg? Es ist viel geschehen. Trotz der vielen Dinge, die ich geleistet habe, weiß ich nicht, wo die Zeit geblieben ist. Ich empfinde zwar jetzt Erleichterung, dass ich Deutsch fließend spreche, dass ich innerlich quasi zuhause bin und keine Schwierigkeiten mehr habe, aber trotzdem blickt man auch in die Vergangenheit zurück. Ich wühle gerne in Erinnerungen, das ist vielleicht nicht immer praktisch, aber das gehört zu meinem Naturell.

- An einer Stelle sagen Sie: ‚Am liebsten habe ich immer in Opern gesungen, in denen ich am Schluss sterbe‘.
Das hat etwas mit Dramatik zu tun; ich wollte auch einmal Schauspielerin werden. Das ist doch was Tolles! Auf der Bühne zu sterben, das muß man können!

© 2009 von Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 29-07-09
Letzte Änderung: 18-11-09