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01.05.04 um 19.00: DAS FORUM DER EUROPÄER - 29/04/04

Interview mit Enki Bilal

Balkan Blues


Enki Bilal ist am 01. Mai Studiogast beim Forum der Europäer in Sarajevo. Das ARTE Magazine nahm dies zum Anlass, Ende März ein Interview mit dem Comic-Autor und Filmemacher (Immortel) zu führen. Seiner Ansicht nach hat „Europa das Balkan-Problem von Anfang an schlecht gemanagt".

„Balkan: Die Lunte brennt“ ist diese Woche das Thema im Forum der Europäer, wo Sie Studiogast sind. Kann man so von den Balkanstaaten sprechen?
Ich würde sagen: Auch, wenn die Balkanstaaten mitten in Europa liegen, sind sie für den Eintritt in die Europäischen Union noch lange nicht gerüstet. Das ist das große Drama Ex-Jugoslawiens. Man hat nicht den Eindruck, dass die neue Generation aus der Vergangenheit gelernt hat. Und die Schuld hierfür trägt in erster Linie Europa, das das Problem von Anfang an, also seit 1990, noch bevor der Krieg ausbrach, schlecht gemanagt hat.

Warum dauert der Hass fort?
In dieser Region, wo Orient und Okzident aufeinander geprallt sind, ist das Bewusstsein der Verwurzelung überstark ausgeprägt. Der Heimatboden spielt hier eine große Rolle. Gleichzeitig hat auch die Religion einen hohen Stellenwert. Dass man das Problem seit Ausbruch des Konflikts schlecht gehandhabt hat, bestätigt sich heute, wo man die Balkanstaaten im Stich lässt. Seit dem 11. September haben sich die dringlichsten politischen Brandherde verlagert: Afghanistan, Irak, der Terrorismus. Aber im Balkan gibt es immer noch keine Perspektiven, und für die Zukunft der Menschen wird rein gar nichts unternommen. In einem solchen Kontext findet nationalistisches Gedankengut fruchtbaren Boden. Meine letzten Erinnerungen an Sarajevo reichen zwei Jahre zurück: Lange Schlangen junger Menschen vor den Botschaften Österreichs, Ungarns, Kanadas… Es gibt hier ein echtes Problem, und darüber muss man sprechen - gerade jetzt, wo wir uns wegen der EU-Osterweiterung beweihräuchern.

In dieser Erweiterungsrunde tritt ein erstes ex-jugoslawisches Land, Slowenien, der EU bei. Und Kroatien spekuliert darauf, es ihm 2007 gleichzutun.
Die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens durch Deutschland hat eine Art „Mitteleuropa“ [dt. im Original, A.d.Ü.] nach österreichisch-ungarischem Modell geschaffen. An sich ist das wichtig. Allerdings hat es eine Art serbischen „Übernationalismus“ hervorgerufen. So gesehen war das Ganze ein Fehlstart. Und ist diese Öffnung gen Osten nicht etwas überstürzt? Mich lässt das ein wenig perplex. Zunächst müsste man sich darum bemühen, dass die Balkanstaaten sich wirtschaftlich festigen. Vielleicht wird der Warnschuss von Mitrovica [in der Woche des 15. März kam es dort zu schweren Kämpfen zwischen der albanischen Bevölkerungsmehrheit und der serbischen Minderheit, die 28 Tote und 600 Verletzte forderten – A.d.R.] jetzt Entscheidungen herbeiführen. Ich bin kein Wirtschaftsexperte, aber man sollte Projekte ins Leben rufen, Arbeitsplätze schaffen.

In Ihrem Film Immortel zeigen Sie eine Demokratie auf Abwegen. Es gibt zwar Wahlen, aber auch Widerstandskämpfer. Ist das Ihr Bild von der Politik?
Das ist tief in mir verankert. Aber trotzdem ist das nicht zu wörtlich zu nehmen. In diesem Film, der 2095 spielt, hat sich die Demokratie in eine medizinisch-eugenische Diktatur verwandelt. Aber bevor es in unserer Welt so weit kommt, gibt es andere Bedrohungen, wofür vor allem die Balkanproblematik steht, nämlich die Politisierung der Religionen, Obskurantismus, die Bipolarität der Welt, die Aufteilung in Gut und Böse. Diese Logik ist sehr gefährlich.

Haben Sie mit Ihrem in Englisch gedrehten Film Immortel den Eindruck, einen kulturellen Beitrag zu Europa geleistet zu haben?
Wir müssen uns auf ein Europa der Kultur zubewegen, auch wenn das so einfach nicht ist. Mein Film zum Beispiel wurde in viele Länder verkauft - Italien, Spanien, in osteuropäische Länder, ich werde ihn in Belgrad und Sarajevo vorführen - , aber Deutschland hat den Film nicht gekauft. Die Verleihfirmen mochten ihn, aber Sie sagten mir: „Unser Publikum ist sehr amerikanisch, es braucht Hollywood-Action.“ Dabei ist die deutsche Kultur doch ein Begriff! Deutschland ist eine amerikanische Kultur-Enklave mitten in Europa geworden, das ist ziemlich erschütternd.
Trotz allem habe ich wirklich das Gefühl, dass ich durch meine Bücher und Filme meinen Beitrag zum Aufbau einer europäische Kulturidentität leiste. So bin ich nun einmal gestrickt: Ich wurde als Sohn einer tschechischen Mutter in Jugoslawien geboren, kam mit 10 Jahren nach Frankreich, und habe die französische Kultur mit meiner balkanischen Vorgeschichte assimiliert. Meine Persönlichkeit hat sich in dieser Mischkultur geformt, und meine Bücher, meine Filme, leben von diesem Stoff. Selbst, wenn es eine Geschichte zwischen einem Gott, einer Mutantin und einem aufgetauten Menschen ist!

Das Gespräch führte Thomas Baumgartner.

Samstag 1. Mai 2004 um 19.00 Uhr
Das Forum der Europäer
Balkan: Die Lunte brennt
Wiederholung am 3. Mai um 17.45 Uhr

Chefredaktion: Jürgen Pfeiffer, Astrid Emerit-Le Ficher
Regie: Guy Saguez
(Frankreich 2004, 43 Min.)
Koproduktion : ARTE France, Compagnie des Phares et Balises

Erstellt: 28-04-04
Letzte Änderung: 29-04-04