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02/11/06

Interview mit Fabio Biondi

Von Teresa Pieschacón Raphael


Der italienische Stargeiger Fabio Biondi und sein Ensemble "Europa Galante" interpretierten in Schwetzingen 2006 Höhepunkte der Barockmusik (auf ARTE am 5. 11. 2006)


-Herr Biondi, wie wuchsen Sie auf?
Ich wuchs auf in einer sehr musikalischen Familie, mein Großvater war Anwalt und Amateurpianist und er zeigte uns die wunderbaren Palestrina-Messen, mein Vater war ein Neuropsychiater für Kinder. Als junger Mensch hörte ich Hanoncourt, die fast surrealistische Art seiner Interpretation faszinierte mich, ich wollte hinter die Dinge kommen, studierte Geige in Parma.

- Als Sohn eines Kinder-Neurologen, fühlten Sie sich sehr beobachtet?
(Lachen) Ich war ein wildes Kind, sehr extrovertiert, gar nicht angepasst, ich gehorchte einfach nicht im Gegensatz zu meinen Geschwistern. Einmal legte ich sogar Feuer im Haus. Als ich dreizehn Jahr alt war, beschloss mein Vater, mich alleine aufwachsen zu lassen in einem Apartment. Mein Mutter geriet natürlich in Panik und dachte ich käme nicht zurecht.

-Und wie ist das Experiment ausgegangen?
Sie sehen es ja, ich lernte Verantwortung zu übernehmen, für mich zu kochen, mich zu organisieren. Und ich übte uns übte jeden Tag Geige.

-Sie waren ja ein Wunderkind. Dennoch: es hätte ja auch ganz anders ausgehen können
.Ja, ob ich das mit meinen Kindern machen würde weiß ich nicht (Lachen)

- Sind Sie auch als Musiker ein Wilder geblieben?
Nein, ich glaube nicht. Wichtig ist für mich der Respekt, die Reflexion über die Dinge, die Auseinandersetzung. Geradezu polemisch aber kann ich werden, wenn jemand in Klischees verfällt, wenn jemand etwas routiniert abspult oder nur irgendwelchen Moden folgt, die es ja auch bei uns in der Musik gibt. Ich ärgere mich über Menschen, die der Kunst nicht den Respekt zollen, die sie verdient.

-Wenn man aus großbürgerlichem womöglich auch wertkonservativem Hause wie den Ihren stammt, wie wichtig ist einem dann die Tradition?
Ja, sie ist sehr wichtig. Und vor allen Dingen, die Bildung, an der diese Tradition gekoppelt war und, die uns vermittelt wurde. Wir leben in einer globalisierten Welt, da ist eine umfassende Bildung noch sehr viel wichtiger als früher. Nur so können wir die Welt und das, was uns umgibt, begreifen.

-Doch gerade die Globalisierung trägt ja auch zu einer Standardisierung unserer Ästhetik, unserer Gewohnheiten, unseres Essen usw. entscheidend bei. Vieles wird gleich-gültig und damit gleichgültig.
Ja, das stimmt, aber das liegt einfach auch an der Unfähigkeit vieler zur Vertiefung, an der Oberflächlichkeit und der Schnelligkeit, mit der heute alles abläuft. Wir müssen davon ablassen, und wieder zu wahrer Tiefe finden, und dies geht nur über die wahre Auseinandersetzung. Dabei hilft mir die Strenge und Disziplin, die ich mir auferlegen muss, wenn ich etwa alte Musik interpretiere. Musik ist nicht dazu da, sie narzistisch für die Persönlichkeit zu instrumentalisieren.

-... wie dies durchaus bei manchen Sängern der Fall ist.
Ja, da gebe ich Ihnen Recht. Bei einigen meint man, es ginge nur um eine Demonstration sportlicher Hochleistungen oder deren eigener Eitelkeit.

-Doch eine allzu intellektuelle Herangehensweise an die Musik hemmt doch auch, etwa die Inspiration, die Intuition...
Ja. Deshalb muss man eine Balance finden. Wichtiger als das Wissen um die Musik ist der Ausdruck, der wiederum aber auch mit dem Wissen um Musik zusammenhängt.

-“Wie spielen für die Toten”, sagten Sie in einem Interview...
Sie kennen den Film "Die siebente Saite" von Alain Corneau?

-Ja, an dessen „Filmmusik“ Sie unter anderen auch mitwirkten.
Ja. Dort entsteht folgender Dialog zwischen Marais und Saint Colombe:
”Für wen glaubst Du spielen wir?“
“Für den König“.
“Für den König? Was für eine Dummheit!“
“Für den Hof.“
“Nein, nein!“
“Für uns“
“Wir spielen für die Toten!” Saint Colombe etwa erschien immer seine tote Frau. Ich fühle beim Musizieren auch die Nähe zu Menschen, die ich vermisse. Ich spreche mit meinem Grossvater, mit meinen Vater. Ich bin ein sehr spiritueller Agnostiker. Die Musik ist die einzige Möglichkeit, um mich mit ihnen in Verbindung zu setzen. Immer wenn wir Musik machen, befinden wir uns ja in einem Zustand tiefster Gefühlsoffenbarung, bei mir auch oft tiefster Trauer. Seltsamerweise aber scheint diese Offenbarung vielen Menschen im Publikum geradezu eine große Hoffnung zu geben.

-Wann sind Sie selbst erfüllt?
Wenn es mir beim Musizieren gelingt, dass alles so natürlich und selbstverständlich aus mir herausfließt , dass ich neben mir stehen und mir zuzuhören könnte. Wenn es mir gelingt, dass Musik eine ganz andere Qualität bekommt, eine universelle, völlig aus dem Kontext gelöste Bedeutung, die uns Menschen fern jeglicher Eitelkeit und Selbstherrlichkeit in sublime Welten versetzt.

Erstellt: 02-11-06
Letzte Änderung: 02-11-06