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19/06/07

Interview mit Hélène Piralian-Simonyan

Hélène Piranian-Simoyan vertritt die Ansicht, dass die Türkei, indem sie die Realität des Genozids von 1915 leugnet, auch jede Trauerarbeit der Armenier verhindert und somit das Trauma in den armenischen Gemeinden fortwirken lässt.

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Es war vor ungefähr zwanzig Jahren. Bei der Lektüre eines Zeitungsartikels „entdeckt“ die Psychoanalytikerin Hélène Piralian-Simonyan den Völkermord an den Armeniern und sie erlebt einen Schock: „Mir war sofort klar, dass das Unbehagen, das ich fühlte, mit dem Massaker, dem meine Vorfahren zum Opfer fielen, verknüpft war.“ Väterlicherseits ist sie armenischer Abstammung. Sie beginnt eine lange wissenschaftliche Arbeit über das Trauma, das die Nachkommen der Opfer eines Genozids erleiden, sie nennt sie „die Erben“. Hélène Piralian-Simonyan veröffentlichte das Ergebnis ihrer Untersuchungen, die sich u.a. auch auf zahlreiche Aufenthalte in Armenien stützen, unter dem Titel „Génocide et transmission“ (Genozid und Überlieferung, 1995, Ed. L’Harmattan), ein Standardwerk. Zur Zeit beendet sie einen zweiten Band, der den Völkermord in Ruanda behandelt.


Konnten Sie innerhalb der armenischen Gemeinde ein Trauma beobachten, das sich auf den Genozid von 1915 zurückführen lässt?

Viele in der Diaspora lebende Armenier haben große Schwierigkeiten, ihr Recht zu leben anzuerkennen. Sie leben mit der Belastung und der Pflicht, immer wieder Zeugnis ablegen zu müssen über ihre 1915 ermordeten Angehörigen, damit diese nicht endgültig vergessen werden. Es ist, als seien sie die Grabstätten dieser Toten, dazu verdammt, mit der Last einer Schuld (weiter) zu leben. Das erklärt vielleicht, warum sich neunzig Jahre nach den Ereignissen zahlreiche Nachkommen mitunter virulent dafür einsetzen, dass die Türkei den Genozid anerkennt. Dabei geht es nicht ums Prinzip, es ist eine Frage des Überlebens.

 

Warum ist diese Anerkennung so lebenswichtig?

Solange die Türkei den Völkermord nicht anerkennt, können die Erben keine Trauerarbeit leisten. Wenn ein Genozid verübt wird, werden nicht nur Menschen getötet, sie werden buchstäblich eliminiert, spurlos, als hätte es sie nie gegeben. Um diesen Toten „ein neues Leben“ zu geben, denn nur so können die Nachkommen trauern, muss zunächst eingestanden werden, dass sie ermordet wurden.

Diese Anerkennung ist auch aus einem anderen Grund von entscheidender Bedeutung. Wenn ein Teil ihrer Familie in völliger Straffreiheit ermordet wurde, ihre Angehörigen Massakern zum Opfer fielen, die nicht einmal anerkannt werden, kommt das Gefühl auf, dass sich ähnliche Gräueltaten jederzeit wiederholen könnten. Deshalb befürchten so viele Armenier die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union. Für sie ist es, als würde der Westen für die 1915 begangenen Verbrechen die Absolution erteilen und so den Weg bereiten für neue Massaker oder schlimmer: neuen Völkermord.

 

Wie wird die Erinnerung an den armenischen Völkermord weitergetragen?

Die Erinnerung wird durch Gedenkfeiern am Leben erhalten, im Austausch zwischen Eltern und Kindern, aber auch durch unbewusste Vorgänge, jenseits des ausdrücklich Überlieferten. Was mich betrifft, hatte ich plötzlich Zugang zu dieser Erinnerung, ohne dass mir irgendetwas erzählt worden wäre. Mein Vater hat ohne Worte, unwillkürlich, etwas an mich weitergegeben. Für die Nachkommen eines Genozids ist Vergessen nicht möglich.

 

Wie erklären Sie, dass der Völkermord an den Armeniern so lange totgeschwiegen wurde?

Zum einen liegt es daran, dass über lange Zeit nur der Genozid an den Juden auch als solcher anerkannt wurde. Das wiederum liegt daran, dass der „Völkermord“ in Nürnberg juristisch definiert worden ist, um die Shoa zu bezeichnen. Die Juden haben anschließend die absolute Singularität des Holocausts herausstellen wollen, um die Banalisierung von Massakern zu verhüten. Erst vor kurzem wurde es dann möglich, auch über andere Genozide zu sprechen, namentlich in Ruanda. Die Definition des Völkermords – so wie sie in Nürnberg erfolgte – trifft gleichermaßen auf den Mord an den Armeniern zu, ohne dass hier die Gefahr bestünde, den Wortsinn zu banalisieren oder fälschlich anzuwenden.

Der Völkermord an den Armeniern blieb aber auch im Dunkeln, weil Armenien ein kleines Land ist. Erst seit 1991, nach dem Zerfall der Sowjetunion, ist das Land wieder unabhängig, doch auch jetzt findet seine Stimme wenig Beachtung auf der internationalen Bühne. In gewisser Weise und bis in die jüngste Vergangenheit hinein, hat der Völkermord von 1915 einen Teil seines Ziels erreicht: Er hat ein ganzes Volk fast zum Schweigen gebracht, im übertragenen Sinn ausgelöscht.

 

Warum ist die Armenien-Frage wieder aufgetaucht?

Nach und nach hat sich die Diaspora mobilisiert, um innerhalb der Länder, in denen sie ansässig ist, ihren Forderungen Gehör zu verschaffen. Das hat mit einem Generationswechsel zu tun. Die erste Generation nach dem Völkermord musste einfach am Leben bleiben, Arbeit suchen, Familien gründen, sich integrieren, dort wo die Migration sie hingebracht hatte. Es ging ums schlichte Überleben.

Das psychische Trauma wurde der zweiten Generation vererbt. Es kommt erst dann zum Vorschein, wenn die Grundbedürfnisse befriedigt sind. Nachdem der Kampf ums Dasein überstanden ist, stellen sich „subtilere“, komplexere Probleme ein.

Die dritte Generation kann jetzt ein freieres Verhalten an den Tag legen: Sie wird intellektuell und politisch aktiv, um sich von diesem schwierigen Erbe des Genozids zu befreien. Sie ist es, die für das Auftauchen der Armenien-Frage auf der internationalen Bühne verantwortlich ist.

 

Gibt es in der Auseinandersetzung mit dieser Frage Unterschiede zwischen den „Nachkommen“ in Armenien selbst und denen, die in der Diaspora, in Europa oder Nordamerika leben?

Diejenigen, die in Armenien leben, haben eine direkte Beziehung zum Land ihrer Vorfahren. Daraus schöpfen sie eine gewisse Kraft. Ihre Identität ist positiver ausgerichtet. Die Frage der Trauer beschäftigt sie zwar, aber ihre Seele ist weniger verwundet. Den Armeniern in der Diaspora stellt sich dieses Problem ganz anders. Ihre gemeinsame Identität wird maßgeblich durch die Genozid-Frage geprägt und sie festigt sich im Kampf um ihre Anerkennung. Mit der Anerkennung des Völkermords wäre ihre Identität weit weniger durch diese Frage in Besitz genommen, und sie stünden vor einer neuen Herausforderung: Sie müssten ihre Identität neu definieren, ohne Schuldgefühl und ohne Verpflichtung gegenüber den Opfern.

 

Besitzt der Völkermord an den Armeniern eine Singularität im Verhältnis zur Ermordung der Juden oder zum Genozid in Ruanda?

Mit Sicherheit. Dieser Unterschied ergibt sich aus der aktiven Verleugnungsstrategie der Türkei auch gegenüber dem kleinsten Ereignis, das den Genozid als geschichtlich erwiesen darstellen würde. Die türkische Regierung protestiert jedes Mal, wenn eine Gedenktafel angebracht oder ein Foto in einer Ausstellung gezeigt wird. In der Türkei gilt die bloße Erwähnung des Völkermords an den Armeniern als strafrechtliches Delikt, für das eine Freiheitsstrafe verhängt werden kann. Nicht nur dass die Türkei den Genozid nicht anerkennt, sie versucht, weltweit alle Zeichen, die auf eine Anerkennung hindeuten, zu tilgen. Und schlimmer noch, in der Türkei trifft man heute noch auf die Standbilder jener Militärs, die den Genozid von 1915 angeordnet hatten.

Trotzdem ist die Anerkennung des Völkermords durch die Türkei unausweichlich. Viele Länder haben zwar bereits in offiziellen Erklärungen festgestellt, dass es sich bei den Massakern von 1915 in Wirklichkeit um einen Genozid gehandelt hat. Doch das reicht nicht aus. Um eine echte Trauerarbeit möglich zu machen, müssen die „Erben“ der Schuldigen, die Türken, Reue zeigen. Denn nur sie haben das Recht und die Fähigkeit es zu tun.

Das Interview führte Jérémy Tordjmann

Erstellt: 12-04-05
Letzte Änderung: 19-06-07