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12.05.05 - 23.15 : tracks - 12/05/05

Interview mit Jean-Marc Barbieux und David Combe

Seit seiner ersten Ausgabe 1997 ist Tracks Schaufenster und Tribüne für Menschen, die sich abseits der ausgetretenen Pfade bewegen. Zur 400. Sendung, die sich als „Freak-Special“ präsentiert, ein Gespräch mit den französischen Chefredakteuren Jean-Marc Barbieux und David Combe.

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Warum gerade ein „Freak-Special“ zum Jubiläum der 400. Sendung?

David Combe: Für uns ist es so etwas wie ein krönender Höhepunkt. Freaks jeglicher Art sind ja sozusagen der „Rohstoff“, aus dem wir unsere Sendungen machen. Mit Freaks meine ich nicht nur Menschen, die durch eine Laune der Natur körperlich andersartig sind, sondern Zeitgenossen, die sich durch ihren besonderen Look oder ihre Ideen von der Masse abheben. Freaks sind Menschen, die uns vor Augen führen, dass man sein Leben auch ganz anders leben kann. Wir verstehen diese Sendung als eine Hommage an alle Freaks.

Jean-Marc Barbieux: Ganz nach dem Motto von Tod Brownings Film “We’re not like the others” ist auch Tracks von Menschen bevölkert, die einfach anders sind und anders leben als der Durchschnitt.

David Combe: Alles, was uns bizarr, monströs, amoralisch oder gefährlich erscheint, leistet einen Beitrag zu unserer Gesellschaft und bringt irgendwann einmal etwas Neues hervor.

Jean-Marc Barbieux: Die Fotografin Diane Arbus - die Expertin überhaupt für alles, was mit Freaks zu tun hat – war davon überzeugt, dass aus den Gegen- und Randkulturen von heute, und seien sie auch noch so embryonär, die Mythen von morgen entstehen. Für sie waren Freaks die Heiligen der kulturellen Randszene.


Originalität um jeden Preis – heißt das nicht, alle etablierten Werte zu ignorieren?

Jean-Marc Barbieux: Nein, nein, wir machen keine „Tabula rasa“, ganz im Gegenteil! Unsere Sendung gehört zu den wenigen, die auch auf historische Zusammenhänge Bezug nehmen. Musik ist nicht einfach nur Musik: Sie ist wie ein Hologramm, in dem man eine ganze Gesellschaft wiedererkennt. Deshalb gibt es für uns keine seichte Unterhaltung, keine U-Musik. Aus jeder Musik lernt man enorm viel über den jeweiligen wirtschaftlichen und politischen Kontext einer Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit. Tracks zeigt ganz einfach die Jugendkultur, junge Menschen, die in unserer Gesellschaft noch keinen etablierten Platz haben.


Welche Rolle spielt Asia Argento dabei?

David Combe: Wir haben einfach versucht, ein gutes Menü zusammen zu stellen, reichhaltig und abwechslungsreich: Von King Stitt aus Jamaika bis zum Punk-Kabarett aus Boston. Von Gaspar Noé und der Trash Movie-Szene bis zum Gruselmaler Joe Coleman. Da erschien uns Asia Argento als Zeremonienmeisterin nicht unbedingt als die schlechteste Wahl.

Jean-Marc Barbieux: Sie meinte dazu: „Mein Vater hat Filme über Menschen gedreht, die äußerlich Freaks waren, und ich beschäftige mich jetzt mit denen, die innerlich Freaks sind“.

David Combe: Vor der Aufzeichnung der Sendung haben wir uns gesagt: „Super, da haben wir ja jemanden gefunden, der ein bisschen Glamour in die Show bringt“. Nur: Sie war ziemlich schlimm krank und kam in einem erbärmlichen Zustand an. Aber das war für sie überhaupt kein Problem, sie hat sogar darauf verzichtet, sich schminken zu lassen.


Gelegentlich hat man den Eindruck, die Sendung präsentiert Trends, die es gar nicht gibt. Was sagen Sie dazu?

David Combe: Die sogenannten „Trends“ sind doch nur Recycling-Schrott – entweder billige Werbegags oder sogar ganz gezieltes Marketing.

Jean-Marc Barbieux: Worauf es ankommt ist der innere Drang, den jemand verspürt. Der Psychiater und Suchtexperte Claude Olievenstein, hat einmal gesagt: “Ich könnte niemals auf einen Drogenabhängigen böse sein, weil er die Welt für ungerecht hält, weil er möchte, dass sie anders ist, weil er nach einer Lösung sucht.“ Natürlich ist das eine trügerische Lösung. Aber zumindest hat der Süchtige diesen Drang. Uns geht es bei Tracks darum, Leute zu finden, die sagen: “Ich hab’ Bock, mal was ganz anderes zu machen.“ Ob das anschließend dann total in die Hose geht oder zur Mega-Sensation wird, ist nicht unsere Angelegenheit.


Wie geht es mit Tracks weiter?

David Combe: Die Sendung gibt es jetzt seit acht Jahren. Da wollen wir natürlich unbedingt auch das zehnjährige Jubiläum feiern! In Sachen Musik hat Tracks mittlerweile ja schon fast Kultstatus wie die Wissenschafts- und Natursendung Thalassa in Frankreich oder die Sportschau in Deutschland. Ganz stolz sind wir auch auf unsere Website – eine richtige Bibel für Kenner. Wir sind dabei, weitere Themensendungen vorzubereiten, so zum Beispiel Specials über Loosers und Rude girls. Und wir wollen eine CD-Reihe rausbringen.

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TRACKS
Das Gespräch führte Donald James
Donnerstag, den 12. Mai um 23.15 Uhr
Redaktion: ARTE France, Program 33
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Erstellt: 10-05-05
Letzte Änderung: 12-05-05


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