Schriftgröße: + -
Home > Ureinwohner > Interview > Interview

12.02.06 Themenabend "Zwischen Urwaldhölle und Menschenzoo" - 13/02/06

Interview mit Jean-Patrick Costa

Jean-Patrick Costa leitete von 1992 bis 1996 für Apotheker ohne Grenzen und die Europäische Union ein humanitäres Projekt im Amazonasgebiet. Von 1992 bis 1995 lebte er zusammen mit seiner Frau bei den Indianern. Er ist Autor des Buches "Die Jivaro-Indianer - Geschichte eines unausweichlichen Todes"*.

Hören Sie hier das Interview mit Jean-Patrick Costa
Originalfassung auf Französisch (Real audio; 17'12")


Übersetzung:

Gelegentlich herrscht eine gewisse Begriffsverwirrung. Da ist Rede von „primitiven Völkern“, „Wilden“ oder „Ureinwohnern“. Welche Bezeichnung ist Ihrer Ansicht nach angemessen?

Die UNO spricht von „Urbewohnern“. Dieser Begriff steht auch in dem Entwurf der Charta, die, so hoffe ich zumindest, in den nächsten Jahren verabschiedet werden soll. Die Indianer bezeichnen sich meist selbst als „Indihena“, also „Eingeborene“. Doch dieser Begriff ist im französischen Sprachraum verpönt, was darauf hindeutet, dass wir es hier eher mit einem sprachlichen Problem zu tun haben. Im angelsächsischen Sprachraum verwendet man den Begriff „First Nations“, was soviel bedeutet wie „Urvolk“. Kurzum, ich denke, alle Begriffe wie „Autochtone“, „Ureinwohner“ und „Eingeborene“ sind als Bezeichnung für diese der Natur und ihren Traditionen verhafteten Volksgruppen zulässig.


Was ist von der Vielfalt der Kulturen und dem kulturellen Reichtum Südamerikas heute noch übrig geblieben? Worin unterscheiden sich die Indianer von gestern und heute?

Bisher bot der Urwald einigen Ethnien Schutz. Doch die Straßen und mit ihnen die Siedlungen fressen sich immer tiefer in die Wildnis hinein, begleitet von Rodungen und Holzabbau. Dadurch kommen die Ureinwohner immer häufiger in Kontakt mit der modernen Welt. Der Austausch intensiviert sich auf Kosten der Tradition. In vielen Gebieten sind überlieferte Traditionen bereits vollständig verschwunden. Dennoch gibt es nach wie vor einige wenige isoliert lebende Volksstämme, Familiengruppen und Dörfer zu denen die Moderne noch nicht vorgedrungen ist. Doch es werden immer weniger und es steht zu befürchten, dass die Moderne in fünfundzwanzig Jahren auch sie eingeholt haben wird. Ich war vor zehn Jahren im Amazonasgebiet und habe drei Jahre dort gelebt. Seither hat sich bereits enorm viel verändert, zum Beispiel was die Besiedlung angeht.


Seit wann hat sich die Einstellung der westlichen Welt gegenüber den Indianern geändert? Was war der Auslöser dafür?

Die Frage kann man nicht pauschal beantworten. Das hängt vom jeweiligen Volksstamm ab. Einige Indianervölker wurden stärker geschützt als andere, einige Völker haben sich dem Vormarsch der westlichen Zivilisation heftiger widersetzt als andere. Der erste Kontakt mit den Jivaro-Indianern kam zwischen 1910 und 1920 zustande. Seit den fünfziger Jahren bestehen regelmäßige Kontakte, die ursprünglich auf die Missionsarbeit der Salesianer und später auf die Tätigkeit amerikanischer Evangelisten zurückzuführen sind. Sie gründeten zunächst Internate und öffneten mit Flugzeugen den Zugang zur modernen Welt. Große Veränderungen bewirkten vor allem auch westliche Werkzeuge wie Macheten und Äxte, die das Fällen der Bäume ernorm beschleunigten. Diese und andere Gegenstände veränderten die gesellschaftlichen Strukturen und die auf Gemeinschaft basierenden Arbeitsmethoden von Grund auf, ebenso das System der Nachbarschaftshilfe. Insofern hat ihre Einführung einen sozialen Umbruch bewirkt.


Wie viele Jivaro-Indianer gibt es heute noch? Wie groß ist die Gefahr, dass die letzten Eingeborenen-Stämme in naher Zukunft aussterben?

Die Jivaros verteilen sich heute auf fünf Stämme: Shuar, Shiwia, Ashar, Huambisa, Aguaruna. Diese Untergruppen haben die gleichen Sitten und Bräuche und sprechen die gleiche Sprache. Insgesamt zählen sie etwa 80.000 Personen. Nach einer Zeit der Stagnation bzw. des Bevölkerungsrückgangs nimmt die Anzahl der Jivaros als Folge der Sesshaftigkeit und des Kontakts mit der modernen Welt wieder zu. Nicht das Volk der Jivaro ist bedroht, sondern ihre Kultur oder zumindest wesentliche Teile davon.


Wie verhält man sich richtig, wenn man Kontakt zu Indianern hat, und ihre Kultur und ihre Werte nicht missachten will? Was kann man tun, damit die Begegnung der westlichen Welt mit diesen in ihren spirituellen und indianischen Werten sehr verhafteten Mikro-Kosmen nicht in Konfrontation ausartet?

Um das zu vermeiden braucht man viel Respekt, Behutsamkeit und Geduld. Wir im Westen leben in einer hektischen Welt. Die Ethnologen sprechen von „Hot Society“ und meinen damit, dass sich unsere Gesellschaften immer schneller wandeln. Das trifft jedoch nicht auf die Indianer zu. Deshalb müssen wir lernen, uns ihrem Rhythmus anzupassen, zu essen, was sie essen, zu tun, was sie tun und ihnen Zeit zu widmen. Man muss mindestens ein Jahr mit einer Familie zusammen leben, um eine echte Beziehung aufzubauen und Freundschaften zu knüpfen. Mancher denkt, es reicht, ein oder zwei Monate bei den Indianern zu leben oder gelegentlich zurück zu kehren, um mit ihnen befreundet zu sein. Doch das ist ein Irrtum. Solche Kontakte dienen den Indianern als Einkommensquelle und fördern den kulturellen Anpassungsprozess. Im Übrigen bin ich überzeugt, dass der Prozess der Akkulturation vor dem Hintergrund der zunehmenden Globalisierung unausweichlich ist. Die große Herausforderung für diese Naturvölker, insbesondere die Jibaro-Indianer, besteht darin, sich eine eigene Modernität unter Einbeziehung ihrer traditionellen Werte zu schaffen.


Welches Ziel verfolgen Sie mit den Reisen in das Amazonasgebiet, die Ihre Vereinigung Arutam anbietet?

Der Anstoß für die Reisen kam von den Indianerorganisationen mit denen wir gemeinsame Projekte durchführen. Sie haben uns gebeten, auf diese Weise Kontakte herzustellen, und zwar durch Einzelreisen, nicht als Tourismus. Bei diesen Reisen geht es nicht darum, die Eingeborenen zu beobachten, sondern darum, ihr Leben vorübergehend zu teilen, einzutauchen in ihre Welt, um ihre Kultur kennen zu lernen. Sie dienen außerdem dazu, im Rahmen bestimmter Programme Projekte mitzufinanzieren, wie zum Beispiel den Anbau von Heilpflanzen, die Ausbildung von Schamanen oder den Rückkauf von Grund und Boden.


Glauben Sie, dass es noch Sinn macht, trotz Globalisierung und zunehmender Vereinheitlichung für den Erhalt der Vielfalt zu kämpfen?

Das macht nicht nur Sinn, es ist auch notwendig. Ich würde sogar sagen, es ist lebensnotwendig. In einer monoethnischen, von einer einzigen Kultur beherrschten Welt, gibt es keinen Erfindungsgeist mehr, keine Möglichkeit, Lösungen für unsere Zukunft zu entwickeln. Deshalb müssen wir für den Erhalt der Vielfalt auf diesem Planeten kämpfen. Wir brauchen biologische Vielfalt, kulturelle Vielfalt, Vielfalt auf allen Ebenen und in allen Bereichen. Eine erfolgreiche Globalisierung muss, auch wenn sie von oben gesteuert wird, den Fremden in seiner Andersartigkeit achten, diese Andersartigkeit als Bereicherung verstehen und sie im Alltag nutzen. Im Kontext der Globalisierung steht die Frage der „Ureinwohner“ im Brennpunkt unterschiedlicher Auffassungen über Natur und Umwelt, über den Umgang mit Ressourcen und über Frage, wie wir diesen natürlichen Reichtum für zukünftige Generationen bewahren können. Hier treffen Ökologie, Kultur und Ökonomie aufeinander. Deshalb ist es mehr als nötig, die Vielfalt der Ethnien zu schützen, im ersten Schritt für die Generation, die wir heute erziehen und die uns in fünfundzwanzig Jahren ablösen wird.


In Ihren Veröffentlichungen bin ich auf eine sehr interessante Frage gestoßen: Ist unser Blick auf den Anderen konditioniert?

Ja, er ist konditioniert! Wir sind nicht unvoreingenommen. Wir sind geprägt von der Kultur, in die wir hinein geboren sind. Wir leben im westlichen, europäischen Kulturkreis. Ob wir wollen oder nicht, wir sind geprägt von dessen Werten…. Unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer christlichen Religionsgemeinschaft entstammt unser Verständnis von Gut und Böse, unsere Vision der Schöpfung der Bibel. Auch wenn wir uns auf die Wissenschaft und den Philosophen Descartes berufen und die Religion weit von uns weisen, so haben wir doch ein bestimmtes Weltbild. Und dieses Weltbild tragen wir in uns, wenn wir als Reisende, Ethnologen oder Journalisten auf fremde Menschen treffen. Das macht es nicht immer einfach… Deshalb müssen wir uns ständig zurück nehmen und Abstand gewinnen, denn unsere Urteile und Verhaltensweisen sind oftmals nur das unbewusste Reproduzieren kultureller Kodizes bzw. das Ergebnis von Analysen, in denen sich unsere eigene Weltanschauung widerspiegelt. Dabei vergessen wir, dass unser Gegenüber die Welt mit anderen Augen sieht. Die Fähigkeit, den Standpunkt zu wechseln, sich den Blick des anderen anzueignen, lässt uns unabhängiger werden, freier in unserem jetzigen und zukünftigen Leben. Perspektivwechsel ist eine sehr wichtige Fähigkeit, die man nicht an Hochschulen erlernen kann. Um sie uns anzueignen, müssen wir mit Fremden leben, ihre Andersartigkeit hautnah erfahren.


Was halten Sie von Museen, die den so genannten „primitiven Künsten“ breiten Raum gewähren? Was halten Sie insbesondere vom neuen Museum der Naturvölker, "Musée du Quai Branly", in Paris?

Die Indianer nennen diese Museen Totenkammern, in denen es kein Leben mehr gibt. Indianer haben keine Museen. Wir stellen z. B. indianische Kultgegenstände in Museen aus. Wir brauchen Museen, um uns dem indianischen Kult auf diesem Weg nähern zu können. Diese Museen bieten auch jungen Menschen, Schulklassen usw. die Möglichkeit, sich anderen Kulturen zu nähern. Für uns im Westen sind Museen Orte, die uns helfen können, unsere Berufung zu entdecken. Sie weiten den Blick, öffnen für fremde Eindrücke, doch das allein reicht nicht. Alle Völkerkundemuseen Frankreichs und der Welt reichen nicht aus, um fremde Kulturen wirklich zu erfahren. Es wäre besser, auch wenn man zuvor nie einen indianischen Kultgegenstand zu Gesicht bekommen hat, ein Jahr lang mit den Indianern zusammen zu leben, mit ihnen zu arbeiten und zu jagen. So lernt man ihre Kultur wirklich kennen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Doch beides schließt sich gegenseitig nicht aus.


Frankreich ist eine ehemalige Kolonialmacht. Was halten Sie von der aktuellen Debatte über die Bewertung der kolonialen Vergangenheit Frankreichs? Sollte der Gesetzgeber sich hier einmischen?

Der Gesetzentwurf wurde ja zum Glück zurückgezogen. Darin hieß es ja, die Kolonialzeit sei für die betroffenen Völker positiv gewesen. Wir müssen uns unserer Vergangenheit stellen und uns offen und ehrlich mit dem auseinandersetzen, was unsere Väter und Vorväter zu ihrer Zeit, vor ihrem kulturellen Hintergrund für wünschenswert und positiv hielten. Wir, die Nachfahren, wir können Bilanz ziehen, eine Art Selbstkritik üben. Dann werden sich alle besser fühlen. Das gilt für den Westen ebenso, wie für alle anderen Kulturen weltweit; jede hat sich etwas vorzuwerfen. Der Anstoß zur Selbstkritik kann von anderen ausgehen. Das können wir kommunizieren, wenn wir zur Solidarität mit anderen Völkern bereit sind in allem, was wir tun, beim Reisen, Lesen oder beim Besuch eines Museums.


Interview : Sabine Lange (2. Februar 2006)

.......................
* Originaltitel : Indiens Jivaros - Histoire d'une mort programmée
>> mehr Infos auf der Seite der französischen Buchtipps

Photos und Illustrationen : (c) Association Arutam

Erstellt: 09-02-06
Letzte Änderung: 13-02-06