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01/12/05

Interview mit José Cura

Von Teresa Pieschacón Raphael


Ihre Wirkung auf Frauen mittleren Alters ist umwerfend. Davon konnte ich mich bei einem Auftritt von Ihnen in München überzeugen. Stört es Sie, dass man Sie den „Testosteron-Sänger“ nennt?
(lacht) Warum soll mich das stören? Das heißt doch nur, dass mein Auftritt energetisch, stark, viril ist. Es würde mich stören, wenn ich das Gefühl hätte, meine Leistungen seien nicht entsprechend, aber die Leute kommen hauptsächlich wegen meiner guten Leistungen und nicht wegen meines Aussehens. Das ist ein Teil der Show, das muss ich einfach akzeptieren, es stört mich nicht.

Sie legen Wert auf einen gestählten Körper, treiben Bodybuilding ...
Der Gesang ist nicht nur eine intellektuelle, künstlerische Disziplin, er ist auch eine physische Disziplin. Alles basiert auf Muskeln, Nerven, Blut, Sehnen, Knochen. Man singt mit dem Körper, den Armen, den Beinen, es ist eine Art Sport. Ein Sänger ist ein Athlet!

Wobei fühlen Sie sich wohler: beim Kraftsport oder beim Singen?
(lacht) O, das kann ich nicht sagen. Singen ist dann doch etwas anderes. Es ist sehr wichtig, eine gute Kondition und ein gutes Körpergefühl zu haben. Die Bühne verlangt sehr, sehr viel und immer mehr.

Was denn zum Beispiel?
Heute kann man auf der Bühne nicht mehr einfach stehen und singen, ohne sich zu bewegen. Der heutige Sänger muss schauspielern, muss sich bewegen, muss sich auf den Boden schmeißen und so weiter. Früher blieb bei einem Duell der Sänger stehen und sang mit dem Schwert in der Hand. Heute muss er wirklich fechten, um sein Leben kämpfen, und das alles so realistisch wie möglich vermitteln. Es geht um Glaubwürdigkeit.

Wird die Oper nicht immer ein Kunstprodukt bleiben, so naturalistisch die Affekte auch dargestellt sein mögen?
Ich will nicht, dass das geschieht, was mir in der Jugend passiert ist: Die Oper interessierte uns nicht. Das war nicht die Schuld der Oper, sondern die Schuld der Interpreten, die aus der Oper so etwas Langweiliges machten. Die jungen Leute sind daran gewöhnt, im Kino und im Fernsehen aufregende Spektakel zu sehen, und wenn sie dann in die Oper gehen, langweilen sie sich. Auf der Opernbühne will man heute ein szenisches Spektakel sehen, davon bin ich überzeugt. Dabei muss man gut aussehen, gut wirken. Wenn Sie Supermann im Film sehen wollen, dann wollen Sie doch keinen faulen, dicken, glatzköpfigen Menschen sehen. Das würde den Mythos zerstören.

Steckt nicht auch Körperkult und Narzissmus in dieser Haltung?
Ich spreche nicht von Schönheit, sondern von Energie. Man kann glatzköpfig, dick und träge sein, doch wenn man glaubt, man sei Supermann, dann werden es auch andere glauben. Die Selbstüberzeugung, die Sinnlichkeit, die Ausstrahlung werden das nach zehn Minuten vergessen lassen. Trotzdem glaube ich, dass es junge Menschen abschreckt, wenn sie eine Sopranistin vor sich haben, die aussieht wie eine Karikatur aus einem Trickfilm: dick und vollbusig.

Bei Ihrem Auftritt dominierten eher die Damen mittleren Alters ...
Jedes Mal treffe ich auch jüngere Leute in meinen Konzerten. Es braucht Zeit, dass Sie, die Presse, unsere Wünsche vermitteln und sagen: Du wirst Dich nicht langweilen.

Bei Ihren hohen Eintrittspreisen wird es schwer sein, die ganz Jungen in den Konzertsaal zu bekommen.
Wieso? Zeitungen schrieben: „Cura ist der Domingo für die Armen“.

Ich glaube, dass das etwas anders gemeint war ... Apropos Domingo, der Sie gefördert hat. Man nennt Sie seinen Kronprinzen. Haben Sie Angst vor dem Prince-Charles-Syndrom?
Mein Leben ist so intensiv - selbst wenn morgen der König nicht mehr sänge, könnte ich trotzdem nicht noch mehr singen. Ich wollte nie regieren, nur weil der König sich zurückzieht. Das ist keine gute Sache. Domingo ist ein großer Freund von mir, und ich schätze ihn sehr. Ich will nicht regieren, weil er nicht mehr da ist, sondern nur aufgrund meiner eigenen Fähigkeiten. Die Leute glauben immer, dass man eines Tages aufsteht und entdeckt wird - und dann einfach an die Wiener Staatsoper geht und anfängt zu singen. So ist es nicht. Über zwanzig Jahre habe ich dafür gearbeitet!

Dann müsste es Sie doch sehr stören, dass die Leute nur zwei, drei Arien von Ihnen hören möchten?
Tja, das ist uns leider vererbt worden. Aber mein Programm enthält auch andere Facetten; langsam werde ich andere, unbekannte Arien einführen.

Schade, dass Bach, den Sie so verehren, keine Oper komponiert hat ...
Es gibt ja die Passionen. Da ist alles drin: Leidenschaft, Liebe, Wut. Das Problem mit dem armen Bach ist, dass er zur Zeit nur mit historischem Instrumentarium interpretiert wird. Eine ungestimmte Geige kann gar nicht die Dimension seines Werkes wiedergeben! Alle glauben, Bach sei ein kalter Lehrmeister gewesen. Das ist nicht wahr! Ein Mann, der einundzwanzig Kinder zeugt, kann doch kein kalter Mann gewesen sein! Bach ist romantisch, er ist pathetisch. Etwas Leidenschaftlicheres als den Anfang der „Matthäus-Passion“ gibt es nicht! (er singt)
Wir glauben, dass die Leute aus dem 17. Jahrhundert prüde und verklemmt waren und tun, als hätten wir den Sex und das Vergnügen entdeckt. Hören wir auf mit dieser Idiotie! Man muss sich nur einen Mozart anhören oder Schubert. Seine besten Lieder hat er im Café, betrunken am Klavier sitzend, geschrieben. Schubert war der Elton John seiner Zeit.

Erstellt: 01-12-05
Letzte Änderung: 01-12-05