Wenn Vesselina Kasarova singt, bricht einem das Herz. Mit ihrem Mezzo, einem einzigen Wunderwerk an dunklen und immer noch glühenden Farben, der zugleich hell tönen kann wie eine Glocke, und ihrer darstellerischen Intensität gibt sie selbst komplexen Figuren ein ganz eigenes Gepräge. Zunächst wollte die 1965 in Stara Zagora (Bulgarien) geborene Künstlerin Pianistin werden, entschied sich aber dann doch für eine Sängerlaufbahn. Ein festes Engagement führte sie 1989 direkt in den Westen an das Opernhaus Zürich. Innerhalb kurzer Zeit avancierte sie zu einem Publikumsliebling und wurde von der internationalen Fachwelt als große Entdeckung gefeiert. Heute ist sie eine gefragte Mozart- und Monteverdi-Interpretin an allen großen Opernhäusern, aber auch das französische Repertoire bildet einen Schwerpunkt ihrer Laufbahn. An der Bayerischen Staatsoper verkörperte sie im Oktober 2003 erstmals den Orphée in Christoph Willibald Glucks französischer Version Orphée et Euridice in der von Hector Berlioz bearbeiteten Fassung von 1859.
Frau Kasarova: Sie irritieren mich. Ihre Sprechstimme ist hell, wie die eines jungen Mädchens, Ihr Mezzosopran allerdings von fraulicher Tiefe und Ausdrucksstärke.
Gut, das ist ja nicht das gleiche. Das sind ja andere Muskeln, die beim Singen trainiert werden.
Es heißt, die weibliche Stimme spiegele die Befindlichkeit der Seele.
Ja, das stimmt. Eigentlich bin ich ein sehr scheuer Mensch, deshalb vielleicht auch die Zurückhaltung in meiner Sprechstimme.
Demnach müsste es Sie ziemliche Überwindung kosten, auf die Bühne zu gehen?
Das ist das Paradoxon. Auf der Bühne verschwinden viele meiner Komplexe, aber nur so lange, wie ich singe. Sobald ich aufhöre ist es wieder anders. Ich musste lernen, auf der Bühne den Applaus entgegenzunehmen, etwas länger zu verharren und es zu genießen. Ich war sehr zurückhaltend, man sagte mir: ‚Vesselina bleibe auf der Bühne‘. Ich erzähle das ohne Koketterie. Manche lieben das Divatum, aber ich kann und brauche das nicht; ich muss nicht allen gefallen. Es ist mir wichtiger, ein Mensch zu bleiben.
Bereits Christoph Willibald Gluck verachtete die, wie er sagte "falsch angebrachte Eitelkeit der Sänger"...
Ja. Ähnlich wie Monteverdi. Seine Musik ist so sauber und ehrlich, deshalb liegt sie mir sehr.
Nun singen Sie an der Bayerischen Staatsoper den Orphée aus Glucks französischer Version von ‚Orphée et Eurydice‘ in der von Hector Berlioz bearbeiteten Fassung von 1859.
Ich bin so glücklich, dass ich diese Rolle singen darf, auch weil sie mich mit meiner Heimat Bulgarien verbindet. Sie kennen vielleicht die Orpheushöhle an der südbulgarischen Grenze ...
... Jene Höhle in den bulgarischen Rhodopen, in der der Mythos des Orpheus vermutlich seinen Ursprung nahm?
Ja. Ich war dort. Es war so kalt und dunkel, obwohl es draußen Sommer war. Man spürte sofort die Tragik der Sage, ich konnte mir in dieser Atmosphäre so gut vorstellen, dass ich Eurydice nie sehe, und wenn, dann nur für einen kurzen Moment; man konnte dieses riesige Loch zwischen Orpheus und Eurydice geradezu fassen. Und dann war da noch die unglaubliche Akustik; eine faszinierend mysteriöse und sehr inspirierende Stimmung.
Die Probezeiten an der Bayerischen Staatsoper haben nun begonnen...
Ja und ich bin sehr dankbar, dass ich mehrere Wochen Zeit habe. Es gibt noch so viel zu tun, meine Fantasie muss sich noch weiter entwickeln, meine Gedanken vertiefen. Ich muss das ganze Team noch ein bisschen kennen lernen.
Und dann ist da noch die nicht gerade sängerfreundliche Phonetik der französischen Sprache ...
Französisch ist doch eine wunderbare Sprache, finden Sie nicht? Sie hat eine gewisse Eleganz, einen Duft und eine Weichheit. Selbst wenn man schimpft, klingt es gut. Und sie hat so viele Farben. Mit einer kleinen Nuance kann man sehr viel mehr ausdrücken als in einer anderen Sprache. Aber Sie haben Recht, die Diktion, die Phonetik ist schwierig und es ist nicht meine eigene Sprache. Ich habe großen Respekt.
Also ist jeder Probetag wichtig?
Auf jeden Fall. Es besteht manchmal die Gefahr, dass man im Text falsche Akzente setzt. Man muss sehr aufpassen, auf jede Kleinigkeit achten. Mein Mann spricht Französisch und hilft mir. Hier gibt es auch einen sehr guten Korrepetitor. Zudem habe ich Erfahrung mit dem französischen Repertoire. Dennoch: bis alles ‚bequem sitzt‘ und die Stimme nicht "leidet", bis es sozusagen "fließt", muss man hart arbeiten und viel trainieren. An einer italienischen Oper müsste ich nicht so detailliert arbeiten. Ivor Bolton ist ein toller Musiker und er ist fast immer bei den Proben dabei. Das ist eher selten. Viele Dirigenten kommen erst zwei Tage vorher und wollen dann auch noch Tempoveränderungen oder anderes.
Neben Ihrer stimmlichen Ausdruckstiefe beeindruckt Ihre schauspielerische Intensität. Wie werden Sie die Rolle des Orphée angehen?
Ich werde einen Frack tragen. Ich bin gespannt darauf, wie sich mein Körper darin bewegt, wie meine Haltung sein wird, wie mein Kopf sich legt. Hoffentlich muss ich keinen Stein wegräumen oder fliegen (Lachen). Ich kämpfe für eine neue Gestaltung auf der Bühne. Bei meiner Ausbildung in Bulgarien legte man sehr großen Wert auf den schauspielerischen Aspekt. Sehr intensiv war das. Bis man es schafft, dass Gesangsausdruck und die nötige körperliche Sprache im Einklang sind, braucht man erst einmal eine enorme Sicherheit beim Singen. Die Technik muss hundertprozentig da sein, man darf nicht denken: wie soll ich das singen? Das ist ein sehr langer Weg. Ich habe auch eine gewisse Vorstellung, wie ich etwas ausdrücken möchte. Aber nicht an jedem Abend ist das alles da.
Sie dürfen durstig, hungrig sein, aber nur nicht müde...
Ja. Die Müdigkeit betrifft die Physis, die Stimme sind Muskeln, die vibrieren und den Oberton produzieren. Deshalb muss man gut geschlafen haben und nicht zu viel singen, sonst muss man den Preis dafür zahlen. Ich passe da sehr auf. Das ist mir vor einigen Jahren bewusst geworden.
Was haben Sie bisher vom Bühnenbild von Nigel Lowery sehen können?
Nicht viel, nur das Modell. Surrealistische Elemente und vielschichtige Ebenen spielen eine Rolle, doch ich muss das Ganze sehen, um die Dimensionen zu erahnen. Aber ich glaube, die Leute im Regie- und Bühnenbildteam sind große Ästheten, die sich viele Gedanken gemacht haben. Ich bewundere die Arbeit von Regisseuren, ihre enorme Fantasie für das Visuelle, für die Farben, für die Emotionen.
Die Sie aber auch haben.
Ja, stimmt. Auch ich arbeite mit Klangfarben, damit ich weiß, wie ich die Affekte mit der Stimme ausdrücken kann. Wenn man in Glucks Noten schaut, denkt man: Das ist aber schlicht. Man erkennt zuerst nicht, was dahinter steckt. Erst wenn man sie singt, ist man beeindruckt von der ungeheuren Dramatik und Tiefe, der starken Emotion.
Zu Orphées Arie ‚Ach, ich habe sie verloren‘ meinte der große Musikforscher H. J. Moser, sie sei nichts für "flache Durchschnittsnaturen, die den Schmerz nur als große Pose kennen".
Ja, er hat absolut Recht. Sie klingt wie ein einfaches Lied und doch ist alles drin, die Einsamkeit, die Trauer, die Verlassenheit, alle Affekte. Es ist eine so tiefe, so menschliche, so wahre Musik. Doch viele Leute verstehen das nicht, wolle nur die große Pose.
Während einer Opernproduktion stehen alle Mitwirkende unter Anspannung. Wie gehen Sie mit allzumenschlichen Launen und Komplexen Anderer auf der Bühne um?
Der Sängerberuf ist nicht einfach, man muss Gedanken lesen, man muss diplomatisch sein, man darf nicht explodieren. Man muss sehr viele Antennen haben, um den richtigen Moment herauszufinden. Künstler sind nicht einfach...
Das glaube ich Ihnen. Aber Sie sind die erste, die das zugibt...
Wir sind nicht einfach. Wir jammern oft und wir wissen nicht warum. Ein Freund von mir ist vor kurzem mit Anfang vierzig gestorben. Und ich habe mich am gleichen Tag über ein Kostüm aufgeregt. Das ist doch albern. Der schwierigste Moment kommt, wenn ein Künstler Erfolg hat.
Warum?
Er kann zwar die besten Opernhäuser wählen, die besten Dirigenten, das beste Engagement, aber er ist nie zufrieden, will immer mehr. Wenn man ein gewisses Niveau erreicht hat, dann sollte man zufriedener sein und schauen, dieses Niveau zu halten. Das ist schon schwer genug.
In Anbetracht Ihrer vielen Verehrer: Mit was kann man Ihnen das grösste Kompliment machen?
Wenn ich in meinem Geburtsort Stara Zagora bin, dann sagen die oft, ich sei so geblieben, wie ich war und das ist ein größeres Kompliment, als wenn sie gesagt hätten, ich hätte gut gesungen. Ich habe nie gewusst, dass ich so ein großer Patriot bin.
Das Interview führte Teresa Pieschacón Raphael






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