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10/09/08

Interview mit Nishtha Jain

Trotz des Wirtschaftsbooms lebt die Mehrheit der Menschen in Indien bislang noch immer in großer Armut. Diesen und andere Widersprüche der indischen Gesellschaft thematisiert die indische Regisseurin Nishtha Jain in ihren Dokumentarfilmen. ARTE hat sie zu den Umwälzungen befragt, die Indien gegenwärtig durchmacht.

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ARTE: Frau Jain, in Ihrem neuen Film „Lakshmi and Me“ geht es um die seit Jahrhunderten bestehenden Klassenunterschiede und kultu- rellen Gräben, die die Menschen in Indien von- einander trennen und die Sie am Beispiel der Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Dienst- mädchen Lakshmi veranschaulichen. Wie kamen Sie dazu, sich diesem Thema auf diese ganz persönliche Weise zu nähern?

Nishtha Jain: Die indische Gesellschaft ist entlang der Kasten- und Klassen- grenzen noch immer tief gespalten. Diese Unterschiede manifestieren sich nicht nur in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher, sondern auch in psychologischer Hinsicht. Ich wollte die psychische Disposition näher beleuchten, die es möglich macht, dass derartige Unterschiede fortbestehen. Theoretisch sind wir alle überzeugte Verfechter des Gleichheitsgedankens, in der Praxis jedoch verlieren wir ihn gerne aus den Augen. Ganz besonders gilt dies im Umgang mit den Menschen, die in unseren Haushalten arbeiten. Wie selbstverständlich gehen wir davon aus, dass sie für uns da sind. Diese Menschen halten unsere Häuser in Ordnung und sorgen für den reibungslosen Ablauf unseres Alltagslebens, wir aber treten ihnen nicht auf gleicher Augenhöhe gegenüber, haben keine Ahnung von ihren Bedürfnissen und zahlen ihnen auch weiterhin Hungerlöhne. In meinem Film wollte ich mich mit dieser alle Bereiche durchdringenden psychi- schen Haltung auseinandersetzen, warum also nicht bei mir selbst anfangen?

Nach ihrem Studium am Film and Television Institute of India (FTII) in Puna ar- beitet Nisththa Jain heute als Dokumentarfilmerin in Mumbai und hat zusammen mit Smriti Nevita die Pro- duktionsfirma Raintreefilms gegründet. Sie hat in den letzten Jahren viele Projekte für Film und Fernsehen realisiert, unter anderem für finnische, dänische und deutsche TV-Sender.

Links:
www.raintreefilms.net
www.lakshmiandme.com

Lakshmi and Me - Filmvorführungen in Deutschland:
Internationales Frauen- filmfestival Dortmund/Köln (23. - 27. April 2008):
25.04.08 um 15.00 Uhr in der Filmpalette Köln

23. Internationales Doku- mentarfilmfestival München (1. bis 7. Mai 2008):
02.05.08 um 19.00 Uhr und 04.05.08 um 15.00 Uhr jeweils im Vortragssaal der Bibliothek am Gasteig
Verändert sich das traditionelle Kastensystem unter dem Eindruck des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels, der sich gegenwärtig vollzieht?

Sicherlich, das Kastensystem ist in Auflösung begriffen und der Einzelne muss nicht mehr zwangsläufig einen Beruf ergreifen, der seiner Kaste traditionell zugeordnet ist, aber insbesondere in den ländlichen Gebieten kommt dieser Prozess nur schleppend in Gang. Die sozialen Gepflogenheiten sind nach wie vor stark vom Kastendenken geprägt.

In Ihrem Film ist Lakshmi in Krishna verliebt. Sie heiratet ihn trotz des bestehenden Kastenunterschieds und gegen den Willen ihrer Familie. Gibt es heute mehr Liebesheiraten als früher?

Lakshmi und Krishna gehören beide der niedrigen Kaste an, aber selbst inner- halb einer bestimmten Kaste gibt es Tausende von Unterkasten, die ebenfalls in hierarchischer Beziehung zueinander stehen. Würde einer von beiden - Krishna oder Lakshmi – der oberen Kaste angehören, so wären die Dinge weit weniger problemlos zu lösen gewesen; höchstwahrscheinlich hätte die Familie aus der oberen Kaste ihren Sohn bzw. ihre Tochter verstoßen. Auch heute noch ist die arrangierte Heirat innerhalb der eigenen Kaste bzw. Klasse in Indien der Regel- fall. Allerdings sind die Dinge im Umbruch und Lakshmis Ausbrechen – obschon noch immer ein Ausnahmeverhalten – ist Anzeichen für wachsenden Widerstand.

In „6 yards to Democracy” beschreiben Sie die Probleme im Gefolge der Demokratisierung in Indien und die Folgen des Wirtschaftsbooms in der nordindischen Stadt Lucknow. Wer sind die Gewinner und wer die Verlierer des Wirt- schaftswachstums?

In Indien werden derzeit Millionen von Menschen aus ihren angestammten Lebensräumen vertrieben, entweder weil Entwick- lungsprojekte wie Staudämme, Straßen, Autobahnen, U-Bahnen oder Sonder- wirtschaftszonen es erfordern oder weil private Bauunternehmen den Armen ihr Land abkaufen bzw. illegal abnehmen, um dort lukrative Objekte wie Einkaufs- zentren oder Luxus-Appartements zu bauen. Das ist in Indien Normalität gewor- den und passiert heute jeden Tag. Wer dabei die Verlierer sind, versteht sich von selbst. Und selbst wenn die Menschen materiell gut entschädigt werden, der sozialen und psychologischen Entwurzelung trägt keiner Rechnung. Die zunehmende Kriminalität und Gewalt in den Städten und die daraus erwach- sende Unsicherheit sind unmittelbare Folgen dieser Situation.

Zeigen indische Politiker ein Bewusstsein dafür, dass alle gesellschaftlichen Schichten am Wirtschaftswachstum teilhaben sollten, damit soziale Spannungen vermieden werden?

Auf dem Papier ja, und auch in ihren Wahlkampfreden, aber das Engagement für die Zukunft wird von der Gier nach Geld erdrückt.

Betrachtet man den Wähleranteil im globalen Vergleich, dann ist Indien die größte Demokratie der Welt. Sind wirklich alle Bürger Indiens gleichermaßen in den demokratischen Prozess einbezogen?

Nein. Jeder darf wählen und das ist natürlich großartig, aber von Chancengleich- heit kann sicherlich keine Rede sein. Nahezu die Hälfte der Bevölkerung hat keinen Zugang zu angemessener Bildung, annehmbarem Wohnraum oder adäquater medizinischer Versorgung. Zwar können selbst Slumbewohner Geld ansparen und sich vielleicht sogar einen „Tata Nano” für umgerechnet 1800 Euro zulegen, der in Indien als das billigste Auto der Welt hergestellt wird, aber menschenwürdiger Wohnraum, sauberes Trinkwasser und sanitäre Einrichtun- gen bleiben für Millionen ein unerfüllbarer Traum. Was soll das für eine Demokratie sein?

Wie sollte sich Ihrer ganz persönlichen Auffassung nach Indien in den kommenden 20 Jahren entwickeln?

Ich hoffe, dass es künftig mehr konstruktiven Widerstand gibt. Die Unter- privilegierten in Indien zeigen zu wenig Unmut. Wenn es Unmut gibt, so ironischerweise bei den Reichen, die zunehmend mehr zur Kasse gebeten werden. Durch Kabelfernsehen und Internet sind die Ansprüche der Menschen definitiv gewachsen, so dass es Widerstände gibt, die aber größtenteils destruktiven Charakter haben. Ich hoffe, dass sich hier noch eine Wende zum Positiven vollzieht.

Das Interview führten Elisabeth Stirnemann und Franziska Schönenberger.

Erstellt: 18-04-08
Letzte Änderung: 10-09-08