ARTE: Oliver Schwehm, für Ihren Film „Winnetou darf nicht sterben“ haben Sie den Winnetou-Darsteller Pierre Brice porträtiert und mit der Kamera begleitet. Als Winnetou ist er neben dem Old Shatterhand-Darsteller Lex Barker zum Star geworden. Ist er mit der Rolle auch glücklich geworden?Schwehm: Ich denke, dass er schon sehr glücklich geworden ist mit der Rolle, wobei er das heute allerdings ein bisschen differenzierter sieht. Natürlich war er gerade in den 60er Jahren der Filmstar in Deutschland, war über zehn Jahre lang in allen Zeitschriften, es gab Bravo-Starschnitte, er hat zahlreiche Preise gewonnen usw. Darüber ist er sehr froh und dafür ist er auch dankbar. Er ist aber auch ein wenig – ich will nicht sagen traurig – aber zumindest ist er sich bewusst, dass ihm diese Rolle den Zugang zu anderen Rollen weitgehend versperrt hat. Und er selbst fasst das in die Worte, dass er in Deutschland zeitweise in einem goldenen Käfig gesessen hat. Also, ich glaube schon, dass er sehr dankbar ist, aber er will heute nicht mehr nur mit dem Apachen-Häuptling identifiziert werden und schon gar nicht mehr als Winnetou abgesprochen werden.
ARTE: Hätte er denn lieber andere Rollen gespielt, hätte er gern die Chance ergriffen, mit anderen Rollen vom Winnetou-Image loszukommen?
Schwehm: Das hat er schon zeitlebens versucht. Er hat insgesamt elf Winnetou-Filme gedreht und daneben schätzungsweise fast siebzig andere Filme. Das fand ich auch besonders spannend, dass wir das in Deutschland überhaupt nicht wissen, was er sonst noch gemacht hat. Es gab für ihn eine Zeit vor Winnetou und es gab für ihn eine Zeit nach Winnetou.
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ARTE: Die Karl-May-Verfilmungen der Winnetou-Geschichten waren in den 60er Jahren große Kinoerfolge, allerdings fast nur in Deutschland. In Frankreich ist der Franzose Pierre Brice bis heute kaum bekannt. Wie erklären Sie sich das?
Schwehm: Das ist eine Frage, die ihn natürlich auch Zeit seines Lebens selbst beschäftigt hat: Warum bin ich nicht auch in Frankreich ein großer Star geworden? Zumal er sehr an seiner Heimat hängt und, obwohl er sehr viel in Deutschland gearbeitet hat, immer in Frankreich, in Paris, gelebt hat. Ein Grund dafür ist wahrscheinlich, dass die Karl-May-Verfilmungen so sehr dem deutschen Geschmack entsprochen haben, dass diese Filme kaum zu exportieren waren. Die sind zwar auch in Frankreich gelaufen, allerdings mit weit weniger Erfolg. In Frankreich hat man die eher etwas belächelt und sie als etwas naive Filme abgetan. Interessant ist, dass Pierre Brice 1980 noch einmal eine Fernsehserie in Frankreich gemacht, die heißt „Mein Freund Winnetou“. Die war in Frankreich relativ erfolgreich und auf die ist er auch stolz. Er sagt, dass sei realistischer gewesen, auch härter, und das hätte wenig zu tun gehabt mit der klassischen Naivität und der Romantik der Karl-May-Filme. Allerdings hatte diese Serie dann bei den Deutschen keinen großen Erfolg. Hier gibt es offensichtlich einen ganz grundlegenden Unterschied im Geschmack der Deutschen und der Franzosen.
ARTE: Wie lebt Pierre Brice heute? Er lebt in Paris, und Sie haben auch angedeutet, dass er seinen Frieden damit geschlossen hat, dass er nun mal der Deutschen liebster Indianer ist und immer noch mit dieser Rolle identifiziert wird. Hat er noch Pläne für seine weitere Karriere?
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ARTE: Das wird aber wahrscheinlich kein Indianerroman, oder?
Schwehm: Es wird kein Indianer-Roman, nein. Ich glaube, es hat viel mit seiner eigenen Geschichte zu tun. Soweit ich weiß spielt der Roman im besetzten Frankreich, in der Bretagne zwischen den Jahren 1940 und 1944 und darin hineinverwoben ist eine Liebesgeschichte, aber mehr darf ich wohl nicht verraten.
ARTE: Es scheint ja, als wäre Pierre Brice eine Art ideale Verkörperung des klugen und sanften Apachen-Häuptlings Winnetou gewesen. Warum gerade er, was hat er mitgebracht, das ihn dafür so prädestinierte?
Schwehm: Ich denke, das hat sehr viel damit zu tun, wie er inszeniert wurde. Das wird ja in meinem Film auch deutlich, dass es eher die Ausstrahlung, die Aura war, die hier zählte, und weniger, wie er beispielsweise sprach. Im Gegenteil: Er durfte eigentlich nicht viel sagen, sonst wäre die Wirkung zunichte gewesen. Also es war wohl ganz einfach – und das ist dann natürlich auch die Magie des Kinos – seine Ausstrahlung auf der Leinwand, und dass er dem Zuschauer erlaubte, das, was er, der Karl-May-Leser, über Winnetou schon wusste, in diese Figur hinein zu projizieren.
Das Interview führte Thomas Neuhauser (ARTE / Dezember 2007).






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