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12.05.08 um 22.30 Uhr - 09/05/08

Interview mit Patrice Chéreau

Deutsche Übersetzung


1. Wie sind Sie an die Inszenierung der Oper „Così fan tutte“ herangegangen? Wollten Sie die psychologische Dichte und den Zynismus im Vergleich zu anderen Inszenierungen deutlicher machen?
Patrice Chéreau: "Ich versuche das Material zu inszenieren, das mir zur Verfügung steht, und das sind das Libretto und die Musik. Und zum gegebenen Zeitpunkt versuche ich wirklich, alle Situationen ernst zu nehmen. Guglielmo und Ferrando sagen: „Nein, unsere Verlobten Dorabella und Fiordiligi wären uns nie untreu!“. Don Alfonso erwidert: „Doch, und ich werde es euch noch vor morgen früh beweisen“. Die beiden wetten mit Don Alfonso um Geld, sie wollen Beweise. Und sowohl Don Alfonso als auch die beiden anderen Männer tun alles, um die Wette zu gewinnen. Da beginnt das Ränkespiel: Die Männer täuschen ihre Abreise vor. Wer in einer Beziehung eine Abreise vortäuscht, bedient sich immer der Lüge und begibt sich auf dünnes Eis, spielt mit dem Feuer, geht ein gewaltiges Risiko ein. Später kehren Guglielmo und Ferrando verkleidet zurück und bleiben erfolgreich unerkannt. Dann müssen sie urplötzlich feststellen, dass man Begehren empfinden und dieses auch erwidert werden kann, und zwar nicht nur mit der eigenen Frau.
Ich möchte diese Entwicklung der Dinge nicht werten, da ja kein Vergleich möglich ist. Man sieht die ursprünglichen Paare nie zusammen, nur zum Zeitpunkt des Verabschiedens. Was man sieht, sind die neu formierten Paare, die wie durch Zufall auch musikalisch besser zusammen passen: so kann die Mezzosopranistin mit dem Bariton und der Tenor mit der Sopranistin singen.
Im Anschluss daran kommt eine geradezu unglaubliche Antwort, die niemand bemerkt hatte, und zwar: „Wir müssen sie bestrafen, sie waren untreu“. Sie waren untreu, weil die Männer es so wollten, sie verführt haben. „Dafür sollen sie bezahlen“. „Ich weiß, wie“, sagt Alfonso. „Heiratet sie“. Das habe nicht ich erfunden, es steht so im Text. Also täuscht man eine Hochzeit vor. Und während der Hochzeit – mit einem falschen Notar – heißt es dann: „Sie sind zurück“. Guglielmo und Ferrando verstecken sich in einem Schrank und kehren dann unverkleidet zurück, mit den Worten: „Wir sind wieder da, aber was geht hier vor, warum seht ihr uns so seltsam an?“. In diesem Augenblick wird ihnen der Ehevertrag unter die Nase gehalten, unterschrieben von Dorabella und Fiordiligi, nicht aber von den Männern. Man spricht von Skandal und Verrat, die Frauen bitten um Verzeihung, sie flehen: „Setzt unserem Leben ein Ende“. Man kann dieses Problem nach Belieben drehen und wenden, die Musik kann so charmant sein, wie sie will, es ist und bleibt ein Horrorszenario."



2. Ist bei „Così fan tutte“ die Beziehung zwischen Text und Musik ausgewogen?
Patrice Chéreau: "Die Musik kann Aufschluss geben über Farben, schwere Gedanken, gemischte Gefühle. Worte können das nicht immer. Man muss natürlich sagen, dass dieses Libretto absolut meisterhaft geschrieben ist. Wir hatten einen Heidenspaß dabei, das Libretto auf Italienisch zu spielen – es könnte wirklich fast als Theaterstück durchgehen – aber die Musik hat eine noch stärkere Ausdruckskraft. Gleichzeitig beschreibt dieses Libretto ein hervorragendes Ränkespiel von außergewöhnlicher Freizügigkeit. Ich habe also versucht, mit diesen Elementen zu arbeiten, meine Erzählung so wahrheitsgetreu wie möglich zu gestalten, jedem wohlgesonnen zu sein, niemanden lächerlich zu machen und alle Beteiligten ernst zu nehmen."



3. Mozart hat mehrere Opern mit seinem Librettisten da Ponte geschrieben, unter anderem „Don Giovanni“. Wenn Sie „Don Giovanni“ mit „Così fan tutte“ vergleichen, welches Werk interessiert sie eher und warum?
Patrice Chéreau: "Komischerweise finde ich „Don Giovanni“ weniger gelungen, aber das liegt daran, dass ich ihn inszeniert und dabei gut gelitten habe. Der Grund dafür ist ganz einfach: es gibt zu viele Don Giovannis. So viele, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt beim Verfassen eines vorbestellten „Don Giovanni“ klar war, dass man eine Donna Elvira brauchen würde, eine Donna Anna, und natürlich auch den Kommandantore und den Diener. Ich finde den Rahmen von „Don Giovanni“ sehr beschränkt, man hat wenig Freiheiten. Hier, bei „Così fan tutte“, haben sie die Geschichte selbst erfunden. Es gab vorher nichts, kein Stück von Beaumarchais, keinen Mythos wie bei „Don Giovanni“. Da war nur eine Tradition, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht: die Wette. Wer ist untreu, der Mann oder die Frau? Selbstverständlich steht vorher schon fest, dass es die Frau sein muss."



4. Von Ihnen stammt der Satz, Opernsänger seien Laienschauspieler und zwar im besten Sinne des Wortes. Können Sie uns das näher erläutern?
Patrice Chéreau: "Manche von ihnen wollten ursprünglich Schauspieler werden und sind dann Sänger geworden, aber das ist selten. Die anderen stehen auf der Bühne, weil irgendjemand irgendwann ihre außergewöhnlich schöne Stimme erkannt hat. Manchmal stehen Leute also gezwungenermaßen auf der Bühne, ohne je gelernt zu haben, wie es geht. Was sie mir zu bieten haben, hat einen Touch von Ungeschick und Naivität, was im Übrigen sehr schön sein kann. Was sie aber wissen, hat ihnen allein ihre Erfahrung beigebracht. Ihre Bühnenausbildung heißt „learning by doing“, wie bei den Schauspielern in Kinofilmen, die nie an einer Schauspielschule waren und erst mit der Zeit gelernt haben, Filme zu machen. Das ist eine gute Ausbildung, aber leider nicht immer ganz ausreichend. Man arbeitet also mit Leuten zusammen, die den großen Vorteil haben, ihre Arbeit mit Leib und Seele zu machen, manchmal noch mehr als die Schauspieler, weil sie alles versuchen. Und eigentlich sind sie sogar Sportler, weil sie alles tun, was ich von ihnen verlange, und außerdem noch singen. Und Mozart ist wirklich nicht einfach zu singen. Als ich vor kurzem bei einer der letzten Proben, bei denen ich anwesend war, Ferrando und Fiordiligi bei ihrem Duett der Liebenden beobachtet habe, dachte ich mir: „Das ist ja schrecklich, was ich von denen verlange!“, denn sie müssen eine extrem schwierige Position einnehmen; aber sie schaffen das, das sind Spitzensportler. Davor ziehe ich wirklich den Hut."


5. Wenn man Ruggero Raimondi den Don Alfonso singen lässt, sieht man Raimondi dann nicht permanent in seiner Rolle als Don Giovanni aus Joseph Loseys Film von 1978?
Patrice Chéreau: "Mir ist Don Alfonsos Charakter der liebere, weil er weniger Mythos und mehr Mensch ist. Ruggero Raimondi eine Rolle zu geben ist zunächst einmal sehr einfach, wir hatten wirklich einen unglaublichen Spaß zusammen. Wir sprechen ja beide Italienisch und haben uns königlich amüsiert, den Text zu interpretieren, umzuändern und neu zu erfinden, und außerdem ist Ruggero ein großartiger Schauspieler. Er ist einfach eine beeindruckende Erscheinung, ein eleganter und großzügiger Mensch. Die Zusammenarbeit mit solchen Leuten ist ein reines Vergnügen!"


6. Und die Moral von der Geschicht?
Patrice Chéreau: "Die Oper kann uns Weisheit lehren, so steht es übrigens auch im Libretto: „Doch zum Vorteil Eurer Freunde, Weisheit sollten sie erlangen“. Das heißt, sie machen eine ganz grundlegende Erfahrung, nämlich, dass man mehrere Menschen gleichzeitig lieben kann. Sie alle machen eine grundlegende Erfahrung, nämlich, dass man mehrere Menschen gleichzeitig begehren kann. Und dass man mehreren Menschen gleichzeitig treu sein kann, da interpretiere ich zwar ein klein wenig, aber es kommt trotzdem fast hin, da sie zwei Menschen gleichzeitig die Treue schwören. Beide Mädchen schwören im Wechseln zwei Menschen die Treue. Und genau dieses schwindelerregende Wechselbad der Gefühle in Szene zu setzen, ist einfach toll!"
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Montag, den 12.Mai 08 um 22.30 Uhr
Così fan tutte Live-Ausstrahlung
Oper von Wolfang Amadeus Mozart
ARTE France, Frankreich 2005, 3h30 mit Pause
Moderation: Gérard Courchelle
Regie: Patrice Chéreau
Musikalische Leitung: Daniel Harding
Interpreten: Erin Wall (Fiordiligi), Elina Garanca (Dorabella), Barbara Bonney (Despina), Stéphane Degout (Guglielmo), Shawn Mathey (Ferrando), Ruggero Raimondi (Don Alfonso)
Chor: Arnold Schönberg Chor
Orchester: Mahler Chamber Orchestra
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Erstellt: 09-05-08
Letzte Änderung: 09-05-08