27/09/06
Interview mit Peter Jan Marthé
Von Teresa Pieschacón Raphael
Peter Jan Marthé (Jahrgang 1949) war zu Beginn der Achtziger Jahre Schüler von Celibidache und ist heute Chefdirigent des European Philharmonic Orchestra und Organisator von zahlreichen Klassik Großveranstaltungen. (Klangdom Leutasch, Liebherr- Werk Bischofshoven...)
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- Können Sie Ihre erste Begegnung mit Herrn Celibidache beschreiben?
PJM: Ich begegnete Celibidache das erste Mal in München im Mai 1980, als er mit den Münchner Philharmonikern einen Meisterkurs für Dirigenten abhielt. Eine für mich wahrhaftig umwerfende Begegnung. Ich war fasziniert von seiner außerordentlichen Ausstrahlung. Da stand endlich einer vor mir, der um das Geheimnis der Musik wusste. Andere redeten zwar davon, er aber verkörperte es.
- Könnten Sie anhand einiger Beispiele beschreiben, wie die Arbeit im Konkreten mit ihm vonstatten ging?
PJM: Das, was bis heute in mir unauslöschlich eingegraben ist: von der ersten Minute war er bemüht, uns die BASIS des Dirigierens zu vermitteln - etwas, das ich zuvor von niemand anderem vermittelt bekam. Es gibt für mich nur drei Beispiele einer konkurrenzlosen „Kunst des Dirigierens“: Karajan, Carlos Kleiber und eben - Celibidache. Alle anderen vermögen sich zwar irgendwie dem Orchester mitzuteilen und gewisse Ergebnisse zu erzielen, aber die meisten Dirigenten stolpern über ihren Körper. Celi hat uns dagegen eine „Kunst des Dirigierens“ vermittelt, die darauf abzielt, dass wir völlig frei sind und unser Körper nicht nur nicht ein Hindernis ist, sondern vielmehr der ausschließliche Vermittler des musikalischen Impulses an das Orchester.
Hier trifft sich Celi mit einem der größten Dirigenten überhaupt: Richard Wagner. Wagner postulierte schon im 19. Jhdt., dass es nicht Aufgabe des Dirigenten sei, Takt zu schlagen, damit die Musiker exakt spielen könnten, sondern dass der Dirigent die Aufgabe hätte, durch seine Körpersprache sowohl den Musikern, als auch dem Publikum die tiefere Bedeutung der Musik zu erschließen - eine phänomenale Einsicht eines einzigartigen Genies im 19. Jhdt., die bis heute mehr oder weniger ohne Folgen geblieben ist - bis eben auf Celibidache und - was er gar nicht gerne hörte: auf Karajan!
Wenn ich heute nach so vielen Jahren auf eine Dirigiertechnik bauen kann, die es mir erlaubt, auch schwierigste Werke ohne jeglichen Stress - ganz im Gegenteil, mit viel Spaß - zu realisieren - dann verdanke ich dies dem Celi!
- Wie hat Celibidache seine musikalische Klangvorstellungen vermittelt?
PJM: Er hat uns Augen und Ohren dafür geöffnet, dass alles miteinander in Beziehung steht. Der Anfang mit dem Ende, das Oben mit dem Unten, die dritte Flöte mit der Bratsche. Er hat uns dafür die Augen geöffnet, dass das Studium der Partitur einer „Jupiter-Symphonie“ von Mozart genauso faszinierend ist, wie das vom Staunen geleitete Eindringen in die Gesetzmäßigkeiten der Planetenbahnen oder der ungeheuren Komplexität des Zusammenspiels der biologischen Regelkreise in unserem Körper.
- Inwiefern hat er Ihre Klangwelt geprägt?
PJM: Damit ist doch schon mehr als genug gesagt! Nach den Unterweisungen bei Celi hat sich für mich alles geändert. Ich habe das Leben ebenso wie das Abenteuer der Musik mit völlig anderen Augen gesehen. Ich habe aufgehört, eine Partitur wie bisher nur unter musikspezifischen Aspekten zu sehen. Heute sehe ich die Musik generell (nicht nur die Klassik, sondern auch Pop, Jazz, Rock, HipHop, die echte Volksmusik, die Musik aller Völker) als eine Manifestation dessen, was die einen mit „Gott“ umschreiben, die anderen völlig anders. Eine Einsicht, zu der ich ohne Celi nicht vorgestoßen wäre.
- Wie schwer ist es Ihnen persönlich gefallen, sich neben einer solch starken Persönlichkeit, wie Celibidache sie hatte, zu behaupten und entwickeln?
PJM: Da sprechen Sie einen wunden Punkt an. Selbstverständlich hatte ich von Anfang an ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Celi. Er war einerseits mein ganz großer Lehrmeister und hatte sich damals intensiv mit mir beschäftigt. Zugleich empfand ich ihn aber auch von allem Anfang an gefährlicher als den Todesbiss einer Königskobra!
Er konnte einen versengen wie die Kerzenflamme den Schmetterling, der sich hypnotisiert der Flamme nähert und die Gefahr nicht bemerkt. Ich habe das damals nur allzu oft beobachtet in seiner Umgebung. Und das war sehr heilsam für mich, so dass ich wirklich meinen eigenen Weg gehen konnte und trotzdem heute auf das geistige Erbe Celis aufbauen kann. Umso mehr bewunderte ich seine - seinen anderen Schülern gegenüber selten gezeigte - Größe, indem er mir 1981 zuredete: „Dein Weg verläuft woanders. Was Du suchst, wirst Du hier nicht finden. Geh nach Indien. Du musst nach einem Fundament graben, das tiefer liegt“.
Ich habe dann noch fast sechs Jahre gebraucht, um diesen Schritt zu tun und alles auf eine Karte zu setzen. Am 3. März 1987 hob dann der Flieger nach Indien ab. Er hatte recht, als ich zwei Jahre später zurück nach Europa kam, war ich nicht mehr derselbe, nicht mehr als Mensch - und schon gar nicht als Musiker oder als Dirigent. Ausgerechnet in Indien (!!!) hatte ich meine Berufung zum Bruckner-Dirigenten empfangen - ist das nicht zum Lachen?
- Erinnern Sie sich an ein besonders markantes Erlebnis mit ihm?
PJM: Eines Tages fragte er mich aus heiterem Himmel ziemlich brüsk: warum liebst Du Mozart? (ich hatte ihm einige Tage zuvor von meiner seit dem 14. Lebensjahr bis heute andauernden, glühenden Liebe zu Mozart erzählt). In diesem Moment überrumpelt - wie dies geradezu zu Celis Grundstrategie zählte - war ich jedoch zu nichts anderem fähig, als zu antworten: weil er so schön ist. Celi sah mich mit einem Blick an, den ich nie mehr vergessen werde und sagte: du tust mir leid, du tust mir unendlich leid. Diese Worte und nichts anderes waren es, die bei mir eine fundamentale Neubesinnung auslösten, die mich eben auch nach Indien führten: danach zu suchen, was das wirkliche Geheimnis der Musik ist. Etwas, von dem die traditionelle Klassikbranche meilenweit entfernt ist.
- „ Ich habe", sagte Celibidache, „ unter den 6000 Schülern nicht einen Schüler gehabt, der die Geduld, die Bescheidenheit und den Fanatismus hatte, wirklich durchzuschauen, was das alles ist." Was sagen Sie dazu?
PJM: Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Celi hatte unendlich viel Licht und ebenso unendlich viel Schatten. Der Schatten war der Umgang mit seinen Schülern. Die Zahl „6000“ ist natürlich geradezu lächerlich. Er hatte in Mainz seine Vorlesungen für „alle“. Das waren dann im Laufe der Jahre nicht 6000, sondern sicher bei 20.000! Daneben hat er immer wieder spezifisch mit Dirigenten gearbeitet. Das waren aber sicher nicht „6000“! Nur, er hat sich nie zu seinen Schülern bekannt. Schauen Sie sich dagegen Karajan an, der sich wirklich intensiv und in gleicherweise hingebungsvoll um den Dirigenten-Nachwuchs gekümmert hat. Celi war eben in diesem Punkt äußerst ambivalent. Er hat zwar sein ungeheures Wissen weitergeben, aber an welche Leute? Starke Persönlichkeiten unter seinen Schülern konnte er nicht ertragen, da ist er richtig aggressiv geworden. Leute, die er als seinen „engeren Kreis“ um sich gescharrt hatte, waren alles - nur keine potentiellen Dirigenten von Format.
Wenn ich heute das, was das wirkliche Erbe Celis ist, unbefangen in meiner Mission für Bruckner weitergeben kann, dann nur deshalb, weil ich früh genug zum ihm auf Distanz gegangen bin - aber andererseits lange genug in seiner Nähe geblieben bin, bis ich das, was das Wesentliche war, vollkommen in mich aufgesogen hatte.
Danach habe ich mich vertschüsst - und heute sagen alle nach meinen Bruckner-Aufführungen: hier lebt der Celi weiter.
- Wenn Sie Herrn Celibidache in einem Wort beschreiben müssten, welches wäre dies?
PJM: Shiva - der tanzende Feuergott, der tanzend das Universum erschafft und tanzend ebenso wieder zerstört. Celi war eben sehr ambivalent, was von den Celianern leider oftmals nur zu gerne unter den Teppich gekehrt wird.
Interview: Teresa Pieschacon Raphael (Innsbruck, den 29. Juli 2006)
Erstellt: 27-09-06
Letzte Änderung: 27-09-06