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19/05/05

Interview mit Prof. Dr. Jaqueline Berndt

Derzeit ist die Kunst- und Medienwissenschaftlerin Gastdozentin an der Universität Leipzig und erfrischt den Alltag der Japanologie-Studenten mit faszinierenden Seminaren über japanische Comics und Zeichentrickfilme. Jaqueline Berndt lebt seit fast 15 Jahren in Japan und unterrichtet dort an der Yokohama National University. Mang’Arte nutzte die Gelegenheit, die Dozentin zu ihren Spezialgebieten, der Ästhetik von Comics und visuellen Künsten, zu befragen.

Mang'Arte: Welche grundsätzlichen Unterschiede gibt es zwischen den Vorläufern der Manga aus dem 18./19. Jahrhundert und den modernen Manga, wie wir sie heute kennen? Auf welche Faktoren ist die gegenwärtige Verbreitung hauptsächlich zurückzuführen?

Das Wort ‚Manga’ taucht in Titel japanischer Bücher Anfang des 19. Jahrhunderts auf, bedeutet da aber eher eine Art Ansammlung vieler verschiedener Bilder, oft mit übertriebenen Zügen, die ins Karikatureske gehen, die aber noch nichts mit den heutigen erzählenden Langformen des Comics zu tun haben. Früher bedeutete die Silbe ‚man’ von Manga einfach nur ‚viel’. Diese Bedeutung verändert sich Ende des 19. Jahrhunderts unter dem Einfluss der europäischen Karikatur und der amerikanischen Zeitungskultur, als Japan sich modernisieren wollte. Eliten, denn nur diese hatten damals Zugang zu Zeitungen, greifen dieses Wort auf. Im 20. Jahrhundert verbindet man dann eigene Traditionen mit Einflüssen des amerikanischen Comics. So entstehen die ersten  Kindercomics als Serien, und nach dem Zweiten Weltkrieg folgen die stark dynamisierenden Mangas, wie sie heute noch vorzufinden sind.

Mang'Arte: Ein Drittel aller Druckerzeugnisse in Japan sind derzeit Manga. Monatlich erscheinen rund 300 Manga-Zeitschriften und 400 entsprechende Buchtitel. Derartige Verhältnisse im Comicbereich kann man sich in Deutschland kaum vorstellen. Welche kulturellen Gegebenheiten gibt es in Japan, die eine solche „Manga-Passion“ fördern?
Einer der Hauptgründe liegt erst einmal in der ökonomischen Form, und zwar in der spezifisch japanischen Form der Mangazeitschrift. Bis Ende der 50er Jahre erschienen diese Magazine noch in monatlichen Abständen, danach entstanden Wochenzeitschriften. Jede Woche wurden parallel in einer Nummer mehrere Mangaserien fortgesetzt. Man darf nicht vergessen, dass in Japan Mangas Wegwerf-Lektüren sind, also nicht auf Glanzpapier herausgebracht werden. So kann mehr und billiger gedruckt werden, demnach können mehr Manga-Titel zirkulieren. Daraus ergeben sich viele der heute bekannten  kulturellen Aspekte, etwa dass Manga im Alltag von einer breiten Masse gelesen werden und mittlerweile gesellschaftsfähig sind. In Europa hingegen werden Manga von einer eher kleinen Leserschaft konsumiert.
Mang'Arte: Sie leben mittlerweile seit fast 15 Jahren in Japan, kennen demnach sowohl deutsche als auch japanische Manga-Fans. Haben Sie Unterschiede bei der Rezeption in den verschiedenen Kulturen feststellen können?
Ich bin mir nicht sicher, ob man so stark nationalisieren kann, besonders weil in Deutschland nicht alle jungen Leute Manga lesen. Diejenigen die Manga lesen, verfügen natürlich über ein gewisses Spezialwissen. Aber generell glaube ich, dass die Kontexte verschieden sind. Je nach der Herkunft des Lesers können Interpretationen, auch Perspektiven und Wahrnehmungen variieren.
Mang'Arte: Sehen Sie Unterschiede zwischen deutschen und japanischen Manga, was die Ästhetik und die Thematik der Comics betrifft?

Wenn wir von Manga aus der Hand deutscher Zeichner ausgehen, könnte man diese schnell  als Kopien oder Imitationen abtun, da selbst japanische Namen in deutschen Manga beibehalten werden. Aber man kann darin auch eine ganz eigene, neue Art von Kreativität entdecken. Es geht nicht um Originalität, deutsche Identität oder Verarbeitung von Fremdkulturen, es geht eher um das Aufgreifen von Elementen als „Sprache“ und um deren Neukombination., Zeichner und Leser bauen sich damit eigene Welten, schaffen sich eine Plattform für ihre Kommunikation. Die formal-ästhetischen Aspekte eines Manga sind als isolierte weniger relevant, als die Tatsache wie die Menschen Mangas benutzen. Wann, wo und unter welchen Bedingungen man zu einem Manga greift, kann den Manga an sich schon verändern.

Mang'Arte: Streng gesehen gibt es für jedes Zielpublikum ein eigenes Manga-Genre. Heranwachsende Junge sollten zu Shonen-Manga greifen, Mädchen zu Shojo-Manga, junger Männer werden mit Seinen bedient usw. Halten Sie diese Differenzierungen für gerechtfertigt oder für überspitzt?

Heute ist vieles davon Etikett. Ursprünglich  wollte man dem Publikum, ähnlich wie es Hollywood mit seinen verschiedenen Filmgenres getan hat, mit bestimmten Signalen eine Möglichkeit der Zuordnung geben. Shojo-Manga waren noch in den 70ern tendenziell als ‚Romance’ angelegt, Shonen betonten eher Action. Aber bereits in den 80er Jahren haben sich die ersten Auflösungserscheinungen bemerkbar gemacht. Mittlerweile kann man von einer Durchmischung sprechen. Viele früheren weiblichen Elemente, sind heute in Jungen-Manga vorzufinden und umgekehrt. Interessant ist, dass im japanischen Comic die Genres nicht inhaltlich, sondern nach Geschlecht und nach Altersgruppen sortiert werden.

Mang'Arte: Sobald es um die Zuordnung von Manga in einen Kunstbereich geht, wird oft darüber diskutiert, ob ein Manga eher der Malerei oder doch der Literatur angehört. Wie stehen Sie dazu?

In Japan sind Manga und Anime vor ein paar Jahren offiziell in den Lehrplan der Mittelschulen (Junior Highschools) aufgenommen worden, und zwar im Fach Kunsterziehung. Allerdings finde ich, dass man viel mehr über die Erzählung diskutieren sollte. Eigentlich gehören Manga in den Literaturunterricht, denn  die meisten zeichnen  sich weniger durch eine außergewöhnliche, z.B. malerische  Bildlichkeit aus, sondern mehr durch erzählerische Stärken.

Mang'Arte: Haben Sie Ihren persönlichen „Klassiker“ unter den Manga, ein Werk, das sie immer und immer wieder lesen könnten?
Als Einstieg würde ich drei Titel empfehlen, die in Japan heute als Klassiker gelten: „Akira“ von Ôtomo Katsuhiro, „Paradise Kiss“ von Yazawa Ai und „Nausicaä aus dem Tal der Winde“ von Miyazaki Hayao gehören zu meinen Favoriten.

Frau Prof. Dr. Berndt, ich danke Ihnen für dieses Interview.


Interview wurde von Patricia Czarkowski durchgeführt. Mai 2005

  • Lesetipp:
    Berndt, Jaqueline: „Phänomen Manga“, Comic-Kultur in Japan, Edition q – Verlag, Berlin
    Manga-Beiträge im „Lexikon der Comics“, Corian-Verlag, Meitingen

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Erstellt: 19-05-05
Letzte Änderung: 19-05-05