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Filmstudie eines verblendeten, korrupten Arbeiterfunktionärs, gedreht von Meisterregisseur Jaques Feyder.

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Stummfilm des Monats - Berlin, die Sinfonie der Großstadt - 27/11/07

Interview mit Prof. Thomas Schadt

Interview mit dem Regisseur Prof. Thomas Schadt (Filmakademie Ludwigsburg) über den Dokumentar-Stummfilm von Walter Ruttmann „Berlin. Die Sinfonie der Großstadt“ (1927) und über sein eigenes Remake von 2001.


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(Real Player, 07'15)

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Thomas Schadt, Sie haben 2001 den Dokumentarfilm Berlin - Sinfonie einer Großstadt gedreht, über das heutige Berlin, aber inspiriert von Walter Ruttman und seinem berühmten Film von 1927, Berlin. Die Sinfonie der Großstadt, den ARTE nun in restaurierter Fassung zeigt mit der neu eingespielten Originalmusik von Edmund Meisel. Wie kam es denn zu der Idee, ein Remake beziehungsweise eine Neuinterpretation des Ruttmann-Films zu machen?

Schadt: Ja, also für mich war das wahrscheinlich relativ naheliegend, weil meine Wurzeln in der Fotografie liegen. Und als ich an der DFFB in Berlin studiert habe, das war 1980-1983, da war natürlich der Film von Walter Ruttmann für uns alle und für mich ganz speziell eine wichtige Begegnung. Das hat sich im Gedächtnis so eingespeichert, dass ich dann später, als ich überlegte, wie ich mich noch mal auch photografisch in einem Film ausdrücken könnte, fast zwangsläufig wieder auf diesen Film gestoßen bin.

Wie sehen sie die Beziehungen zwischen ihrem Film von 2001 und dem Film von Walter Ruttmann aus dem Jahr 1927? Wo grenzen Sie sich ab, was haben Sie übernommen?

Wir übernehmen sozusagen das Schwarz –Weiß, das 35 mm-Filmformat, wir erzählen im Prinzip auch einen virtuellen Tag in Berlin, aus einer deutschen Großstadt. Und wir bestücken die Tonebene mit einer eigens dafür komponierten, sinfonischen Musik. Das sind praktisch die offen liegenden Übernahmen. Und die Abgrenzungen sind vielleicht dahingehend, dass ich dem individuellen Antlitz der Menschen in meinem Film mehr Zeit einräume. Ich arbeite auch mit weniger Schnitten als Walter Ruttmann, mein Film ist also auch langsamer im Rhythmus und wahrscheinlich ist er auch berlin-spezifischer als der Film von Walter Ruttmann.

Wobei Sie einen feinen Unterscheid im Titel gemacht haben: „Berlin - Sinfonie einer Großstadt“, heißt Ihr Film - Ruttmanns Original-Titel ist: „Berlin. Die Symphonie der Großstadt“.

Richtig, das kam zustande, als wir mit Frau Riehl, die ja als Tochter von Walter Ruttmann die Rechte hält, übereingekommen sind, dass man einen Unterschied finden muss, damit es nicht denselben Titel zweimal gibt. Und dann haben wir uns darauf geeinigt, dass wir meinem Film praktisch diesen vielleicht eingängigeren Titel geben, weil die meisten mit dem alten Film auch nicht den Titel „Berlin, die Sinfonie der Großstadt“ in Verbindung bringen. Die meisten denken immer nur: „Berlin, Sinfonie einer Großstadt“. So war das dann naheliegend, dass man da einen feinen Unterscheid macht, um dem alten Film von Ruttmann auch seine ganz spezifische Originalität zu erhalten.

Also nicht, um damit einen höheren Grad an Allgemeingültigkeit auszudrücken?

Nein, nein, überhaupt nicht.

Wie sehen Sie die Grundhaltung des Ruttmann-Films zu diesem Rhythmus der Metropole, zu den sich rapide verändernden Arbeits- und Lebensbedingungen der Großstadt damals? Glauben Sie, dass er eher eine kritisch-ablehnende Haltung hat, oder ist er fasziniert-affirmativ?

Ich denke, er ist auf jeden Fall stark fasziniert. Er kommt ja von der Malerei, er war sehr stark an Bewegung interessiert, und der Film ist natürlich sehr zukunftsorientiert, nach vorne gerichtet in seiner Aussage: Seht her, so stelle ich mir die Stadt der Zukunft vor. Mit dem ganzen Glauben daran, dass es gut ist, was die neue Technik hervorbringt. Auch das neue Tempo und der Rhythmus der Maschinen und der Rhythmus der Menschen, die sich dazu bewegen. Das ist schon sehr positivistisch, kann man fast sagen, und er hat sich auch ganz bewusst für bestimmte soziale Motive und kritische Stimmen, die es damals natürlich auch gab, nicht besonders interessiert, wahrscheinlich weil es nicht in sein künstlerisches Konzept gepasst hat. Also er nach vorne ausgerichtet auf die Stadt der Zukunft. Da ist es vielleicht auch wieder ganz interessant, dass wir in unserem Film versucht haben, das aufzugreifen und ihm eine Antwort darauf zu geben: Was ist eigentlich aus dieser Vision der „Stadt der Zukunft“ geworden. Insofern ist mein Film auch der Versuch, darzustellen, was aus dieser positivistischen Vision geworden ist. Da sind inzwischen eben viele Dinge passiert, es gab die bekannten negativen Entwicklungen in den Großstädten im Lauf der Geschichte, die zur Folge hatten, dass sich die Vision von Walter Ruttmann eben nicht erfüllt hat.

Also bei Ruttmann noch eher die Faszination von der rapiden Industrialisierung, von der neuen Technik, vielleicht auch im Sinne der Futuristen, und bei Ihnen dann die Antwort: Seht her, die Technisierung, die Entwicklung der Großstadt und die neue Arbeitswelt - Arbeitsteilung, Entfremdung, harte Arbeitsbedingungen - ist nicht das geworden, was Ruttmann damals darin sah?

Nehmen wir einfach mal ein Beispiel aus den beiden Filmen. Er hat damals gezeigt, wie die Arbeiter zur Fabrik gehen, das waren damals natürlich Tausende, das sind bei ihm faszinierende Bilder voller Menschen. In unserem Film sieht man zuerst einmal nur große, leere Hallen und dann eine Hand und dann einen Menschen, ein Gesicht, weil sich eben da das Verhältnis von Mensch und Maschine inzwischen auch grundlegend verändert hat.

Man kann vielleicht sagen, dass es Ruttmann noch gelungen ist, die Großstadtwirklichkeit und –atmosphäre in ihrer Vielfältigkeit und Simultaneität auch durch Kamera- und Montagetechnik einzufangen. Ist das heute nicht alles viel zu komplex und unübersichtlich geworden für ein solches Unternehmen?

Ich würde sagen, das ist mehr eine Haltungsfrage. Natürlich, Walter Ruttmann hat ganz mutig und konsequent ein bestimmtes Lebensgefühl behauptet, das er mit seinen Bildern zum Ausdruck bringen wollte, und das er mit so einer Stadt in Verbindung brachte. Wir waren immer der Meinung, dass man das heutzutage so nicht mehr machen kann, weil einfach zu viele verschiedene Lebensgefühle täglich gleichberechtigt und ganz dicht nebeneinander in so einer Stadt zu finden sind. Auch darin unterscheidet sich unser Film von Ruttmann, weil wir sehr viel mehr unterschiedliche Lebensgefühle und Wirklichkeitserfahrungen zulassen. Dadurch wird unser Film natürlich auch sehr viel disparater und disharmonischer als der Film von 1927.

Die Veränderung der Großstädte geht ja nach wie vor sehr rapide voran und auch die damit verbundenen Lebensbedingungen in den Metropolen. Auch Berlin hat sich seit ihrem Film von 2001 schon wieder erheblich verändert. Könnten Sie sich vorstellen, dass man so was in einigen Jahren noch mal versucht, die Großstadt filmisch einzufangen?

Ja, ich habe immer schon gesagt , man müsste über den Lebensraum Großstadt – das muss jetzt gar nicht unbedingt Berlin sein - viele verschiedene Stadtfilme machen. Ich bin mir sicher, dass in einem gewissen Abstand zu meinem Film auch wieder jemand den Versuch unternehmen wird. Vielleicht gar nicht in Anlehnung an die beiden Filme, die es jetzt schon gibt, sondern vielleicht in einer ganz anderen Form versuchen wird, einen Großstadtfilm zu machen. Ich glaube auch, dass jede Stadt da sehr viele unterschiedliche Interpretationen und künstlerische Formen zulässt - was es ja auch immer wieder spannend macht.

Professor Thomas Schadt, vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Thomas Neuhauser (ARTE / November 2007)

Erstellt: 27-11-07
Letzte Änderung: 27-11-07