Herr Vargas, Sie machen weder durch Bodybuilding noch durch schlechtes Benehmen oder Publikumsbeschimpfung auf sich aufmerksam wie manche Ihrer Kollegen. Ihr künstlerischer Werdegang hat sich über Jahrzehnte im Stillen abgespielt ...
Ramón Vargas: Ich stamme aus Mexiko-Stadt, wurde dort 1960 geboren. Es gab keine Musiker in der Familie; mein Vater war in der Milchwirtschaft tätig. Es gab nur ein kaputtes Radio und einen Fernseher. Wir sind neun Geschwister. Ich gehöre zu den Jüngsten.
Und wie kam die Musik in Ihr Leben?Mir hat die Musik immer sehr gefallen, ich mochte es zu singen. Mein Bruder war im Chor der Basilika von Guadalupe, dem Nationalheiligtum Mexikos, und mein Traum war es, zu diesem Chor zu gehören. Eines Tages gab es Prüfungen und man nahm mich auf. Nach zwei Monaten war ich bereits Solosänger. Wir sangen ein sehr vielfältiges Repertoire, das von der Gregorianik über Vivaldi und Bach bis zu Haydn reichte, manchmal war auch eine Messe von Gounod dabei. Wir sangen sämtliche Offiziumsgesänge der katholischen Liturgie, zu den Laudes, die Matutin, die Vesper etc. Oft verstand ich gar nicht, um was es ging. Doch es war eine sehr glückliche Zeit, ein Leben zwischen Musik und Mysterium.
Mysterium?
Wir lebten tagsüber in einer alten Basilika, einem Bau aus dem frühen 16. Jahrhundert. Man sprach viel von den tragischen Ereignissen, die in dieser Basilika in früherer Zeit stattgefunden hatten, von den eingemauerten Menschen, von Geistern und anderen schauerlichen Dingen. Manchmal fielen Teile von Skeletten herab, während wir sangen ...
Wer war denn eingemauert worden?
Die Nonnen aus dem Kapuzinerkloster, das neben der Basilika steht. Die Basilika von Guadalupe ist an einen Hügel angelehnt, eine Seite ist sogar in reinen Stein gehauen. Der Konvent der Kapuzinerinnen allerdings wurde noch auf einem einstigen See erbaut, auf dem ganz Mexiko-Stadt steht. Über die Jahrhunderte hinweg begann nun das Kloster zu sinken. Lange Zeit hatte man die Befürchtung, dass bald auch die Basilika einstürzen würde. Als ich im ersten Jahr dort war, fingen die Renovierungs- und Rettungsarbeiten an; man versuchte das Ganze mittels hydraulischer Technik zu nivellieren. Es gab aber keine Pläne. Und so war es für die Ingenieure ein großes Problem, die Grundpfeiler des Gebäudes zu finden. Sie mussten überall Löcher bohren und schauen, um etwas über die Struktur des Gebäudes zu erfahren. Und da fanden sie die Gebeine ...
Eine wunderbare Zeit für einen abenteuerlustigen Jungen ...
Ja. Manche allerdings hat das etwas traumatisiert. Die großen Jungs haben uns nämlich ziemlich böse Streiche gespielt.
Sie aber hat noch etwas anderes schockiert: Ihre Stimme nach dem Stimmbruch ...
O, ja! Als Kind hatte ich eine geradezu engelhafte Stimme, ich sang nicht im Falsett wie viele andere; das klingt dann immer wie ungestimmte Flöten. Ich hatte bereits Atemstütze und noch mit fünfzehn hatte ich diese Stimme. Als meine Stimme dann anfing, sich zu verändern, war ich ziemlich schockiert. Ich fühlte, ich hätte überhaupt keine Stimme mehr, und ich beschloss, nicht mehr zu singen. Ich fing an Pädagogik und Psychologie zu studieren und wollte Soziologe werden.
Trotzdem hat man Sie aber noch zu den Serenatas geholt, die lateinamerikanische Version der Ständchen für ein verehrtes Mädchen.
Ja, ja (lacht). Dafür reichte es noch. Ich war der offizielle Serenatero. Ich sang für die Freundinnen meiner Freunde. In Europa gibt es eine solche Tradition bei Jugendlichen nicht; so mancher würde bestimmt gleich nach der Polizei rufen.
Hat sich da nicht auch das eine oder andere Mädchen in den Jungen mit der schönen Stimme verguckt?
Nein - für die Mädchen war ich so etwas wie ein Cyrano de Bergerac. (lacht)
Apropos Nase: wird in der Opernwelt zu sehr auf Äußeres geachtet?
Die Opernwelt ist fantasievoll und glamurös. Es gibt etliche, die denken, das sei das Leben, die brauchen diese Show. Und ich kann das sogar gut verstehen: die Gefahr ist sehr groß, dieser schönen Schein-Welt mit ihren falschen Schmeicheleien zu erliegen. Es ist viel schwieriger, den grauen Alltag zu akzeptieren. Schauen Sie sich die Callas an; sie liebte diese glamuröse Welt und deren Gesellschaft, und als sie merkte, dass dies nicht wirklich die Erfüllung brachte, wurde sie eine sehr unglückliche Frau.
Ich hatte mal mit einem jungen Tenor zu tun, der sich weigerte, sich ungeschminkt fotografieren zu lassen ...
Ja, das ist ein Problem von vielen Opernsängern. Die leben nur über ihr Image. Leider leben wir in einer Zeit, in der das sehr wichtig ist. Der Sänger wird nicht mehr durch seine Kunst bewundert, sondern durch sein Äußeres oder einen Typ, den er verkörpert.
Gab es Leute, die Ihnen ein Image aufpfropfen wollten?
Nein, nicht wirklich; aber ich muss zugeben: als ich einmal in der Zeitung Fotos von mir sah, die anlässlich eines Interviews von mir gemacht wurden, dachte ich, mein Gott wie schrecklich sind diese Bilder! Als hätten sie die schlimmsten ausgesucht. Schauen Sie, wenn man von Ihnen ein Foto macht, dann werden Sie immer gut rauskommen, weil Sie eine schöne Frau sind. Aber manche Menschen brauchen eine kleine Hilfe, so wie ich. (lacht)
Wann fühlen Sie sich am treffendsten in Zeitungsberichten dargestellt?
Also auf keinen Fall, wenn nur drin steht, welche Rollen ich wo gesungen habe. Das interessiert doch niemanden, ob ich in der Met debütiert habe oder sonstwo gesungen habe. Das machen ab einen bestimmten Niveau doch alle. Ich wünschte, die Journalisten könnten Spezifischeres oder auch Persönlicheres von mir sagen.
Dann überlasse ich Ihnen das Wort: Könnten Sie Ihren Gesang charakterisieren?
Ich bin ein Belcanto-Sänger; lange Phrasierungen liegen mir mehr als kürzere Phrasierungen. Das ist meine Spezialität. Schwierige Partien singe ich lieber ein paar Jahre zu spät als ein Jahr zu früh. Das wichtigste ist, dass jeder sich selbst erkennt, damit seine Interpretation besser wird. Das hat die Callas geschafft. Sie war so gesegnet. Ich begann sie eigentlich erst zu schätzen, als ich mich immer mehr in die Musik vertiefte.
Ich bin ein eher sinnlicher Mensch und mich beeindrucken Stimmen, die schön sind. Doch die Stimme der Callas war nicht wirklich schön oder nicht immer schön - je nachdem, was sie sang. Am Anfang fand ich es eher schrecklich, wie sie sang. Ich war ein Tebaldi-Fan. Später aber merkte ich, dass die Callas einen Ausdruck in ihre Stimme legte, der unverwechselbar war. Ein Künstler ist umso größer, je mehr er die Fähigkeit hat, seinen Gesang mit der eigenen Persönlichkeit zu imprägnieren. Und sie konnte es wie kein anderer. Man braucht dazu auch persönliche Erfahrungen, wenngleich es auch sehr sensible Menschen gibt, die das entwickeln können, auch wenn sie es noch nicht erlebt haben.
Unlängst war ich in Japan und habe im "Rigoletto" unter Riccardo Muti gesungen. Da ist eine Arie des Rigoletto, die den Schmerz des Vaters wiedergibt, der seine Tochter gedemütigt und betrogen sieht. Da war ein sehr guter, aber auch sehr junger Bariton in der Rolle des Rigoletto und Dirigent Muti sagte zu ihm: "Sie sind sehr jung. Sie wissen nicht, was der Schmerz ist. Wie gut! Machen Sie weiter so!" (lacht) In solchen Situationen muss man einfach selber Kinder haben, um das nachzuempfinden.
Wie sehr kann eine gute Technik so etwas ausgleichen?
Nicht soviel, wie manche immer glauben. Manche haben eine sehr gute Technik, können aber nicht wirklich interpretieren. Alles klingt fad und langweilig. Ich glaube, die Interpretation ist wie die Hand und die Technik wie ein Handschuh aus feinstem Gewebe, der sich entsprechend den Handbewegungen anpasst. Er darf nur niemals zur Eisenhand werden.
Sie haben zusammen mit Vesselina Kasarova Donizettis "Favorition" in der Originalsprache Französisch gesungen ...
Wir haben lange mit der Entscheidung gerungen. Französisch im Original ist schwierig, rein phonetisch gesehen. Aber die Oper bekommt in ihrer Originalsprache einfach einen anderen Charakter; sie ist zärtlicher, romantischer. Die italienische Version wirkt viel spontaner, direkter und hat sich wohl deshalb früher durchgesetzt, war erfolgreicher.
In einem Interview äußerten Sie, das Ihnen der Fernand aus der "Favoritin" besonders liegt, weil er eine Frau liebt, die einem anderen gehört ...
Ja. (lacht) Das ist mir bei meiner ersten Liebe passiert. Nun aber habe ich eine Frau und ein kleinen Jungen, die in Mexiko leben. Ich lebe in der Schweiz oder in Hotels. Ich bin Mexikaner, der Junge soll seine Wurzeln dort haben, und er soll sie schätzen lernen. Vorher waren wir oft zusammen; jetzt, da er in der Schule ist, ist es schwierig.
Was erfüllt Sie in Ihrer Laufbahn mit Zufriedenheit?
Ich habe vieles im Gesang erreicht, rein technisch und interpretatorisch gesehen. Ich habe gelernt mich zu öffnen und auf der Bühne das Gleichgewicht gefunden. Nun interessiert man sich für mich. Ist das nicht wunderbar, dass ich jetzt mit Ihnen reden kann, dass man mir kluge Fragen stellt? (allgemeines Lachen)
Interview: Teresa Pieschacón Raphael






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