Mang'Arte: Welche Manga waren die ersten, die Du gelesen hast? Und liest Du auch andere Comics – etwa französische oder deutsche? Wenn ja, welche?Weil mir die Welt der Manga anfangs sehr fremd war, habe ich zu Beginn alles gelesen, was ich entweder graphisch ansprechend fand oder bei dem mir die Story gut gefallen hat. Von Akira beeinflusst, blieb ich zunächst im Science-Fiction Bereich. Die düster- melancholischen Cyborg-Geschichten von Neon Genesis Evangelion oder Ghost in the Shell faszinieren mich noch heute. Andere Serien wiederum schätze ich, weil sie witzig sind, wie beispielsweise Ranma ½ von Rumiko Takahashi oder One Piece von Eiichiro Oda.
Meine Comicleidenschaft hatte aber mit den Autorencomics begonnen und diesen bin ich auch treu geblieben. Die Comics, die ich derzeit lese, stammen größtenteils aus dem europäischen und amerikanischen Raum. Allen voran möchte ich Moebius alias Jean Giraud als meinen Lieblingszeichner nennen! Er lässt sich schlecht auf ein Genre oder einen Zeichenstil festlegen, weil er von Western- über Fantasygeschichten, bis hin zu schwer verständlichen Autorencomics alles ausprobiert. Weitere Favoriten sind Lewis Trondheim, Guy Delisle, Art Spiegelman, Hugo Pratt, Isabelle Kreitz, Marjane Satrapi, Ulf K., Mawil, Lorenzo Mattotti, Max, Jacques Tardi, Schuiten/Peeters, Marc-Antoine Mathieu, Enki Bilal, Alan Moore, Frank Miller, Will Eisner und Craig Thompson.
Mang'Arte: Du studierst Geschichte und hast Deine Magisterarbeit über den Manga „Barfuss durch Hiroshima“ von Keiji Nakazawa geschrieben. Wie entstand diese Idee?Ich habe an der Universität ein Seminar mit dem Thema „Selbstzeugnisse in den Geschichtswissenschaften“ belegt. Wir untersuchten Kriegstagebücher, Briefe oder Interviews von Augenzeugen als historische Quellen. Während dieses Seminars kam mir die Idee, dass man mit einer ähnlich wissenschaftlichen Methode autobiographisch-historische Comics analysieren könne.
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt einige Comic-Autobiographien mit Begeisterung gelesen, unter anderem Marjane Satrapi’s Darstellung über deren Kindheit im Iran und Joe Sacco’s Comic-Reportagen aus Palästina und Sarajewo. Besonders fasziniert hatte mich aber Maus von Art Spiegelman. In diesem Comic setzt sich der Zeichner mit der Holocaust-Vergangenheit seines Vaters auseinander. Gleichzeitig entwickelt Spiegelman seine eigene Lebensgeschichte, welche durch die schrecklichen Erinnerungen seines Vaters dominiert wurde. Die beiden Geschichts-Dozenten, welche das Seminar geleitet haben, waren sehr tolerant und ich konnte meine Seminararbeit über Maus schreiben.
Das Thema Autobiographie und Comic hat mich für den Rest meines Studiums nie so ganz losgelassen. Die Idee, meine Abschlussarbeit über ein Comic-Thema zu schreiben, wurde immer konkreter. Ich hatte Glück und konnte die beiden Dozenten ein weiteres Mal begeistern und dabei fiel die Wahl auf Barfuss durch Hiroshima von Keiji Nakazawa.
Mang'Arte: Welche Forschungsziele hast Du mit Deiner Manga-Arbeit verfolgt und zu welchen Ergebnissen kamst Du dabei?Bevor ich zu den Zielen und Ergebnissen meiner Forschungsarbeit komme, möchte ich zunächst auf den Inhalt und die Entstehungsgeschichte von Barfuss durch Hiroshima eingehen. Keiji Nakazawa ist als sechsjähriges Kind Augenzeuge des Atombombenabwurfs über Hiroshima geworden. Ein Großteil seiner Familie verstarb während des Flammeninfernos oder später an den Folgen der Strahlenkrankheit. Anfang der 70er Jahre verarbeitet Nakazawa sowohl seine eigenen traumatischen Erinnerungen als auch die Aspekte der Leidensgeschichten anderer Bombenopfer in Barfuss durch Hiroshima. Der tabuisierte Umgang der japanischen Öffentlichkeit mit den Atombombenabwürfen, welcher sich unter anderem auf die Zensurbedingungen der amerikanischen Besatzungsmacht zurückführen lässt, motivierte Nakazawa zusätzlich, seine Manga-Autobiographie zu verfassen. Als Teil der Populärkultur bot dieser Manga eine Art Plattform, um der Diskriminierung der „Hibakusha“ in Japan (japanische Bezeichnung der Atombombenopfer) entgegenzuwirken. Auch in Deutschland hat Barfuss durch Hiroshima sozusagen Manga-Geschichte geschrieben: Er war im Jahr 1982 der erste Manga, der auf dem deutschen Comicmarkt erhältlich war.
Die Grundfrage, die ich mit meiner Magisterarbeit beantwortet habe, war, inwiefern sich Barfuss durch Hiroshima als historische (Bild-)Quelle auswerten lässt. Dabei habe ich die Analyseschwerpunkte auf die Darstellung von „Geschichte und Erinnerung“ festgelegt. Für die Untersuchung eines Bildmediums kommt dabei noch eine andere Komponente hinzu: die Wechselwirkung zwischen der Bild- und Textebene, welche unter anderem über die Symbolik des Manga geleistet wird.
Der Analyseteil meiner Forschungsarbeit ist in fünf verschiedene Bereiche eingeteilt: Autobiographie, Augenzeuge, autobiographisches Zeugnis, Darstellung von Geschichte und Bildästhetik des Manga.
Auf der autobiographischen Ebene von Barfuss durch Hiroshima standen die persönlichen Erinnerungen an den Kriegs- und Nachkriegsalltag und die Ausgrenzung seiner Familie aufgrund der politischen Einstellung seines Vaters im Vordergrund. Nakazawa fokussierte zudem bestimmte Aspekte seiner Augenzeugenschaft im Manga, beispielsweise die Darstellung des Todes. In der Bildanalyse wurde die visuelle Umsetzung jener „Todesmomente“ detaillierter untersucht. Bei einem Abgleich einiger Interviews mit der Handlung des Manga stieß ich auf einen bis dato unerforschten Aspekt: die traumatischen Erinnerungen und die Trauerbewältigung des Zeichners innerhalb anderer Opfergeschichten. In der Analyse der Geschichtsdarstellung lag der Fokus auf den drei wichtigsten Ereignissen japanischer Nachkriegsgeschichte: der Kapitulation Japans, der Besatzungszeit und der Erinnerung an den Atombombenabwurf. Der abschließende Teil befasste sich mit der Analyse der Bildästhetik und deren Funktion innerhalb des Manga.
Das Ergebnis meiner Forschungsarbeit lässt sich wie folgt zusammenfassen: Die Manga-Autobiographie Nakazawas kann als Lektüre seiner Trauerbewältigung, Zeitzeugnis, Aufklärung- und Unterhaltungsmedium gelesen werden. Oder um mit den Worten von Andreas Platthaus, eines bekannten Journalisten und Comickenners zu sprechen: „Man liest einen Comic, der Geschichte geschrieben hat, indem er einfach Geschichte beschreibt.“
Mang'Arte: Innerhalb Deiner Magisterarbeit hast Du also einen Manga auf wissenschaftliche Weise analysieren müssen. War es eine Herausforderung, einen Manga, der sonst zur Unterhaltung dient, als wissenschaftliches Instrument zu bearbeiten?Ja, die Herausforderung blieb bis zur endgültigen Abgabe der Arbeit bestehen und zeichnete sich auch schon zuvor in Form kleinerer Hürden ab. Zunächst ist die Comic- und Mangaforschung im deutschsprachigen Raum in keiner bestimmten universitären Disziplin verankert. Das heißt viele der wissenschaftlichen Beiträge sind weder in Datenbanken noch in Bibliotheken erfasst. Andere findet man nur in den entsprechenden Fachzeitschriften, die man sich zwar kaufen, aber nicht ausleihen kann. Ohne Beziehungen zur „Szene“ hätten sich die Recherchen für meine Arbeit noch mühseliger gestaltet. Deswegen möchte ich mich auf diesem Weg bei allen Freunden bedanken, die mir ihre Sammlung an Fachzeitschriften überlassen haben und der Presseabteilung des Carlsen Verlags ein großes Lob aussprechen.
Nachdem nun die organisatorischen Hürden aus dem Weg geräumt waren, musste ich eine geschichtswissenschaftliche Methodik entwickeln, mit welcher sich das Bildmedium sozusagen dechiffrieren ließ. Mit der darauf aufbauenden Analyse von Barfuss durch Hiroshima begab ich mich auf Forschungsneuland. Ausgenommen von ein paar Beiträgen einiger Fachzeitschriften und Rezensionen, ist mir keine weitere deutschsprachige Publikation bekannt, die sich in diesem Umfang mit dem Manga Nakazawas beschäftigt hat. Dieses Faktum sah ich während des Schreibprozesses zuweilen als Chance, manchmal aber auch als Hürde.
Mang'Arte: Worin siehst Du das Besondere bei Mangas? Worin unterscheiden sie sich von deutschen oder internationalen Comics generell?Manga unterscheiden sich in vielen Dingen von europäischen und anderen Comics und darin liegt zugleich ihre Besonderheit. Zunächst zeigen sie ihrer Leserschaft einen völlig exotischen Kulturkreis auf. Nahezu jede Thematik und jedes Genre wird zu einer Manga-Serie verarbeitet. Es gibt Serien über Büroangestellte, Homosexuelle, Samurai oder ganz praxisorientierte Anleitungen zum Go-Spielen. Die symbolische Bildersprache japanischer Erzeugnisse bedarf eines geübten Lesers. Beispielsweise können „herabfallende Kirschblüten“ als Symbol der Vergänglichkeit im Manga auf den bevorstehenden Tod eines Protagonisten hindeuten. Ein europäischer Autorencomic ist meist nach wenigen Alben abgeschlossen. Die Handlung des Manga hingegen dehnt sich geradezu episch auf viele Bände aus. Auch die Erzählstruktur ist viel dynamischer angelegt. Der Manga-Leser „fliegt“ mit den Augen von Panel zu Panel. Weitere Unterschiede sind im japanischen Zeichenstil und der Perspektive auszumachen.
Mang'Arte: Welche Manga-Genres begeistern Dich besonders? Was ist für Dich ein gelungener, ein richtig guter Manga?Ich lese gerne Manga aus den Bereichen Krimi, Geschichte, Science-Fiction und Fantasy. Wenn ich gut unterhalten werde, sei es jetzt auf humorvolle, spannende, traurige oder irritierende Art und Weise.
Mang'Arte: Was liest Du derzeit gerade und auf welche Neuerscheinung wartest Du bereits sehnsüchtig?Momentan lese ich Adolf von Osamu Tezuka. Das ist eine fiktiv-historische Krimigeschichte, in welcher es um die Jagd eines geheimen Dokuments geht, das die jüdische Abstammung von Adolf Hitler belegt. Das lese ich allerdings nicht als Historikerin, sondern einfach nur der Unterhaltung wegen. Zudem warte ich gerade auf zwei Bände von Jiro Taniguchi aus dem Carlsen-Verlag: Vertraute Fremde und Die Sicht der Dinge.
Mang'Arte: Hast Du einen Manga-Favoriten, den Du immer und immer wieder liest?Ganz klar Akira, die Serie mit der meine Leidenschaft für den Manga begonnen hat!
Interview wurde von Patricia Czarkowski durchgeführt. September 2007.