01/12/05
Interview mit Rolando Villazón
Von Teresa Pieschacón Raphael
Künstler S-Z
- Anna und Ines Walachowski
- Interview mit dem Pianisten Lars Vogt
- Rolando Villazón und Anna Netrebko
- Salminen, Matti
- Savall, Jordi
- Seiffert, Peter
- Skride, Baiba
- Staier, Andreas
- Stromberg, Tom
- Thielemann, Christian
- Traub, Yaron
- Urmana, Violeta
- Vargas, Ramón
- Vengerov, Maxim
- Villazón, Rolando
- Volodos, Arcadi
- Wand, Günter
- Zinman, David
- Znaider, Nikolaj
Herr Villazón: Warum wollten Sie zunächst Priester werden?
Meine Familie ist katholisch und auch die Schule, in die ich gegeben wurde, nachdem man mich aus der deutschen Schule in Mexiko hinausschmiss, weil ich so ein schlechter Schüler war, war katholisch orientiert. Die Schule wurde ganz im christlichen Geist des französischen Pädagogen Jean-Baptiste de la Salle (1651-1719) geführt, der 1900 heilig gesprochen wurde. Ich wollte ein solcher Bruder, ein Lassallist werden. Heute, aus der Distanz glaube ich eher, dass ich einfach nur eine beeindruckende Persönlichkeit werden wollte. Schauen Sie sich die Rituale um den toten Papst an, der weiße Rauch, die Inthronisierung des Nachfolgers, die roten Roben... Das ist doch eine einzigartige Performance...
... Oper pur! So falsch lagen Sie also damals schon nicht.
Nein (Lachen). Dennoch gab es auch eine mystische Komponente in meinem Tun. Die Gestalt Jesu interessiert mich nach wie vor leidenschaftlich, ein Mann, der mit seiner Ideologie eine ganze Welt veränderte. Ich wollte wirklich das Armuts- und Gehorsamsgelübde ablegen...
... Auch das Keuschheitsgelübde?
Sie sind frech! (Lautes Lachen). Ich war sogar einige Monate als Missionar unterwegs in Mexiko in Sandalen und einer Tunika in den Bergen und lebte mit den Brüdern Lasallistas. Ich las Evangelien, theologische Traktate, und James Joyces, „Porträt des Künstlers als junger Mann“. Das hatte großen Einfluss auf mich.
... Joyces Schwierigkeiten in der Schule und mit dem Erwachsenwerden, sowie seine Auseinandersetzung mit dem irischen Katholizismus?
Ja. Ich glaube, dass das, was ich auf der Bühne mache, auch einen mystischen Aspekt hat. Deshalb kann man ein Künstlerleben durchaus mit einer religiösen Berufung gleichsetzen. Es speist sich aus der gleichen Quelle, erfordert die gleiche Leidenschaft und die gleiche Hingabe. Natürlich wird mir ein Priester sagen, das seine Aufgabe viel größer und hehrer sei – dennoch: ich lebe geradezu religiös meine Hingabe zur Musik aus.
... aber ohne Sandalen und weniger Kasteiungen
(Lautes Lachen) Je nachdem, was der Regisseur so alles will. (Lachen). Ich möchte nicht oberflächliche Unterhaltung machen, sondern Spuren in der Seele hinterlassen, meine Energie, mein Feuer mit dem Publikum teilen. Kunst ist die Seele der Gesellschaft; sie ist kein Accessoire, sie stellt eine Welt dar, die uns sensibel und empfindsam macht.Das Ziel ist dann erreicht, wenn eine Art Kommunion zwischen den Künstlern, der Musik und dem Publikum entsteht. Wenn in diesem Moment vergessen wird, dass es einen Berlusconi gibt, dass es Kriege gibt, dann habe ich schon sehr viel erreicht. Ich glaube, auf der Bühne wird mittels Musik unser Unterbewusstsein inszeniert, und deshalb berührt es uns so. Wenn wir dort Gefühle herausschreien, starke Emotionen herausweinen, sei es mit Geigen oder ohne, dann mag das manchmal übertrieben sein, denn wir leben das natürlich im wahren Leben so nicht aus, aber nach innen schon. In uns spielt sich innerlich oft eine Oper ab. Mit all den Übertreibungen, die wir manchmal auf der Bühne erleben. Deshalb wir Oper immer modern sein, und alle ansprechen, Junge wie Alte.
Ihr Vater war Manager in einer Plattenfirma, rührt daher Ihre Liebe zu Musik?
Vielleicht. Er arbeitete bei CBS, heute Sony Music in Mexiko, im operativen Geschäft. Ich bin 1972 in Mexiko City geboren, habe eine jüngere Schwester, bin aber der einzige Verrückte...
Wann haben Sie denn das gemerkt?
(Lautes Lachen). Von klein auf, ich wollte ständig die Aufmerksamkeit, liebte es, in Figuren zu schlüpfen und jeder musste mir zuschauen. Als ich als Kind einmal eine Zeichnung von Huckleberry Finn sah, im Overall und barfuss, ging ich barfuss auf die Strasse, weil ich das Gefühl von Freiheit nachempfinden wollte. Besonders liebte ich den Don Quichotte, das mystische, idealistische Element seines Wesens. Aus Rohren und Kartons bastelte ich mir eine Armatur, ein Besen diente als Lanze. Zufällig bekam ich zu jener Zeit ein neues Fahrrad geschenkt, fand aber, dass es zu einem Don Quijote nicht passte. Rosinante ist ja ein alter Gaul. Also habe ich das Fahrrad kaputtgemacht, ging damit hinaus und sang „Yo soy Don Quijote!...“ (singt, Lautes Lachen). Mit sechzehn las ich eine Biografie von Mahatma Gandhi
Da sind sie ja wieder die Sandalen...
(Lachen) Ja, ich kaufte mir eine Brille und eine lange Tunika. Ich mußte mich immer inszenieren. In der Kunstschule verehrte ich meinen Lehrer so, dass ich anfing, ihn zu imitieren, in Gestik und Mimik und in der Stimme. Die Literatur ist für mich eine wunderbare Schule gewesen, ein Refugium. Ich träumte davon, ein mittelalterlicher Zauberer zu sein, wie Merlin, oder ein Buffo. Ich war nie der Prinz oder der Kavalier. In den Romanen erschienen mir die Figuren immer realer, als jene, die mich umgaben. Über Figuren aus Büchern lernen wir ja das Innerste des Menschen kennen. Im alltäglichen Leben sehen wir die Gesichter, die Gesten. Aber Antworten auf das Wie, Warum, Woher finden wir eher in der Literatur.
Wenn Sie immer jemand anderes sein wollten, mögen Sie sich überhaupt, können Sie sich selbst ertragen?
(Lachen) Das ist wirklich eine sehr gute Frage! Ich finde mich sehr vergnüglich.(Lachen) Es stimmt, ich suche mich immer in anderen Menschen. Andererseits habe ich ja eine sehr starke Persönlichkeit. Auch ich als Rolando Villazón fließen in die Figuren ein.
Eigentlich heißen Sie ja gar nicht so...
Nein. Meine Uroma und ihr Sohn, mein Großvater, waren Österreicher. Mein Großvater flüchtete aus Österreich, er war Jude und hieß Emilio Roth. Den Nachnamen Villazón habe ich durch den Stiefvater meines Vaters erhalten. Übrigens: mein Großvater war ein richtiger Fußballstar.
Da kommt ja einiges zusammen...
Es geht noch weiter. Bevor meine Urgroßmutter starb, äußerte sie den Wunsch, dass ihre Urenkel ein bisschen von ihrer Kultur annehmen sollten. Und deshalb kamen wir in die deutsche Schule. Elf Jahre später, als ich aus der Deutschen Schule geschmissen wurde, lebte die Uroma aber immer noch (Lachen). Dann starb sie. Sie starb - à la Garcia Marquez - mit viel “realismo mágico”. Sie lebte in Cuernavaca, wir besuchten sie einmal im Monat, sie erzählte immer viel von Europa, was ich sehr faszinierend fand. In der Schule sah ich zwar die Landkarten, aber ich hatte keinen wirklich Bezug zu Europa. Meine Freunde haben immer die Ferien dort verbracht. Sie sprachen von Schnee und „Oh Tannenbaum“ und ich wusste nicht, wovon die Rede war (Lachen). Eines Tages rief Urgrossmutter an und sagte: „Ich werde sterben und ich liebe euch alle“. Eine Woche später sind wir dann zu ihr, doch das Haus war leer. Sie war verschwunden und wir haben nie erfahren wohin. Wie bei Remedios la Bella in „Hundert Jahre Einsamkeit...
Gehen Sie eigentlich immer noch vier Mal in der Woche zur Psychoanalyse?
Ja, jede Sitzung dauert 45 Minuten. Der Analytiker aber lebt in Mexiko und so telephonieren wir sehr viel.
Ihr Frau ist Psychologin...
Ja, aber ich bin nicht von mir, das wäre ja schlimm (Lachen). Sie hat mir das mit der Analyse allerdings vorgeschlagen. Zunächst war ich mehr als skeptisch, inzwischen hilft mir das sehr.
Inwiefern profitieren Sie davon als Sänger?
Das ist eine sehr gute Investition, um selber zu wachsen und sich zu entfalten, freier zu werden, was sehr wichtig ist für einen Sänger. Man kann viel von Lehrern lernen, dann aber muss eine innere Entwicklung stattfinden, man muss sich selbst verstehen lernen und mit den eigenen Widersprüchen klarzukommen. Nur so ist man imstande auch etwas zu etwa musikalisch zu vermitteln. Die psychologische Konstitution eines Sänger beeinflusst auch sehr die Klangfarbe, den Ausdruck seiner Stimme. Psychoanalyse hilft mir dabei.
Im August 2005 debütieren Sie in Salzburg mit Alfredo. Sie sind ja ein begabter Karikaturist, wie würden Sie Alfredo zeichnen?
Ich würde ihn wie als einen Jungen darstellen mit Lupe und vielen Fragezeichen und Ausrufezeichen versehen. Er ist ein Jüngling, der sich den großen erwachsenen Gefühlen in sehr jungem Alter aussetzt. Er verliebt sich in eine Kurtisane, zunächst patonisch. Und plötzlich lernt er sie kennen verbringt mit ihr leidenschaftliche Nächte, leidenschaftliche Tage, leidenschaftliche Morgen ... Ich habe an 15 Produktionen mitgewirkt und die Rolle bestimmt hundertmal gesungen. Sie bleibt für mich eine sehr schöne Rolle.
Was würden denn die Brüder Lasallistas zu Ihrem Aufstieg sagen?
Du hast gut getan Bruder. Das war Dein Weg (Lautes Lachen).
Erstellt: 01-12-05
Letzte Änderung: 01-12-05