Herr Honickel einen Film über Elias Canetti zu machen ist bestimmt eine Herausforderung, wie haben Sie sich diesem literarischen Großmeister angenähert?
Ich habe Germanistik studiert und habe ihn da im zweiten Semester sogar mal gesehen, als er im Januar 1976 in München den Ehrendoktor bekommen hat - das kleine Männchen mit diesem riesigen Löwenhaupt, mit dieser weißen Haarmähne. Dann konnte ich ein Jahr nach seinem Tod schon einen Film machen über die Zeit, die er zuletzt in Zürich verbracht hat: „Besuch in der Klosbachstrasse – Elias Canetti in Zürich“ (1995). Da ging es nur um diese Besuchsrituale, denen sich sein Verleger Michael Krüger oder auch Kollegen wie Paul Nizon, oder der Regisseur Hans Hollmann unterwerfen mussten. Er war mir also nicht ganz fremd, ich war etwas eingearbeitet. Natürlich musste ich alles lesen und dann ist ja die Pflicht des filmischen Biographen zu prüfen, was gibt es an Archivmaterial. Wir haben also alles gesichtet, was es im deutschen, österreichischen und schweizerischen Fernsehen gab. Und das Verblüffende war, dass er bis 1977, als „Die gerettete Zunge“ erschien, erstaunlich viel Fernsehen gemacht hat. Das waren Sachen, die zum Teil nur einmal in irgendeinem dritten Programm gelaufen sind und seitdem völlig verschollen waren. Das haben wir alles zu Tage gefördert, auch die Radiointerviews, er hat sehr viele Radiointerviews gemacht, die haben wir dann im Off verwendet. Zum Beispiel gibt es ein Gespräch von Canetti mit Adorno, auch aus den 60er Jahren. Das war mein Material, mit dem ich gearbeitet habe.Was hat Sie denn am meisten fasziniert an ihm, seine literarische, dichterische Seite oder seine wissenschaftliche, gelehrte Seite? Er hat ja auch einen ethnologisch-soziologischen Blick auf die Menschen gehabt?
Ich hatte immer ältere Freunde, früher als ich noch auf der Schule war, und als ich dann angefangen habe zu studieren. Von denen habe ich immer von Canetti gehört. Das waren zwei Fraktionen, einmal die Soziologen, die haben immer Canettis „Masse und Macht“ genannt, und dann die Hippies und die Kiffer, die haben immer „Die Stimmen von Marrakesch“ genannt, dieses kleine Reisebüchlein, das 1971 erschienen ist. Für mich war das Faszinierendste diese lange Exilzeit, die ein großes Geheimnis war. Er musste 1938 aus Wien emigrieren und hat in London gelebt bis 1971, als er das zweite Mal geheiratet hat, und von da an ist er zwischen Zürich und London gependelt. Man wusste eigentlich nichts über die lange, bittere Zeit in der er noch unbekannt war, in der er aber trotzdem der deutschen Sprache treu geblieben ist, obwohl es ein leichtes für ihn gewesen wäre auch auf Englisch zu schreiben, denn er ist ja in England eingeschult worden als Kind,. Für mich waren es also eher die persönlichen Koordinaten seines Lebens.
Ihr Film heißt „Elias Canatti – Der Ohrenzeuge“. Was ist mit dieser Metapher gemeint, wie ist sie zu verstehen?
Die Aneignung von Sprache lief bei Canetti immer über das Hören. Er ist ja 1905 in Rustschuk (Russe), in Bulgarien an der Donau geboren, wo seine Eltern Ladino sprachen, das ist das mittelalterliche Spanisch, das seine Vorfahren, die 1492 aus Spanien vertrieben wurden und sich dann im Mittelmeerraum und im Balkan angesiedelt haben, zu Hause noch gesprochen haben. Jetzt waren seine Eltern aber, da sie aus reichen Kaufmannsfamilien stammten, schon in Wien zur Schule gegangen, waren da auch oft im Burgtheater gewesen und Deutsch war quasi ihre Geheimsprache. Sie haben Deutsch gesprochen, wenn sie von den Kindern nicht verstanden werden wollten. Elias hat das immer gehört und hat ganze Sätze auswendig gelernt. Er wollte sich diese Sprache aneignen. Da die Eltern dann nach England gegangen sind, war aber die zweite Sprache, die er gelernt hat, also nach dem Ladino, das Englische. Dort ist er eingeschult worden, dann ist der Vater gestorben, also sind sie über die Schweiz wieder nach Wien zurück, wo er weiter die Schule besucht hat. In der Schweiz musste er auf Druck seiner Mutter in einem einzigen Sommer Deutsch lernen, und da sie ein französisches Kindermädchen hatten, lernte er auch Französisch. Er hat also vier Sprachen beherrscht, schon als Achtjähriger. Die Vierte war aber erst die deutsche Sprache. Er hat also ein besonderes Talent zum Hören entwickelt, und dann hat er Karl Kraus gehört, in den 20er Jahren in Wien. Canetti hat Chemie studiert, ging aber immer in die Lesung von Karl Kraus. Karl Kraus hat ganze Dramen öffentlich vorgelesen mit verstellten Stimmen. Das hat ihn so fasziniert, dass er den Begriff geprägt hat der Wortmaske. Er hat gesagt, alle Menschen haben Eigenarten im Sprechen, die sehr individuell sind. Insofern hat er das auch in seinen eigenen Theaterstücken, in der „Hochzeit“ und der „Komödie der Eitelkeiten“, später angewendet, diese „Wortmasken“, und er hat auch seine eigenen Sachen immer mit verstellten Stimmen gelesen. Daher ist der Begriff und der Filmtitel „Der Ohrenzeuge“ herzuleiten. Gleichzeitig war er auch ein Ohrenzeuge der großen Massenbewegungen des 20. Jahrhunderts, er hat dem Jahrhundert zugehört.
Canetti wirkt ja, wenn man ihn in ihrem Film im Archivmaterial sieht, nicht sehr freundlich, nicht sehr entgegenkommend, eher streng, auch hart, manchmal bis hinein die Diktion. War er eigentlich eher Misanthrop, vielleicht von den Menschen auch enttäuscht?Enttäuscht denke ich nicht, er war durchaus fasziniert von den Menschen. Er hat aber einen großen Hang zu Überheblichkeit gehabt, was man in den Filmdokumenten aus den 60er Jahren auch immer sehen kann. Deswegen denke ich, obwohl er sehr altersweise „Aufzeichnungen“ geschrieben hat - er hat sein ganzes Leben lang an diesen „Aufzeichnungen“ geschrieben, jeden Tag, die privat waren und sehr selbstbezogen – also auch wenn diese „Aufzeichnungen“ sehr altersweise sind, und er die Menschen immer fasziniert beobachtet hat, so denke ich, muss man doch auch streng mit ihm sein. Er war ein bisschen zu sehr auf sich bezogen, ich denke er war das was, man einen Hagestolz nennt.
Robert Menasse sagt ja auch an einer Stelle im Film, dass man ihn sowohl bewundern, wie auch verachten kann. Wäre das dann seine verachtenswerte Eigenschaft?
Ja, diese starke Selbstbezogenheit, aber ich glaube dieses „Verachten“, was Menasse im Film anspricht, das ist in Anführungszeichen zu setzen, das ist eben nur das Gegenteil von Bewunderung. Er war jedenfalls zu sehr von sich selbst überzeugt und hat deswegen den Blick für andere verloren. Er dachte wirklich ganz ernsthaft, er sei der größte Schriftsteller des Jahrhunderts, und es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis er entdeckt werde. Aber er hat darauf sehr lange warten müssen, er hatte ja erst im Rentenalter die ersten Erfolge, mit 65 Jahren.
Was ist zu Canettis heutiger Aktualität zu sagen, was kann er uns heute noch geben?
Er kann uns eigentlich alles geben in diesen erwähnten „Aufzeichnungen“ (*), wo ich nur anraten kann, sich diese Bände zu besorgen. Es sind mittlerweile fünf, sechs oder sieben Bände mit diesen täglichen Gedankensplittern, in denen immer der Mensch im Mittelpunkt steht, und das ganze Auf und Ab des 20. Jahrhunderts. Zum Teil sind das wirklich Sachen, die noch nie vorher geschrieben wurden, Gedanken, die noch nie gedacht worden sind, wie es Paul Nizon einmal gesagt hat. Man kann diese „Aufzeichnungen“ auch nicht am Stück lesen, man sollte sie vielleicht abends immer mal wieder zur Hand nehmen und zwei, drei oder vier Seiten davon lesen, und sie sich dann auf der Zunge zergehen lassen, also sich gedanklich damit auseinandersetzen.
*„Aufzeichnungen“ (entst. ab 1942, gedruckt in Buchform ab 1964).
Die „Aufzeichnungen“ liegen gesammelt vor in den Bänden:
„Die Provinz des Menschen; Aufzeichnungen 1942-1972“ (1973);
„Das Geheimherz der Uhr; Aufzeichnungen 1973-1985“ (1987);
„Die Fliegenpein“ (1992);
„Nachträge aus Hampstead; Aus den Aufzeichnungen 1954-1971“ (1994); „Aufzeichnungen 1992-1993“ (1996);
„Aufzeichnungen 1973-1984“ (1999);
„Aufzeichnungen für Marie-Louise“ (geschrieben 1942, posthum ersch. 2005).
Das Interview führte Thomas Neuhauser / ARTE (Juni 2005)







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