Natürlich. Wir verstehen uns als ein zeitgemäßes Theater, das Stellung bezieht, indem es zahlreiche Uraufführungen und zeitgenössische Stücke zur Aufführung bringt, mit neueren Theaterentwicklungen experimentiert (ich denke da z. B. an Stefan Pucher und René Pollesch) und das Theater öffnet für künstlerische Grenzüberschreitungen. Wir sind selbstredend nicht die einzigen, die das tun, aber ich denke schon, dass wir es kompromisslos verfolgen und uns damit deutlich positioniert haben. Für mich ist Theater nicht zu denken ohne gesellschaftliche, ohne politische Bezüge. Deshalb haben wir z. B. im letzten Jahr eine Afghanistan-Woche veranstaltet mit zahlreichen Aufführungen, Diskussionen, Filmvorführungen etc. Und wir setzen uns mit der Tradition auseinander. In der letzten Zeit haben wir uns verstärkt erfolgreich mit den „Klassikern“ beschäftigt (Romeo und Julia, Wie es euch gefällt, Don Karlos). Eine Reihe von sehr bemerkenswerten Regisseuren hat bei uns gezeigt, dass die Klassiker jung geblieben sind und auch jungen Zuschauern viel zu sagen haben. In Kürze wird diese Reihe fortgesetzt mit Kleists Der zerbrochne Krug in der Regie von Jürgen Gosch.
Ein großes Staatstheater europäisch auszurichten, ist leider nicht ganz einfach. Meine Arbeit im TAT in den achtziger und neunziger Jahren war damals wesentlich ein Einklinken in die internationale Theateravantgarde. Das hat sehr viel Spaß gemacht, lässt sich aber nicht immer übertragen. Die Sprache ist oft eine Barriere und manchmal bin ich auch enttäuscht über nicht sehr aufgeschlossene Zuschauer. Trotzdem ist das Schauspielhaus als subventioniertes Theater für mich auch ein Haus, das international agieren sollte und kann. So haben wir beispielsweise eine Produktion des Belgiers Michael Laub in unserem Programm, Porträts 360 sek, die sich mit dem Schauspielhaus und seinen Mitarbeitern beschäftigt. Oder wir laden regelmäßig den Regisseur Jan Lauwers mit seinen neuen Arbeiten zu Gastspielen ein.
Im Hinblick auf unseren zweisprachigen Zuschauerkreis ? Inwieweit nehmen Sie die französische Theaterwelt wahr und wie lassen Sie sich von ihr inspirieren?
Einer unserer jungen Regisseure am Haus, Laurent Chétouane, ist Franzose. Seine Inszenierung von Schillers Don Karlos, die vor kurzem im Schauspielhaus Premiere hatte, wurde von der Kritik sehr gelobt als Produktion eines Franzosen, der den Deutschen die Schönheit und Kraft ihrer Sprache zeige.
Ich schätze besonders den französischen Tanz in seinen neueren Entwicklungen. Der Choreograph Jérôme Bel ist mir sehr wichtig, seine Produktion The Show must go on! hat meine Schauspielhaus-Intendanz eröffnet und ist bis heute im Programm.
Mit der Theaterproduktion "What are you afraid of?" haben Sie ein offenbar kontraproduktives Verhältnis zwischen Ausgaben und Einnahmen aufgebaut. Glauben Sie, dass man mit so einem Projekt auf politischer Ebene ein Bewusstsein dafür erzeugen kann, dass Kunst nicht kostendeckend sein muss?
Diese Produktion brauchte aus künstlerischen Gründen einen besonderen Spielort. Die Regie-Idee von Stefan Pucher, das Stück in ein reales Auto zu verlegen, war genau richtig und hat bereits unzählige Zuschauer begeistert. Natürlich rechnet sich das nicht im betriebswirtschaftlichen Sinn. Aber was rechnet sich schon in der Kunst? Wenn wir mit dieser Aufführung zeigen, dass es in der Kunst nicht um Wirtschaftlichkeit geht, weil sich ihr Wert ganz anders bemisst – umso besser!
In Ihrem Beitrag "Was verdient das Theater?"(1) haben Sie das Sponsoring als Auslaufmodell bezeichnet und sich für Partnerschaften zwischen Theater und Firmen ausgesprochen. Worin sehen Sie die Unterschiede zwischen Sponsoring und Partnerschaft? Und inwiefern glauben Sie, dass Firmen und Privatpersonen heute eher zu Partnerschaften zum Theater geneigt sind?
Als das Sponsoring in den achtziger Jahren begann, verstanden sich die Firmen als Geldgeber, die im Gegenzug ihr Logo vermarktet haben wollten. Mehr nicht. Inzwischen ist es längst üblich, dass Firmen Kultur sehr viel ernster nehmen und sich an der inhaltlichen Arbeit beteiligen. Sei es, indem BMW uns das Auto stellt für die Produktion What are you afraid of?, sei es in Form von ganzen Stiftungen, die Kunstprojekte fördern, wie z. B. die Allianz-Kulturstiftung. Ich denke, dass die Zeit gegenseitigen Mißtrauens vorüber ist und sich die Zusammenarbeit in den nächsten Jahren noch intensivieren wird. Die Wirtschaft hat erkannt, dass sie sich in einer ästhetisch geprägten Gesellschaft mit der Zusammenarbeit mit Künstlern in wichtige Imageprozesse einklinken kann. Auch in den Theatern werden solche Partnerschaften zunehmend für besondere Projekte verwirklicht. Das heißt aber nicht, dass die Öffentliche Hand aus ihrer Verantwortung entlassen wäre. Staatliche Subventionen decken heute wie morgen die institutionellen Ausgaben ab, anders ist es gar nicht denkbar, dass eine Gesellschaft es sich leistet und leisten muss, dass Künstler Stellung beziehen zu gesellschaftlichen Entwicklungen. Und das völlig unabhängig davon, ob ihre Stimme vermarktet werden kann oder nicht. Es kommt darauf an, dass sie produzieren können, nicht nur darauf, wie viele Zuschauer sie damit gewinnen.
(1) In: Hilmar Hoffmann (Hg.), Kultur und Wirtschaft. Knappe Kassen - neue Allianzen. Köln 2001 (Dumont), S.127- 133.






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