-Sie sind in Ihrer Heimat Litauen so beliebt, dass Sie gleich für das Amt der Bundespräsidentin vorgeschlagen wurden...(Lacht) Ja, ich weiß nicht, vielleicht hatten sich Parteien dabei gedacht, sie brauchten eine Autorität. Ich habe, nach dem ich von dem Vorschlag hörte erst einmal eine halbe Stunde gelacht und dann wurde es ernster. Ich selbst bin ja in keiner Partei und dann habe ich sie gefragt, wie ich das denn so machen könnte? Dann haben die gesagt, das sei doch besser. Dennoch wusste ich auch: ich möchte eigentlich nur singen, das sind meine besten Jahre und ich fühlte, dass ich nicht die Kompetenz habe für ein solches Amt. Zudem wohne ich nicht in Litauen und fühle auch nicht den Puls der Zeit dort.
- Vermissen Sie Ihre Heimat?
Natürlich vermisse ich meine Heimat und meine Freunde, aber mein Leben ist doch hier. Ich mache immer nur irgendwie „Ausflüge“ nach Litauen und muss dann doch wieder weg. Das Leben dort ist ganz anders.
- Wie sind Sie aufgewachsen?
Meine Mutter war Leiterin eines Heimatmuseums in meiner Heimatstadt Marijampole (140 km von Vilnius entfernt) und hat es regelrecht aufgebaut. Mein Vater war Ingenieur.
- Inwiefern hat das kommunistische System Ihre Kindheit geprägt?
In unserer aller Kindheit hat sich das gezeigt. Die Chefetagen hatten Bananen und Ananas zu essen, wir standen in der Schlange. Es war aber nie so schlimm wie in anderen kommunistischen Staaten, es gab gute Wurst- und Käsesorten. Die Produkte sind von sehr guter Qualität, da ja Litauen Moskau mit Nahrungsmitteln versorgt hat. Es gab bei meiner Großmutter eine bestimmte Sorte von Äpfeln, die ich hier nicht finde. Mein Vater wäre bei seiner Begabung im Westen ein Millionär geworden, er hat einige Patente auf seine Erfindungen. Er hat Maschinen erfunden zur Verfütterung von Tieren. Stattdessen gab es einen Farbfernseher und eine Medaille.
- Haben Sie ein bisschen von dieser Fantasie geerbt?
Ja, aber eher zur Lösung von verschiedenen Problem im Alltag. Ich war nicht gut in Mathematik.
- Dafür aber im Singen. Wann haben Sie entdeckt, dass Sie ein Gefühl für die Bühne haben?
Das Gefühl kam erst später, aber die Stimme wurde gleich schon vom Gesangslehrer in der Schule bemerkt. Er fand, dass ich einen sehr großen Stimmumfang hatte und konnte mich überall einsetzen. Aber ich war immer sehr schüchtern. Die Passion zum Singen habe ich erst mit 16 entdeckt, mit den Aufnahmen der Callas. Es hat aber dann gedauert, bis ich anfing zu singen, ich war immer noch schüchtern. Ich wollte mich nicht so zeigen, so exponieren. Dann wurde aber die Leidenschaft größer und dann habe ich das überwunden.
-Was nicht leicht war, weil Ihre Gesangslehrerin Sie nicht gerade unterstützt hat.
Nein, meine Lehrerin war, na ja, wirklich eine... sehr starke Frau, ein wildes Weib. Die meisten Schülerinnen haben bei ihr geweint. Ich kam auch zu dem Punkt, an dem ich dachte, ich halte es nicht mehr aus. Dann aber dachte ich mir, was passiert dann mit denen, die ständig weinen? Ich habe mir dann gesagt: ich werde auf keinen Fall weinen, und wenn jemand weint, dann ist sie es. Beim Unterricht habe ich mich abgewendet und die Übungen schreiend durch das Fenster herausgebracht. Sie jammerte dann : „Ach, ich bin ja so eine schlechte Lehrerin“. Ich habe nichts mehr dazu gesagt auch dies auch nicht verneint. Das war ein Wendepunkt. Ich wusste, ab jetzt macht mich niemand mehr zur Schnecke. Ich bin natürlich sehr dankbar für das, was sie mir vermittelt hat, auch wenn sie manchmal zuwenig Vertrauen in uns gesetzt hat. Sie hat nicht geglaubt, dass ich überhaupt eine Karriere mache, weil meine Stimme nicht so selbstverständlich da war. Sie wusste nicht, ob ich ein Mezzo oder ein Sopran war...
- Sie wussten es aber auch nicht!
Ich musste lernen, mir selbst zu vertrauen. Ich war zunächst ein Sopran, habe verschiedene Arien des Sopranfachs gesungen. Wegen meines dunklen Klanges meiner Stimme wurde ich allerdings nach unten gedrückt. Und wenn ich Mezzo sang, versuchte ich immer auch die andere, die Sopranrolle, mitzusingen und fühlte mich darin so wohl. Ich war mit der Mezzolage nie wirklich glücklich. Die Kraft für den Sopran, auch die Töne, hatte ich immer schon. Schliesslich hat sich die Stimme allein befreit, und es war nicht mehr möglich, dass ich diese tiefen Partien singen konnte. Der Fachwechsel ist für mich unumkehrbar, auch wenn manche Kritiker das nicht verstehen oder für bedenklich halten.
- Hat das wenig kooperative Verhalten Ihrer Lehrerin Sie erst recht gestärkt?
Ja, es hat meinen Willen gestärkt. Sie ließ mich ja nie singen. Ich hatte Null Erfahrung als ich nach Deutschland kam, ich hatte kein Lied- und kein Operrepertoire und keine szenische Erfahrung. Alles habe ich mir durch Beobachtung angeeignet. Ich saß bei den Proben dabei, durfte aber nicht singen. Dann habe ich mir genau alles notiert. Ein Regisseur hat mich ausgelacht, ich dachte nur: Mal sehen, wer zuletzt lacht. Ich weiß nicht, was in mir drin war. Ich wollte einfach nur singen.
-Wie reagieren Sie heute auf Lob und Anerkennung?
Lob geht mir in ein Ohr rein und zum anderen wieder heraus. Lob ist, wenn mich ein Theater immer wieder engagiert und mich fragt, was ich denn singen will. Das ist für mich ein Lob. Fakten. Es freut mich aber auch, wenn Leute aufrichtig beeindruckt sind. Die Callas hat sich immer geärgert, wenn man ihre schöne Stimme gelobt hat. Sie hatte Recht, denn das ist kein Kompliment.
- Es heißt, Sie lieben Kino?
Ja. In unserem System war das wie ein Zug von frischer Luft, ein bisschen Freiheit. Mich haben die italienischen, französischen und deutschen aber auch gute russische Filme interessiert. Viele habe ich leider nicht sehen können, die wurden im Verborgenen gezeigt.
- Arte sendet nun den preisgekrönten Animationsfilm „Le Rossignol“ von Christian Chaudet, in dem Sie auch mitwirken. Wie war der Dreh in dieser digital erschaffenen Animationswelt voll märchenhaft bunter 3D-Effekte?
Interessant und seltsam, wir hatten ja nichts drum herum, keine Requisiten oder sonst was, nur Zettelchen. Der Produzent und Regisseur waren so überzeugt von ihrer Idee so enthusiastisch, fast konnte man glauben, sie seien wahnsinnig. Jede Sekunde war geplant und dargestellt und mit Anweisungen versehen, wie es gemacht werden sollte. Sie haben uns ständig erklärt und erzählt, was wir tun sollen..
-Wie ging das einher mit Ihrem Selbstverständnis als Musikerin, Sie handeln ja als solche oft intuitiv
Wir sangen im Playback, alles war ja schon aufgenommen. Insofern war das dann kein Problem.
-Welche Figur stellen Sie dar?
Ich verkörpere den Tod, 16 Takte lang, die Szene ist zehn Minuten lang. Doch der Tod ist da nicht so grausig, wie sonst. Ich bin in dem Film eine vulgäre Supermarktkassiererin mit einer Krone. Als Mezzo starb ich ja nicht so oft. Aber jetzt als Sopran habe ich mich daran gewöhnt, öfter auf der Bühne zu sterben, ob als Tosca, Gioconda oder Aida. (Lachen)






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