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08/10/04

Interview mit Waltraud Meier

von Teresa Pieschacón Raphael


- Wenn man in Würzburg aufwächst, hat man da eine besondere Affinität zur Musik Wagners?

Ich weiß es nicht. Ich wuchs auf in einer Umgebung, die es so kaum mehr gibt. Wir waren eine musikalische Familie im amateurhaften Sinne. Wir haben immer musiziert. Ich wuchs mit zwei Geschwistern auf, habe natürlich Flöte, Xylophon gespielt, aber am liebsten immer gesungen. Kaum hatte ich meine Hausaufgaben gemacht, bin ich zum Singen gegangen in unterschiedlichste Schulchöre. Nur soviel zu den Familiengeschichten.

- Sie studierten an der Würzburger Musikhochschule Musik?

Nein! Ich habe nie Musik studiert; ich habe Englisch und Französisch studiert und nach zwei Semestern schon am Theater in Würzburg vorgesungen und sofort die Stelle als Solistin bekommen. Ich war zwanzig, meine erste Rolle war die Lola aus der Cavalleria Rusticana.

- Dann sollen Sie Schauspielunterricht genommen haben...

Nein, das auch nicht. Bitte streichen! Ich habe alles von Regisseuren gelernt. Für mich war das sehr wichtig. Die ganze Opernwelt war bei uns nicht bekannt; ich war recht schüchtern und habe Zeit gebraucht, um mich frei zu spielen; ich meine, dieses von innen heraus sich frei spielen. In Würzburg hatte man das Gefühl, man konnte sich noch etwas verstecken. Dann später kam Mannheim, Dortmund und Hannover. In der so genannten Provinz konnte man sich ein Selbstbewusstsein regelrecht Schritt für Schritt aufbauen. Ich sehe heute bei Kollegen: die treten oft mit einem ungeheuren Selbstbewusstsein auf, fallen aber dann bei der kleinsten Kleinigkeit zusammen.

- Ihre schauspielerischen Qualitäten werden hochgelobt, wie wichtig ist das?

Ich sehe mich gar nicht mal als solche. Ich versuche nachzuempfinden, was in der Figur ist, und dann drücke ich es aus. Ich schauspielere nicht.

- Sie haben schon einen dramatischen Blick... so wie Sie jetzt gerade die Augenbraue hochziehen!

Ich könnte mein Gesicht auf tausend Arten verziehen. Das geschieht durch das, was ich innerlich denke. Das ist das Schlimme: Mein Gesicht kann nicht lügen, das ist manchmal ein Problem. Ich kann es nicht geheim halten. Das gelingt mir nicht.

- Hat sich das Gebärdenspiel von Opernsängern auf der Bühne im Laufe der Zeit geändert; war man früher vielleicht manierierter, pathetischer?

Das glaube ich so nicht. Es gibt ja auch heute verschiedene Ansätze. Denken Sie an Patrice Chéreau oder Harry Kupfer. Jeder hat eine eigene Sprache. Meine eigene Gebärdensprache hat sich bestimmt geändert, weil ich mich natürlich entwickelt habe und damit meine Ausdrucksweise. Ich habe kürzlich die Kundry gesungen nach langer Zeit. Ich hatte mich überhaupt nicht darauf vorbereitet. Ich war so glücklich und dankbar, dass mir ganz neue Dinge eingefallen sind.

- In einem Interview sagten Sie, in der Kundry stecke ein Portrait der Waltraud Meier...

Die Kundry ist uferlos, da ist alles drin. Das ist missverständlich, wenn ich sage, das ist die Waltraud Meier. Es ist zwar viel in der Kundry von mir drin, aber auch in anderen Figuren. Andere Teile von mir sind auch in der Isolde.

- Wie kann man in der Opernwelt überhaupt zu einer realistischen Selbsteinschätzung kommen? Man wird mit Rollen identifiziert, ist umgeben von Ja-Sagern, die einen tätscheln, weil sie ja von einem leben. Man bekommt oberflächliche Komplimente. Und auch auf die Musikkritik ist ja nicht unbedingt Verlass.

Nur durch viele, viele Erfahrungen. Aber man kann auch alt werden, ohne sich jemals des eigenen Tuns bewusst zu werden. Man muss sehr viel an sich arbeiten, nicht nur stimmlich, nicht nur, was die Partien anbelangt, sondern auch als Person. Man muss eine Balance finden, auf sich selber hören und kritisch sein, und auf andere hören, die ein gutes und aufrichtiges Urteilsvermögen haben. Ich habe schon Leute genervt mit Anrufen, weil ich gespürt habe, der weiß etwas und will es mir nicht sagen. Das macht mich ganz verrückt. Das ist ja auch eine Wertschätzung meiner Person, wenn man zu mir ehrlich ist.


- Was hat sich auf diesem Gebiet im Laufe der Jahre geändert?

Als ich in den Anfängerjahren war, kannte ich keine Furcht, keinen Misserfolg, ich war wie ein Tier. Doch ich glaube: Man darf nichts im Leben überspringen an Erfahrungen. Nur so wird man selbstkritischer, gleichzeitig wächst ein tiefes Vertrauen. Das hat mit Bewusstwerdung zu tun. Als großen Druck habe ich manchmal den Erwartungsdruck des Publikums empfunden. Die Menschen wollen immer mehr. Am Anfang kann man nur gewinnen...

- ...bzw. hat man nichts zu verlieren

(Lachen) Ja. So ist es. Ich halte es für sehr viel einfacher, eine Karriere zu machen als eine zu halten. Ich hatte mal eine Angstperiode, der ich mich gestellt habe und die ich dann überwunden habe. Die Gefahr ist, dass man sich in einen Habitus flüchtet und sich anschwindelt. Das wollte ich nicht. Ich habe dann auch sehr an mir gearbeitet.

- Elisabeth Schwarzkopf definiert Gesang als einen Hochleistungssport

Ja, das ist er auch. Aber für mich fällt er nicht hauptsächlich in diese Kategorie. Für mich ist der Gesang ein vollendeter Ausdruck einer Persönlichkeit. Ein Spiegel von einem selbst.

- Wie hält man diese ‚Entblößung‘ aus?

Indem man ganz bei sich bleibt. Ich stelle diese ‚Entblößung‘ auch in den Dienst der Kunst. Ich will ja etwas mitteilen. Ich nehme mich dann aber auch wieder ganz zurück, gehe nicht in jede Talkshow, lasse mich nicht überall vermarkten.

- Wenn ich mich nicht täusche, haben Sie sechzehn Wagner-Partien in Ihrem Repertoire. Wie gehen Sie die im Allgemeinen an?

Bei Wagner hat man immer einen sehr bewussten Umgang mit den klingenden Konsonanten.
Ich spreche mir zuerst den Text vor , um zu sehen, wo der Kern des Satzes ist. Bewusst werden, wach werden! Das ist es. Weiteres erschließt sich daraus, ob man der emotionale Teil, der Geschichtenerzähler oder einen kommentierenden Part hat. Das verlangt unterschiedliche Ausdrucksweisen.

- Wie kann man so etwas vermitteln? Sie selbst sind ja auch Dozentin

Ich habe höchste Hochachtung vor guten Gesanglehrern. Sie haben ja nichts Greifbares, wie etwa: ‚Tue mal den Gaumsegel nach rechts‘. Sie können nur über Bilder reden. Ich hatte ein Schülerin, die leierte mir die Elsa vor. Und ich sagte ihr: ‚Jetzt mache mal die Augen zu und stell dir deinen Ritter vor‘. Ich habe ihr nicht gesagt, wie er aussieht . Sie sollte ihn sich vorstellen. Und dann kam sie selbst mit Bildern an und es war eine andere Welt. Es war ihre Farbe. Das Bild muss authentisch von ihr erfühlt sein, nur so überträgt es sich auf das Publikum. Man muss im richtigen Moment die Augen zumachen und nach innen sehen. Wir gucken heute immer nur nach außen. Nicht, dass wir das nicht könnten. Aber wir verlernen das. Und was mir auch noch bei den Jungen auffällt ist eine ungeheure Mimosenhaftigkeit. Was wir da in Bayreuth manchmal haben durchhalten müssen, im unglaublich dickem Kostüm bei vierzig Grad! Ich sage Ihnen: die Waltraud im Plastikmantel und Plastikhelm auf den Knien; und wenn dann der Schweißi herunterläuft... das ist ein Vergnügen! Wenn es ganz schlimm kommt, dann sage ich mir: Da musst du eben durch! Durch! Fertig.

Erstellt: 16-08-04
Letzte Änderung: 08-10-04