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21/04/06

Interview mit Zamira Menuhin

Von Teresa Pieschacón Raphael


Lord Yehudi Menuhin wäre am 22. April 2006 neunzig Jahre alt geworden. ARTE zeigt an diesem Tag als Erstausstrahlung eine Dokumentation über den großen Violinvirtuosen: "Yehudi Menuhin in Hollywood"

  • Lesen Sie hier ein exklusives Interview mit Menuhins einziger Tochter, Zamira Menuhin. Sie ist Ehrenvorsitzende der von ihrem Vater gegründeten wohltätigen Organisation "Live Music Now".


- Frau Menuhin: als einzige Tochter und ältestes Kind sollen Sie Ihren Vater sehr nahegestanden haben. Was hatten Sie gemein außer den ähnlichen Gesichtzügen?
Vielleicht die introvertierte, die philosophische Ader und die Liebe zur Musik. Auch wenn wir nicht viel miteinander sprachen, waren wir sehr eng zusammen. Er war ja ein sehr beschäftigter Mensch.

- Wie sind Sie eigentlich aufgewachsen?
Ich bin in Amerika in New York großgeworden, mein Vater wurde von meiner Mutter geschieden, da war ich acht Jahre alt. Als ich etwa elf war, verließ ich meine Mutter und ging zu meinem Vater nach Europa, der mittlerweile wieder geheiratet hatte. Er nahm mich mit in die deutsche Schweiz und gab mich in ein Internat. Ich blieb bei ihm bis ich erwachsen war und war dann auch in Frankreich.

- Eine starke Entscheidung für ein junges Mädchen, die Mutter in New York zu lassen und zu einem Vater zu ziehen, der nicht viel Zeit hat.
Ich liebte meinen Vater abgöttisch. Wir hatten eine Art Seelenverwandtschaft. Meine Mutter war nicht immer eine glückliche Frau, das war für mich als Kind nicht einfach. Ich fühlte mich oft einsam. Meine Stiefmutter Diana Gould nahm ich mit offenen Armen auf, zudem waren da noch zwei kleine Halbbrüder. Man kann die Dinge nicht wirklich ändern, man muss sich in sein Schicksal fügen. Und das war nun einmal mein Vater für mich. Das war ein radikaler Schnitt. Denn in Amerika laufen die Dinge anders. Ich habe mich aber immer schon als Europäerin gefühlt.

- Wie ging es nach Ihrer Schulausbildung weiter?
Ich studierte in Frankreich zwei Jahre lang Französisch und Kunst. Dann ging ich nach Großbritannien und lernte einen chinesischen Pianisten kennen und wurde seine Künstleragentin. Ich musste alles machen, er wollte nur Klavierspielen und Üben und Reisen.

- Kannten Sie dies nicht von Ihrem Vater?
Ja, das kannte ich (Lachen). Nur, wenn man so berühmt ist, wie mein Vater es war, hatte man natürlich alle möglichen Leute zur Verfügung, die alles für einen erledigten. Das war natürlich nicht in meinem Fall möglich. Dennoch war es eine sehr interessante Zeit. Ich hatte noch einen kleinen Sohn aus dieser Ehe zu versorgen. Heute ist er aber schon recht alt, 42 Jahre alt.

-Sie trennten sich von Ihrem Mann
Ja, und ich lebte dann acht Jahre mit meinem Sohn alleine. Auf die Dauer mochte ich das Musikagenturgeschäft nicht mehr, es war recht schwierig. Ich ging nach Italien und arbeitete für den Buchverlag Mondadori. Meinen Sohn gab ich in ein schweizerisches Internat. Nach acht Jahren kehrte ich zurück nach Grossbritannien, ich wollte zurück zu meinen Wurzeln. Dort lernte ich meinen zweiten Mann kennen, einen Anthropogen.

-War der Name Menuhin je eine Last für Sie?
Nein, absolut nicht. Es wird zwar von einem mehr erwartet. Aber ich liebte meinen Vater, ich glaubte an all die Dinge, an die er auch glaubte. Ich mochte seine Art, mit Menschen umzugehen. Ich hatte nie die Ambition Musikerin zu werden, vielleicht war es deshalb auch einfacher, ein solches Verhältnis zu meinen Vater zu haben. Ich könnte mir vorstellen, dass es für meine Brüder etwas schwieriger war.

-Bruder Jeremy ist Pianist, von Gerard aber, einen weiteren Sohn aus Menuhins zweiter Ehe, heißt es ja, er schreibe Kommentare in rechtsradikalen Medien.
Das ist ein sehr schwieriges Thema für mich, obwohl ich seit 25 Jahren nicht mehr mit ihm gesprochen habe. Ich möchte nicht darüber sprechen.

-Ihr Vater galt in aller Welt unangefochten als moralische Instanz, war fast schon ein Denkmal. Wieviel integrierende Kraft hatte er denn zuhause, in der Familie?
Ich glaube das Verhalten meines Bruders wäre ein anderes gewesen, wenn mein Vater noch lebte. Ich will nichts mehr dazu sagen.

- Ihr Vater hinterließ der Welt neben vielen Aufnahmen auch die Verantwortung für eine Reihe von Organisationen und Projekten und der Jehudi Menuhin School.
Der Gedenkgottesdienst für meinen Vater fand in Westminster Abbey statt, mit Königen und Königinnen, also in einem sehr großen und pompösen Rahmen. Als ich herausging, kamen zwei Damen eilig auf mich zu und sie sagten zu mir, dass sie Unterstützung brauchten für die diversen Organisationen, unter anderen LMN, “Live music now“, deren Ziel es ist, junge begabte Musiker zu finden, die jenen Menschen die Musik nahe bringen könnten, die nie ein Konzert besuchen oder in einer existentiellen Notlage sind, etwa in Obdachlosenheimen oder Krankenhäusern. Ich bin Ehrenvorsitzende und kümmere mich so gut ich kann. Jahrelang habe ich selbst sehr viel fundraising gemacht, aber irgendwann merkte ich, dass es mir nicht wirklich liegt. Ihr habt in Deutschland ein sehr großes soziales Gewissen. Seitdem ich diese Arbeit mache, habe ich wunderbare Menschen kennengelernt. Sie haben alle den Spirit Musik zu lieben und gleichzeitig zu helfen.

Erstellt: 19-04-06
Letzte Änderung: 21-04-06