- In einem Interview sagten Sie: „Erst war ich im Gefängnis, dann war ich König und es dauerte einige Zeit bis ich ein normaler Mensch wurde“....
Ich meinte mit Gefängnis natürlich die DDR-Zeit. Und mit König meine Rollen, Doch eigentlich war es mehr ein Wortspiel, denn ich wäre auf jeden Fall meinen künstlerischen Weg gegangen.-Was wäre tatsächlich aus Ihnen geworden, wenn es keinen Mauerfall gegeben hätte?
Dann säßen wir auch hier. Ich wäre vielleicht einer der sogenannten Reisekader geworden, aber ich hätte schon international arbeiten können, vielleicht nicht ganz so in dem Umfang wie jetzt. Es hieß ja damals, dass Künstler sich haben instrumentalisieren lassen. Aber das gibt es in jedem System, weil Künstler einen starken Freiheitsdrang haben und den zurückzustellen ist nicht ganz so einfach. Ich möchte den kennen lernen, der eine Einladung zum Bankett mit einem Staatsmann, und sei er ein Diktator, ausschlägt. Es ist nicht so, dass mir das passiert wäre. Aber man kann Künstler nicht so pauschal verurteilen, man kennt immer nur die halbe Wahrheit.
-Wie sind Sie aufgewachsen?
Ich bin 1964 in Dresden geboren worden und dort auch bei meiner Grossmutter aufgewachsen. Meine Mutter ist Friseuse, mein Vater Koch, doch beide haben sich getrennt, als ich zwei Jahre alt war. Meine Großmutter war sehr musikbegeistert. Dresden hat ja vor dem Krieg einiges zu bieten gehabt und da war meine Großmutter als junges Mädchen fast täglich in Konzerten und in der Oper. Und auch der Vater meiner Mutter hat gesungen und war Operettentenor, hatte allerdings lange bevor ich geboren wurde damit aufgehört. Von dem habe ich wohl die DANN, meine Großmutter aber bahnte mir den Weg zur Musik.
- So kamen Sie wohl als kleiner Junge zum Dresdner Kreuzchor
Ja. Ich habe dann die nötigen Vorkehrungen treffen müssen, sprich Klavier lernen und Musiktheorie. Ich kam in ein regelrechtes Internat, wie bei den Thomanern. Wir beschäftigten uns von früh an bis abends mit Musik. Martin Flämig leitete damals den Chor. Ein Jahr bevor ich hineinkam war Rudolf Mauersberger gestorben.
- Inwiefern hat die SED Diktatur in dieses Leben hineinregiert?
Sieben Jahre war ich im Dresdner Kreuzchor, ab meinem neunten Lebensjahr. Ich habe mich nicht als sozialistische Persönlichkeit begriffen, habe die Dinge hinterfragt. Dadurch, dass wir auch viel reisen konnten, hatten wir vieles gesehen und verglichen. Das meine ich nicht nur in materieller Hinsicht. Als ich von der Schule gegangen bin, schaffte ich es ohne Abi sofort an die Hochschule und habe dort weitergesungen. Ich musste nicht zur Armee und habe dadurch auch nicht viel Zeit verloren.
- Finden Sie, dass dies im Nachhinein gut für Ihre persönlich emotionale aber auch künstlerische Entwicklung war?
Ich habe vieles gelernt. Vieles kam vielleicht zu früh, dadurch dass ich mit 22 Jahren schon engagiert wurde. Mit 25 bin ich Vater geworden. Dann ging die Reiserei los. Das war nicht ganz einfach. Wenn ich jetzt zurückblicke hätte man das eine oder andere später machen können. Aber eigentlich bin ich zufrieden mit dem, was ich geworden bin. Meine Kinder sind jetzt in der Pubertät und sie leben in Dresden. Ich lebe jetzt in Berlin.
-Von der Rollentypologie sind Sie ja als Bass auf autoritätsgeladene Figuren abonniert, auf Priester oder Väter. Mit was haben Sie als junger Mensch die dazu benötigte Reife wettgemacht?
Wir sind ja auch Schauspieler, man schlüpft in diese Rollen, die man privat nicht spielen wird oder möchte. Es macht ja viel Spaß dieses Verkleiden, dieses Hineingehen in verschiedene Charaktere und in verschiedene Sprachen, vom König, zum Priester, zum Vater, zum Hanswurst oder zum Don Juan. Das sind so vielschichtige Charaktere, die man im Leben gar nicht spielen will, weil es sonst zu anstrengend wird (Lachen). Mancher versteckt sich vielleicht vor seinem Leben in den Rollen. Einer meiner ersten Partien war der Gremin. Da hat man mir eine weiße Perücke aufgesetzt und mich angemalt und ich bin ein bisschen krumm gelaufen. Natürlich klang die Stimme sehr jung. Ich bin oft angegriffen worden, ich hätte eine zu junge Stimme für eine Partie wie Rocco oder Sarastro. -Na dann freuen Sie sich doch, dass man nicht das Gegenteil sagt!
Ja, ich sage denen immer: ‚Es ist besser mit zwanzig den Vater zu spielen als mit sechzig den jugendlichen Liebhaber’ (Lachen)
-Haben Sie Parallelen entdecken können zwischen sich und einer der Figuren, die Sie verkörpern?
Das ist ein Geben und Nehmen, von jeder Figur ist von mir etwas drin und umgekehrt. -Ist Ihnen das zuviel der Psychologie?
(Mmmh...) Sicher spielt man manchmal nur, aber wenn man gut sein will und das Publikum begeistern will, dann muss man schon mehr als nur zu sich sagen: ‚Ok. Jetzt ziehe ich mich um und dann bin jemand anderes’. Ich mache das jetzt über fünfzehn Jahre, das Ganze ist auch ein Teil von mir geworden. Wenn ich den König Marke singe, dann ist viel von meinem Privatleben dabei, wenn ich den Don Giovanni singe, dann ist einiges dabei... (Lachen)
-So, so...
(Lachen) Bei König Heinrich ist allerdings nichts dabei. Ich verwechsle natürlich nicht das Leben mit der Bühne, aber wenn man so ein Bühnentier ist wie ich, dann verfließen die Grenzen. Da wir so exzessiv arbeiten spielt alles ineinander.
-Sie sagen Sie seien ein Bühnentier; wie fühlt man denn das?
Komisch. Während ich die Partie des Gurnemanz im „Parsifal“ für New York studierte, dachte ich mir gegen Schluss: ‚Wenn Du dann auf der Bühne bist, wirst Du erleichtert sein, dass die Partie endlich zu Ende ist’. Als es dann wirklich soweit war, war ich regelrecht traurig, dass ich von der Bühne wegmusste, ich wollte weiter und weitersingen. Und so ist es bis zum heutigen Tag.
Interview: Teresa Pieschacón Rafael






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